Porträt

Michel Piccoli ist tot. Er war das Gesicht des französischen Films

Der bekennende Atheist Michel Piccoli.

Der bekennende Atheist Michel Piccoli.

Der grosse französische Schauspieler Michel Piccoli ist mit 94 Jahren verstorben. Dank ihm blieb die Ära der Nouvelle Vague ewig jung.

Eigentlich meinte er es gar nicht so. Michel Piccoli tat auf der Leinwand alles, was Gott verboten hatte - schliesslich war er bekennender Atheist: Als Schauspieler schwelgte und brüllte er, er onanierte, grunzte und mordete. Es war eben die Zeit von Mai 68, die Nouvelle Vague eroberte das französische und bald auch das europäische Kino. In dem Skandalfilm «Das grosse Fressen» von Marco Ferreri liess sich Piccoli so weit gehen, dass man an der menschlichen Spezies verzweifeln konnte.

In diesen Szenen spielte der Künstlersohn, dessen väterliche Vorfahren aus dem Tessin stammten (daher sein Italienisch klingender Name), keine Rolle: Der Bürgerschreck war echt. So rächte sich Piccoli an seinen Eltern. Obschon Cellist und Pianistin, wollten sie ihren Sohn vom Schauspielunterricht abhalten. Ihr Enfant terrible bezeichneten sie später als «egoistisch, rassistisch und erzfranzösisch».

Raubein und sanfte Künstlerseele

Die familiären Blessuren reichten aber viel tiefer: Piccoli fühlte sich zeitlebens als blosser Ersatz, gezeugt von Eltern, die dank ihm über ihren anderen, verstorbenen Sohn hinweg kommen wollten. Schon der junge Schauspieler Michel sah nur mit seinen unflätigen Provokationen eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. «Wenn ich heute an all die Monster denke, die ich gespielt habe, an all diese dubiosen Charaktere, an all diese schrecklichen und beängstigenden Abgründe - dann war das für mich sicher auch ein Mittel, meine eigenen Geheimnisse hervorzubringen», meinte er einmal.

Aber der Mann mit den dicken Koteletten und Augenbrauen konnte auch anders. Hinter dem Raubein verbarg sich eine empfindliche, ängstliche, aber auch elegante Künstlerseele. Zum Ausdruck kam sie durch eine markante und zugleich weiche Stimme, die über mehrere Oktave hinweg alle Register vom Sarkasmus bis zur Verführung beherrschte. Das zeigte sich 1970 im Drama «Die Dinge des Lebens», in dem Piccoli unter der Regie von Claude Sautet nicht zum einzigen Mal den Partner von Romy Schneider gab. Studio- und Kunstfilme wie «Die schöne Querulantin» von Jacques Rivette im Jahre 1991 wurden erst dank der massiven, zugleich hochsensiblen Präsenz vom Michel Piccoli zu Meisterwerken.

Mit all seinen Charakterrollen kam der filmische Schwerarbeiter auf nahezu 200 Filme. Nur Gérard Depardieu, das andere «monstre» des französischen Kinos, kann damit mithalten. So hatte Piccoli schon 50 Filme im Kasten, als ihn Jean-Luc Godard 1963 neben Brigitte Bardot zur Hauptfigur von «Verachtung» machte. Der in Italien gedrehte Film mit unvergesslichen Szenen auf Capri war Piccolis Durchbruch. In «Topas» spielte er 1969 unter Leitung von Alfred Hitchcock; aber als Charakterdarsteller etablierte er sich endgültig in «Der diskrete Charme der Bourgeoisie» von Luis Buñel.

Das Gesicht des französischen Films

In seinen späteren Jahre spielte Piccoli oft auf Pariser Theaterbühnen. In die Annalen ging die Hauptrolle in Shakespeares «König Lear» ein; aber auch Stücke von Marguerite Duras oder Thomas Bernhard taten es ihm an. Weniger erfolgreich versuchte sich Piccoli als Regisseur. Noch 2011 imponierte er hingegen in Nanni Morettis Tragikomödie «Habemus papam» mit der äusserst vielschichtigen Hauptrolle eines gewählten Papstes, der seine Wahl nicht annimmt.

Obwohl Michel Piccoli während ein halbes Jahrhunderts ein prägendes Gesicht des französischen Kinos war, erhielt er nie dessen höchste Auszeichnung, den César. Ausgezeichnet wurde er beim Filmfestival in Cannes sowie den Filmfestspielen in Berlin, wo er für eine Rolle den silbernen Bären erhielt. Im gesamten deutschsprachigen Raum war Piccoli fast so bekannt wie in Frankreich. Dort zeigte er sich selten, abgesehen von sporadischen Gefühlswallungen wie etwa gegen den Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen.

Rastlos bis in sein Privatleben, war Piccoli dreimal verheiratet, unter anderem mit der Chanson-Sängerin Juliette Greco. Sie trauert heute genauso wie Godard oder wie sein Altersgenosse Jean-Louis Trintignant, einem Filmpartner in zahlreichen Streifen. Seit über vierzig Jahren lebte Piccoli mit der Szenaristin Ludivine Clerc zusammen, mit der er zwei polnische Adoptivkinder aufzog. Er sei in ihren Armen an einer Hirnblutung verschieden, liess die Familie wissen.

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