Meret Oppenheim
Guide zu den laufenden Ausstellungen: Der Superstar der bildenden Kunst in sechs Punkten

Was macht Meret Oppenheim als Mensch und als Künstlerin so einzigartig und vorbildlich für spätere Generationen? Ihr Genie war gross, und ihr Leiden daran nicht kleiner.

Daniele Muscionico
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1. Clan

Merets Oppenheims Grossmutter war die Frauenrechtlerin und international erfolgreiche Schriftstellerin Lisa Wenger. Ihr bekanntestes Buch ist «Joggli söll ga Birli schüttle.»

Merets Oppenheims Grossmutter war die Frauenrechtlerin und international erfolgreiche Schriftstellerin Lisa Wenger. Ihr bekanntestes Buch ist «Joggli söll ga Birli schüttle.»

Bild: PD / Naomi Gregoris

Kunst war in Meret Oppenheims Elternhaus omnipräsent. Ihre Tante war kurze Zeit mit Hermann Hesse verheiratet. Bei den beiden in Carona lernte sie als Kind auch Hugo Ball kennen. Merets grosses Vorbild war ihre Grossmutter, die Frauenrechtlerin und international erfolgreiche Schriftstellerin Lisa Wenger, die eines der schönsten und bis heute populärsten Kinderbücher der Schweiz illustriert hat, «Joggeli söll ga Birli schüttle». Oppenheim arbeitete bis 1949 in Lisa Wengers Basler Wohnhaus in einem Atelier über der Garage.

2. Unisex

Androgyner Auftritt, exzentrische Ansichten: Meret Oppenheims Persönlichkeit und ihr Schaffen waren ihrer Zeit voraus.

Androgyner Auftritt, exzentrische Ansichten: Meret Oppenheims Persönlichkeit und ihr Schaffen waren ihrer Zeit voraus.

Bild: Margrit Baumann

Meret Oppenheim erfand sich immer wieder neu. Sie zeichnete, nähte, malte, modellierte, klebte, fotografierte, schrieb Gedichte. Das Haar millimeterkurz, die Anmutung androgyn, die Kleidung extravagant, sie entwarf sie in grossen Teilen selbst. Ihr Look war Unisex für ein drittes Geschlecht. Kein Modehaus wollte ihre Entwürfe realisieren, obwohl die Künstlerin das Geld dringend gebraucht hätte. 40 Jahre später nimmt Jean-Paul Gaultier an ihren avantgardistischen Schnitten Mass und schreibt Modegeschichte.

3. Selbstbestimmung

Von den Surrealisten-Kollegen als surrealistisches Werk definiert: Oppenheims «Pelztasse» machte die 23-jährige über Nacht berühmt.

Von den Surrealisten-Kollegen als surrealistisches Werk definiert: Oppenheims «Pelztasse» machte die 23-jährige über Nacht berühmt.

Bild: Getty

Meret Oppenheim kämpfte lange erfolglos gegen ihre Enteignung als Künstlerin. Sie opponierte gegen ihre Instrumentalisierung als kreative Muse des männlichen Surrealisten-Zirkels . Doch André Breton taufte die «Pelztasse» der 23-Jährigen um in «Déjeuner en fourrure». Und schäbige 2000 Franken bezahlte Alfred Barr, Direktor des MoMA in New York, dafür, der damit seine noch junge Sammlung aufwertete. Auch Man Rays berühmte Aktaufnahme von ihr mit dem Druckerpresserad unterschlägt den Namen der Künstlerin. Man Rays Ansicht war: «Wenn eine Frau in der Kunst nur Frau ist, genügt das reichlich. Als solche muss sie jung und hübsch sein und so unverändert wie möglich.» Meret Oppenheims Kampf für eine eigene Stimme führte in Lebenskrisen und Depressionen.

4. Hühnergericht

Weibliche Insignien dressiert als Hühnchen und serviert auf dem Silbertablett. Oppenheim sprach auch künstlerisch eine klare Sprache.

Weibliche Insignien dressiert als Hühnchen und serviert auf dem Silbertablett. Oppenheim sprach auch künstlerisch eine klare Sprache.

Bild: Albin Dahlström © 2021, ProLitteris, Zurich

Die Fesseln weiblicher Rollenzuschreibungen, an denen sie litt, sind am schärfsten und auch am ­poetischsten sichtbar in ihrem Werk, das als Hühnergericht auftritt: Zwei umgedrehte Pumps serviert auf einem Silbertablett und weissem Linnen. «Ma gouvernante, my nurse, mein Kindermädchen» (1936) heisst das Werk. Es spielt an auf die Erziehung der Frau durch diverse Instanzen, um aus dem Kind schliesslich ein «dressiertes» Stück Genuss zu machen. Assoziationen zum «dummen Huhn» liegen auf dem Tisch.

5. Amazone

Der Meret Oppenheim-Brunnen, eingeweiht 1983 auf dem Berner Waisenhausplatz. Die Berner hassten und verspotteten ihn zunächst.

Der Meret Oppenheim-Brunnen, eingeweiht 1983 auf dem Berner Waisenhausplatz. Die Berner hassten und verspotteten ihn zunächst.

Bild: Keystone

Sie führte klare Worte, um die Frau als selbstständige Künstlerin zu etablieren. In ihrer Rede zur Verleihung des Kunstpreises der Stadt Basel 1975 erklärte sie: «Bei den Künstlern ist man es gewohnt, dass sie ein Leben führen, wie es ihnen passt, und die Bürger drücken ein Auge zu. Wenn aber eine Frau das Gleiche tut, dann sperren sie die Augen auf. Das und vieles muss man in Kauf nehmen. Ja, ich möchte sogar sagen, dass man als Frau die Verpflichtung hat, durch seine Lebensführung zu beweisen, dass man die Tabus, mit welchen Frauen seit Jahrtausenden in einem Zustand der Unterwerfung gehalten werden, als nicht mehr gültig ansieht!»

6. Biblisch

Im Bild «Das Leiden der Genoveva» malt sie 1939 eine schwebende Frau mit gebrochenen, «ausgelaugte» Armen. Es ist ein Symbol ihrer eigenen Ohnmacht.

Im Bild «Das Leiden der Genoveva» malt sie 1939 eine schwebende Frau mit gebrochenen, «ausgelaugte» Armen. Es ist ein Symbol ihrer eigenen Ohnmacht.

Bild: Keystone

Bis ans Ende ihres Lebens mischte sie sich in den Diskurs zum Thema «Frauen und Kunst». Die Frauenbewegung ab den 1970er-Jahren hatten in ihr eine Fahnenträgerin und sie fand in der Schwesternschaft ein geistiges Zuhause. Souverän und ironisch forderte sie: «Man sollte sich daran erinnern, dass es Eva war, die zuerst vom Apfel am Baume der Erkenntnis, also des bewussten Denkens, gegessen hat.»

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