«Jack and the Giants» heisst ein Fantasy-Abenteuerstreifen, der 2013 in den Kinos lief. Mit Jack Garratt hat der zwar nichts zu tun. Sein Leben aber dürfte Garratt derzeit wie ein Film vorkommen. Und mit Giganten kriegte er es ebenfalls zu tun. Denn der 24-Jährige aus Little Chalfont, Buckinghamshire, erhielt von der BBC den schmeichelhaften Stempel «Sound of 2016» aufgedrückt. Seit 2003 kürt die British Broadcasting Corporation unter dem viel beachteten Label «Sound of . . .» die jeweils hoffnungsvollsten Newcomer des Jahres. Unter Garratts Vorgängern finden sich Namen wie Adele, Ellie Goulding, Sam Smith. Eben: Giganten der aktuellen Popmusik. Sämtliche 13 bisherigen Gewinner reihten sich danach mit ihrem Debütalbum in die Top 5 der englischen Charts ein – die letzten drei grüssten gar alle von der Spitze. Die Ausgangslage ist also auch für Bartträger Garratt mehr als vielversprechend. Doch auch er muss sich der Frage aller Fragen bei derartigen Hochjubelarien stellen: Wird er den Vorschusslorbeeren gerecht?

Markant, so viel ist seit den ersten, viel beachteten EP-Veröffentlichungen klar, ist jedenfalls nicht nur die Gesichtsbehaarung dieses Multiinstrumentalisten, der einst am Junior Eurovision Song Contest scheiterte, später ein erstes Album schubladisierte und nach dem Abgang von der Uni eine Art verfrühte Midlife-Crisis durchlitt.

Wenn Garratt nun in «Breathe Life» die Protagonistin eindringlich bittet, Luft in seine «toten Lungen» zu atmen, dann ist das etwa so sinnvoll wie eine Mund-zu-Mund-Beatmung bei einer Mumie. Mit anderen Worten: völlig unnötig. Denn in Garratts quicklebendigen Atmungsorganen ist mehr als genug Puste drin. Er singt mit viel Gefühl, wechselt mühelos ins Falsett.

Überhaupt dieses «Breathe ¬Life»: ein ungemein smarter Song, irgendwo zwischen R’n’B, Elektro- und Indie-Pop, ¬unspektakulär zu Beginn, mit mehreren überraschenden Wendungen, einem eingängigen Refrain.

Knisternde Elektronik

Genau so wie «Weathered»: Der Gesang emotional, der Sound mal reduziert mit sanftem Piano, mal mitgeprägt von knisternder Elektronik. Dann erklingen Chöre, schichtet Garratt Soundschicht auf Soundschicht – bis am Ende nur seine Stimme bleibt. Und der Satz: «I found a way out.» Den Ausweg findet er tatsächlich – auf eindrückliche Weise. Anderswo brummen Basselemente, übernehmen verspielte Synthesizer oder Gospelelemente («I Know All What I Do») das Kommando. In «The Love You’re Given» wechselt ein durchdringendes Stimm-Sample plötzlich ins Verstörende – in einer elektronischen Soundlandschaft von schierer Intensität.

Es ist das Verblüffende an «Phase»: Nie ist klar, wohin sich die Songs entwickeln. Eine Unberechenbarkeit, die Garratt deutlich von durchschnittlichen Popsongschreibern abhebt. Und ihm mitunter ein Bein zu stellen droht: «Chemical» bleibt seltsam vage, als wisse der Song nicht, in welche Richtung er streben solle, und verliert so die emotionale Wirkung. «Far Cry» mit seiner Tempoverschärfung und jähen Elektroattacke ist nur eines der Stücke, die aus zwei, drei Songs zu bestehen scheinen. Was beweist: Dieser Mann hat Fantasie. Manchmal fast ein bisschen zu viel davon.

Trotzdem gilt für «Jack and the Giants» in der Version von Garratt: Abenteuer? Aber sicher. Fantasy? Nein – Garratts Potenzial ist pure Realität. Auch wenn ihn das (noch) nicht zum Giganten macht.