Porträt
Mehr Oberlehrer als Satiriker: Dieter Nuhr ging auf Weltreise

Auf der Bühne wirkt der deutsche Star-Kabarettist Dieter Nuhr eher wie ein Volkspädagoge mit sarkastischen Bemerkungen. Liest man sein neues Buch über seine Reisen fast in alle Länder der Erde, versteht man seinen Ärger über unsere Empörungskultur besser – scheinbar.

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Dieter Nuhr bei einem seiner Auftritte mit seinem Soloprogramm.

Dieter Nuhr bei einem seiner Auftritte mit seinem Soloprogramm.

Holger John / www.imago-images.de

«Der Herbst kommt. Ich bin gespannt, was Greta macht. Heizen wird es wohl nicht sein.» Kein anderer Witz in Dieter Nuhrs ARD-Show hat einen grösseren Shitstorm ausgelöst als dieser im Herbst 2019 über die Klimaaktivistin Greta Thunberg. Nuhrs Zusatzpointe: «Ich werde, weil meine Tochter zu den Fridays-For-Future-Demos geht, in ihrem Kinderzimmer nicht mehr heizen.» Klar: Schlotternde Mädchen mit Eiszapfen an der Nase im Kinderzimmer als groteske Strafe für naive Weltverbesserungsideologie kann man als Bild lustig finden. Auch wenn das Motiv nur Schadenfreude sein sollte.

Wie vielen TV-Satirikern geht es Nuhr weniger ums Lachen als um seine eigene Welterklärung

Vielleicht hätte man über den Witz gelacht, wäre er als Sketch gespielt worden. Zum Beispiel von der grossartigen «Knallerfrauen»-Schauspielerin Martina Hill, die sich auf schusselig-doofe Figuren spezialisiert hat und solche unter anderem in der satirischen «Heute-Show» im ZDF spielt. Aber Dieter Nuhr geht es, wie unterdessen vielen TV-Satirikern, gar nicht so sehr ums ­Lachen, sondern um seine eigene Welterklärungsbotschaft, mit der er alle Witze relativiert: «Ich finde es gut, dass es Greta gibt, dass die Dringlichkeit des Problems klar wird und dass Ingenieure zu arbeiten beginnen», sagt er auf der Bühne. Aber technischer Fortschritt werde das Klima eher retten als sozialistisch angehauchter und propagierter Konsumverzicht. Das kommt bei vielen gut an.

Ein wenig zu oft sagt er: «Verstehen Sie mich nicht falsch!»

Satire verspottet seit je Widersprüche, Bigotterie, Ideologien und naive Fantastereien. Aber arbeitet sich Satire traditionell nicht an jenen ab, die Macht haben oder mindestens Missstände zu verantworten hätten? Und vielleicht weniger an 16-Jährigen? Ja, schon, aber man sollte das locker nehmen. Lachen darf man auch über Kinder. Nur droht halt altväterliche Überheblichkeit. Und das ist Nuhrs Methode und Problem: zuerst zwei, drei spöttische Seitenhiebe, dann die glasklare Belehrung. Da nimmt uns einer die Arbeit ab, Satire selbst zu verdauen. Und wenn ein Satiriker in seinem Programm immer wieder sagt: «Verstehen Sie mich nicht falsch!», hält er sein Publikum womöglich für doof.

Aber Coronaleugner findet er auch bekloppt

Dauernd betont Nuhr im Gegenzug, dass er Verschwörungsschwurbler und Coronaleugner, AfD-Antidemokraten und Klimaskeptiker und Empörte, die sich über Transmenschen ärgern, allesamt für «bekloppt» hält. Lieber noch arbeitet er sich aber am Gendersternchen und an der Cancel Culture ab, beklagt Wehleidigkeit und aufgebauschte Hysterie auf allen Seiten. Auf der Bühne wirkt das leider bieder. Denn mit anarchischem Klamauk, Persiflagen oder Sketchen hat er es nicht. Deshalb wirken seine Monologe oberlehrerhaft.

Sein Bildband seiner Reisen in alle Welt illustriert Dieter Nuhrs Kulturkritik

Was Dieter Nuhr an den radikalen Klimaschützerinnen, Nationalisten, Demokratieverächtern und Kapitalismuskritikerinnen ärgert und worüber er in seinen TV-Auftritten spottet, das bekommt in der Lektüre seines neuen Buches «Wo geht’s lang?» einen grösseren Horizont. Die Forderungen nach Konsumverzicht, Flugscham und Tourismusverbot, die Überheblichkeit gegenüber anderen Kulturen, bornierter Nationalismus und die Romantisierung des Sozialismus – alles das könne man nicht mehr allen Ernstes propagieren, wenn man die Realität ausserhalb Westeuropas erlebt habe, schreibt er.

Selbst grün-alternativ sozialisiert und Gründungsmitglied der Grünen, sagt er heute: «Irgendwann habe ich die Realitätsverweigerung nicht mehr hingekriegt.» Der Rhein sei in seiner Jugend eine Kloake aus Scheisse und Chemie gewesen, heute würden darin Lachse schwimmen. Deshalb argu­mentiert er am liebsten mit Pragma­tismus und vor allem mit der Wissenschaft.

Foto von Dieter Nuhr aus seine, Buch "Wo geht's lang?": Kloster Tsemo in Nordindien.

Foto von Dieter Nuhr aus seine, Buch "Wo geht's lang?": Kloster Tsemo in Nordindien.

Dieter Nuhr

Schöne, stimmungsgeladene Reisebilder von Chile über den Himalaya bis Japan

Als Weltreisender war Dieter Nuhr schon in fast allen Ländern unserer Erde. Sein Buch ist eigentlich eine Provokation: Da breitet einer seine durchgehend sehr schönen, stimmungsgeladenen Reisebilder mit viel Natur und Kultur aus – von Chile über Peru und New York bis Japan, von China, Nordkorea, Neuseeland und dem Himalaja bis zu Südafrika, Jemen und Israel, Bulgarien, Portugal und der Schweiz. Ist natürlich frech allen gegenüber, die derzeit aufs Reisen verzichten müssen.

Foto von Dieter Nuhr aus seine, Buch "Wo geht's lang?": Rangun Myanmar

Foto von Dieter Nuhr aus seine, Buch "Wo geht's lang?": Rangun Myanmar

Dieter Nuhr

Erhellend sind seine dazugestellten Texte: Seine letzte Vor-Corona-Reise führte ihn im Februar 2020 nach Kambodscha. Was er dort sah? Angkor Wat, menschenleer. Für Nuhr ein Schlüsselerlebnis: «Was für uns ein Geschenk war, war für die Kambodschaner eine Katastrophe. In Siem Reap leben 110 Prozent der Menschen vom Tourismus.»

Dieter Nuhr wiederholt dies oft und stellt sich schon im Vorwort dezidiert gegen die Idee, dass Corona einen Teil der Globalisierung rückgängig macht und das Reisen reduziert. Reisen relativiere Vorurteile und Fantastereien von selbstgefälligen Stubenhockern. Und: «Abertausende Chemiker und Ingenieure arbeiten an klimaneutralen Flugkraftstoffen. Mein Favorit ist der grüne Wasserstoff.» Da markiert einer Optimismus – einer, der Weltuntergangsszenarien verspottet. Die Deutschen hätten leider dazu eine besondere Neigung, meint er.

Foto von Dieter Nuhr aus seine, Buch "Wo geht's lang?": Eilean Donan Castle in Schottland

Foto von Dieter Nuhr aus seine, Buch "Wo geht's lang?": Eilean Donan Castle in Schottland

Dieter Nuhr

Einer, der sich das Staunen über die Vielfalt nicht nehmen lässt

Dass er generell Marktwirtschaft und Tourismus als Wohlstandsbasis für viele Regionen lobt, zielt gegen den linken Mainstream, wirkt aber naiv und blendet Nebenwirkungen wie Prostitution, Ausbeutung von Arbeitskräften und Naturzerstörung aus. Das ist womöglich dem Motiv des Autors geschuldet, in diesem Buch das Staunen über die Vielfalt und Kreativität der Menschen und den Genuss der Schönheit der Natur wiederzubeleben.

Denn unsere Probleme seien im Vergleich zu den Problemen im Rest der Welt harmlos und die Empörung darüber lächerlich. Wenn er etwa in Kairo sieht, dass dort Tausende aus Armut illegal auf Friedhöfen leben, schreibt er uns «Demut» ins Gewissen. Wenn er in Bulgarien oder Estland die Ruinen des Realsozialismus fotografiert, schreibt er uns «marktwirtschaftliche Zusammenarbeit» auf die Fahne. Und hält doch noch eine augenzwinkernde Pointe bereit. Er gesteht nämlich, dass der Mount Everest am schönsten sei, wenn man ihn aus einem Helikopter betrachtet.

Dieter Nuhr: Wo geht’s lang? Ungewohnte Blicke auf eine ziemlich fremde Welt, Lübbe, 240 Seiten.