Heavy Metal

Metallica ohne Ermüdungserscheinungen: «Die Wut ist immer noch da und will raus»

© KEYSTONE

Metallica werden in diesem Jahr mit dem renommierten Polar-Preis ausgezeichnet. Die laufende Europa-Tour ist ausverkauft. Lead-Gitarrist Kirk Hammett spricht über Aggression, Lemmy und Jazz.

«Seit Wagners Gefühlsaufruhr und Tschaikowskys Kanonen hat niemand mehr eine Musik geschaffen, die so körperlich und wütend und doch so zugänglich ist», begründete die schwedische Jury. Der PolarPreis ist mit einer Million schwedischen Kronen (114 370 Franken) dotiert und gilt als eine Art Nobelpreis für Musik. Die Preisträger nehmen die Auszeichnung am 14. Juni in Stockholm in Gegenwart von Schwedens Königsfamilie entgegen. In der Musik von Metallica spielt Leadgitarrist Kirk Hammett (56) eine zentrale Rolle. Sein Spiel hat «Enter Sandman», «One» oder «Master Of Puppetts» zu Klassikern und Metallica zu einer der populärsten und einflussreichsten Metalbands gemacht. Auf «Hardwired ... to Self-Destruct», dem aktuellen Album, läuft Hammett zu Höchstform auf.

Kirk Hammett, als Band will man einerseits erkennbar bleiben, andererseits Neues wagen. Wie bewältigen Sie diesen Spagat?

Kirk Hammett: Als Band wollen wir uns weiterentwickeln und nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir wollen zeigen, dass wir immer noch ein kreatives, denkendes und arbeitendes Gebilde sind. Zurückzuschauen auf das, was wir bisher erreicht haben, reicht uns nicht. Da würden wir uns als Band überhaupt nicht wohlfühlen. Wir schalten lieber einen Gang höher und kreieren neue Musik, das stimuliert uns und fordert uns heraus.

Auf welche Weise fordern Sie sich selbst heraus?

Indem ich auf meiner Gitarre neue Sachen ausprobiere. Letztes Jahr habe ich mir zum Beispiel ein Saxofonsolo auf John Coltranes Album «Giant Steps» 500-mal angehört und dann versucht, es nachzuspielen. Daran kann ich als Musiker wachsen. So kriege ich Ideen und komme den Geheimnissen meines Instruments immer mehr auf die Spur. Das alles bringe ich dann wieder in die Band mit hinein und am Ende kommen dabei vielleicht drei verschiedene Gitarrensoli heraus.

Metallica-Songs fordern von Gitarristen hohe Virtuosität. Haben Sie sich die Virtuosität bei den Jazzern abgeschaut?

Ich liebe Jazz. Kürzlich hörte ich mir ein unverschämt geiles Solo von Charlie Parker an. Ich achtete in diesem Fall konzentriert darauf, welche Noten und Akkordfolgen er benutzte. Das ist musikalisch so was von reich! Ich liebe es, mich mit Musiktheorie zu beschäftigen, zum Beispiel damit, wie Noten, Akkorde und Skalen miteinander verknüpft sind. Nämlich auf sehr, sehr organisierte Weise. Gleichzeitig mag ich das Chaos eines Musikstücks. Jazz kann ja auch extrem chaotisch sein. Organisiertes Chaos. Diese Dinge faszinieren mich, seit ich Gitarre spiele. Am Anfang konnte ich natürlich noch keine Jazz-Akkorde beziehungsweise all diese Wechsel spielen, das kam erst mit der Zeit.

Welche Periode des Jazz hat es Ihnen am meisten angetan?

Ich liebe die «blaue Periode», ich liebe Bossa Nova, die frühe Jazz-Fusion-Periode und elektrischen Jazz. Die Liste ist endlos. Mein Lieblings-Jazzgitarrist ist Tal Farlow. Ein verdammt geiler Musiker, der seine Karriere in den 50er- und 60er-Jahren hatte und auf einmal die Musik ad acta legte, um fortan Werbetafeln zu malen. 15 Jahre später wurde er von jemandem wiederentdeckt und er fing wieder an, Platten aufzunehmen. Seine späten Sachen gehören sogar zu seinen besten. Wie Tal Farlow gespielt hat, hat mich sehr beeinflusst.

Welche Rolle spielt Ihre Gitarre neben James Hetfields Rhythmusgitarre auf dem neuen Metallica-Album?

James ist hauptsächlich für die Rhythmen und ich für die Leadgitarre zuständig. James kann definitiv auch geile Soli spielen und ich Rhythmen, aber wir ziehen es so vor. James gefällt es, schwere Riffs rauszuhauen, und ich stehe aufs Improvisieren und Solieren. Wir sind ein sehr gutes Team.

«Hardwired ... to Self Destruct» ist eine brutale Platte. Was ist der Grund für diese Rohheit?

Spass, es macht einfach Spass! Wir spielen gern schwere, rohe Musik. Sie ist höllisch therapeutisch, weil sie dir ein verdammtes Gefühl von Grossartigkeit gibt. In uns Menschen stecken ja aggressive, rohe, wilde Emotionen, und diese Musik beruhigt uns.

Was macht Sie wütend?

In vollem Bewusstsein meiner emotionalen Intelligenz kann ich sagen, dass ich eine schwere Kindheit hatte. Sie war alles andere als ideal und deshalb kocht in mir bis heute eine unglaubliche Wut. Als Fünfjähriger war ich total sauer auf meinen Vater, der nie da war. Im Lauf der Zeit lernt man, mit dieser Wut gesund umzugehen. Man versucht, sie zu verarbeiten und sie in etwas Positives umzuwandeln. In meinem Fall war das Kreativität. Heute kann ich diese Wut in etwas Wunderschönes umwandeln. Oder sie bringt mich dazu, etwas wirklich Zorniges zu spielen. Und manchmal ignoriere ich sie einfach. Wut ist für mich jedenfalls etwas ganz Natürliches.

Zwischen Aggression und Selbstzerstörung liegt nur ein schmaler Grat.

Sogar ein sehr schmaler. Entweder du gehst auf gesunde Weise mit deinen Aggressionen um oder du entscheidest dich für die extreme Version. Der Song «Hardwired ... to Self-Destruct» (Wir sind veranlagt zur Selbstzerstörung) geht im Wesentlichen darum, dass wir alle die Tendenz haben, im Leben eher schlechte Entscheidungen zu treffen und uns selbst zu schaden. Auch wenn die guten Entscheidungen viel naheliegender sind, wählen wir oft die schlechten.

Wie war das bei Ihnen?

Die meisten Menschen versuchen, negative Gefühle mit Drogen, Alkohol, Sex, Essen oder Gambling zu kompensieren. Auch bei mir waren es anfangs Alkohol, Drogen und Frauen, aber irgendwann hat das nicht mehr funktioniert. Ich wurde sogar noch zorniger und aggressiver. Irgendwann hatte ich mit meinem Verhalten alle Menschen um mich herum verletzt. Dann hörte ich auf zu trinken. Das war vor zwei Jahren. Was für ein Unterschied!

Ist die Wut immer noch da?

Sie ist immer noch da, sie pulsiert unhörbar unter der Oberfläche meines Lebens und will raus. Es jagt mir ein bisschen Angst ein, wie leicht ich mir die Wut zunutze machen kann. Deshalb spiele ich meine Gitarre auf sehr aggressive Weise. Ich schlage die Saiten mit harten Plektren richtig brutal an und oftmals reissen sie. Es ist wie eine Attacke. Ich habe schon immer so aggressiv gespielt. James, Lars und ich sind verwandte Geister, als wir uns das erste Mal trafen, spürten wir sofort, dass wir alle «fucking angry» sind.

«Murder One» ist eine Hommage an Lemmy Kilmister von Motörhead, der vor einem Jahr starb. Hat er sich selbst zerstört?

Ja, das würde ich sagen. Die meisten Künstler sind so. Auch ich habe die Tendenz, mich selbst zu zerstören. Wenn ich trinke, dann tue ich das rücksichtslos. In dem Moment ist es mir egal, ob es mir schadet. Die Vorstellung, in Flammen unterzugehen, ist sehr romantisch.

Was war Lemmy für Sie – Lehrer, Vater, Freund, Idol?

Auf jeden Fall ein Lehrer. Er hat mir gezeigt, wie man sich verhält im Angesicht von so viel Bullshit, wie man echt bleibt in der fucking unechten Showbiz-Welt. Aber er war für mich auch eine Vaterfigur. In seiner Gegenwart habe ich mich immer sehr wohl gefühlt, aber gleichzeitig verbreitete er eine Aura der Autorität. Genau das tun Väter überall auf der Welt. Und ich denke, er war für mich auch ein Mentor. Lemmy hat fucking great Music geschrieben. Sein Sound war verdammt einzigartig. Er hat nie einen Rückzieher gemacht.

Sein Gesang wurde beschrieben als «Röcheln wie ein verwundetes Raubtier».

Seine Stimme klang verdammt geil. Manche meinten, er konnte überhaupt nicht singen, für mich sang er wie Frank Sinatra. Er war ein Sinatra mit viel Verzerrung. Lemmy war ein Teil unseres Lebens, wer in meiner Generation war nicht von ihm beeinflusst? Er hat alles vorweggenommen. Motörhead ist ein Fest.

Ihr letztes Studioalbum wurde von Rick Rubin produziert, diesmal sass Greg Fidelman an den Reglern. Was unterscheidet diese beiden Starproduzenten?

Rick Rubin steht für einen sehr spezifischen Drumsound, den er allen Bands vorschlägt, die er produziert. Er mag es, Musik sehr trocken aufzunehmen. Greg Fidelman hingegen liebt die richtig fette Kost. Mit sehr viel Hall. Deshalb klingen «Death Magnetic» und «Hardwired» auch so ungleich. Der Drumsound macht den Unterschied. Ein Sound wie ein Schlag ins Gesicht.

Welche Rolle spielt der Produzent bei Metallica?

Wenn jemand als fünftes Bandmitglied von Metallica bezeichnet werden darf, dann Greg Fidelman. Kein anderer hat das Metallica-Chaos und die Metallica-Vision so verinnerlicht wie er. Für uns gehört er derzeit mit zur Band. Wir diskutieren mit ihm Ideen und fragen ihn nach seiner Meinung über unsere Auftritte. Greg ist so engagiert, dass er auch nach dem Studio noch auf uns aufpasst. Das ist kostbar.

Live: 7. und 9. April: Stuttgart, Schleyerhalle; 11. April: Genf, Palexpo; 26. April: München, Olympiahalle; 30. April Leipzig (alle ausverkauft).

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