Literatur

Michael Hugentoblers Romandebüt: Im Rausch von Freiheit und Fremdheit

Für andere eine Schreckensvorstellung, für Michael Hugentobler (43) etwas vom Allerschönsten: Als komplett Fremder in einer komplett fremden Umgebung anzukommen.

Für andere eine Schreckensvorstellung, für Michael Hugentobler (43) etwas vom Allerschönsten: Als komplett Fremder in einer komplett fremden Umgebung anzukommen.

Dreizehn Jahre lang liess sich Michael Hugentobler um den Globus treiben. Nun hat er einen Roman über einen Seelenverwandten geschrieben

«Das ist ein schreckliches Bild», sagt Michael Hugentobler. Das Foto zeigt ihn, wie er in der Pose des Trophäenjägers einen toten Waran hochhält. Es stammt von der Recherchereise, die er vor zwei Jahren für seinen Roman gemacht hat: «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte».

Jahre zuvor war Hugentobler durch Zufall auf die Geschichte eines Schweizer Abenteurers gestossen, der im 19. Jahrhundert nach Australien gelangt war. Nach seiner Rückkehr hat dieser Louis de Rougemont zunächst in den Medien, dann in einem Buch über seine Reisen geschrieben und den autobiografischen Bericht mit fantastischen Geschichten ausgeschmückt.

Das Buch wurde zum Bestseller, weckte aber auch Misstrauen. Die Mehrheit der damaligen Journalisten hielt die Geschichten für Lügen: Fake News im 19. Jahrhundert.

Reisender, Reporter, Autor

Michael Hugentobler selbst ist alles andere als ein Hochstapler. Für ein Treffen hat er das Café Brändli in Aarau vorgeschlagen, der Ort sei für ihn der «Inbegriff des Schweizerischen». Behäbig, vielleicht gar ein bisschen bieder, andererseits traditionsbewusst und dadurch vertrauenswürdig – und ein Ort, an dem man gut allein sein könne, will heissen, nicht unter Gleichaltrigen. Das ist auch an diesem Vormittag so. Das Lokal ist voll, doch die übrigen Besucher dürften alle rund doppelt so alt sein wie der 1975 geborene Autor.

Michael Hugentobler spricht schnell und leise und alles, was er über seine eigene erstaunliche Biografie erzählt, klingt, als wäre es die grösste Selbstverständlichkeit. Zum Beispiel wie er mit einundzwanzig seinen Traum aus Kindertagen umsetzte und zu reisen begann. Nicht drei Monate, nicht ein Jahr, sondern ganze dreizehn Jahre war er rund um die Welt unterwegs – unterbrochen einzig durch Jobs, mit denen er sich in der Schweiz das Geld für weitere Reisen verdiente. «Eigentlich wollte ich gar nicht aufhören», erzählt er.

Vielleicht war es das Alter, vielleicht die Liebe, vielleicht eine gewisse Sättigung: Mit 34 «geschah es einfach» Schlag auf Schlag. Bei einem Job als Deutschlehrer lernte er in einer Arbeitskollegin seine Partnerin kennen. Bei einem Volontariat bei der «Aargauer Zeitung» entdeckte er, dass ihm die journalistische Arbeit «überraschend viel Spass» macht. Ein Dozent vermittelte dem Volontär der Lokalredaktion einen Auftrag für eine Reportage beim angesehenen «Magazin» des «Tages-Anzeigers».

Eine Dozentin ermunterte ihn, als er ihr von seiner Romanidee erzählte. Drei Jahre später vermittelte sie sein Manuskript an einen Lektor. Soeben ist der fertige Roman in einem der grossen deutschen Verlage erschienen. Heute verdient Michael Hugentobler seinen Lebensunterhalt mit Reportagen für «Das Magazin». Freiraum fürs literarische Schreiben schafft er sich dank PR-Aufträgen, etwa für eine Taschen-Marke. Und dann sind da noch seine beiden Buben, vier und zwei Jahre alt. «Ich bin jetzt Familienvater», sagt er mit verschmitztem Ernst und strahlt über das ganze Gesicht.

Die Sanduhr, die im Café Brändli mit dem Schwarztee serviert wird, um zu messen, wie lange die Teeblätter ziehen, stellt er beiseite. «Das habe ich lieber im Gefühl.» So wie sich Hugentobler überhaupt am liebsten mit seinem Gefühl durchs Leben treiben zu lassen scheint. Er schwärmt, wo andere verunsichert wären: «Etwas vom Schönsten ist es, in einen Nachtbus zu steigen und am nächsten Morgen als komplett Fremder in einer komplett fremden Umgebung anzukommen.»

Die Eindrücke seiner Reisen notierte er in Tagebücher. Oft schrieb er tagelang über eine Busfahrt von wenigen Stunden. Heute, in seinem neuen Leben als «Familienvater» mit Wohnsitz im Aargau, vermisst er die Freiheit einer solch absoluten Fremdheit – auch weil sie in der heutigen Zeit kaum noch möglich ist. «Mit Google und Tripadvisor kann man sich im Voraus bestens informieren.» Wäre er heute noch auf Reisen, würde er diese Hilfsmittel nutzen. Aus Bequemlichkeit und weil er es sinnlos findet, Zuständen nachzutrauern, die es nicht mehr gibt.

«Mir war das zunächst peinlich»

Und dennoch: Einer wie er findet noch immer genug Ecken, wo er sich in eine völlig fremde Welt hineinbegeben kann und das geniesst. Denn davon leben seine Reportagen. Ob er mit dem Behindertentheater Hora nach Südkorea fährt, wie in seinem allerersten Auftrag. Ob er die Mönche im Männerkloster auf Berg Athos besucht oder in den Mikrokosmos eines türkischen Coiffeursalons in der Schweiz eintaucht.

Oder ob er bei den Recherchen für seinen Roman dem Abenteurer aus dem 19. Jahrhundert in den australischen Busch hinterherreist. Schon immer hätten ihm die Leute von ihren Eheschwierigkeiten, von der Zukunft ihrer Kinder, von ihren Sorgen und Ängsten erzählt. «Mir war das peinlich, bis ich verstand, was für ein Glück das ist.»

Bei den Aborigines lernte er «eine ältere Dame» vom Stamm der Martu kennen. Durch sie konnte er mit den Jägern und Sammlern mitziehen und miterleben, wie sie Kängurus jagen, zerlegen und zubereiten. Er erfuhr, dass sie sich die Geschichte eines weissen Mannes erzählen, der bei ihnen gelebt, sich eine Frau genommen und mit ihr eine Tochter gezeugt hatte.

Ob dieser Mann Louis de Rougemont war, lässt sich nicht überprüfen. Aber Michael Hugentobler glaubt an einen wahren Kern von dessen fantastischen Abenteuern. «Anders als im normalen Leben gibt es die Wahrheit der Kunst, die etwas verfälscht, um es zu verdeutlichen.»

Mit seinem Romandebüt hat er für sich selbst diese künstlerisch überhöhte Wahrhaftigkeit entdeckt – und Gefallen daran gefunden. «Die Figuren aufeinanderprallen zu lassen, hat grossen Spass gemacht.» Im Alltag und bei seiner journalistischen Arbeit hält er sich jedoch eisern an die Fakten. Auch wenn ihn eine ähnliche Faszination für die Freiheit antreibt, ist Michael Hugentobler doch ein ganz anderer Mensch als sein exzentrischer Romanheld.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1