Wenn ein Filmfestival wie Locarno sein neues Programm vorstellt, dann werden üblicherweise ganz viele Namen runtergelesen: von Filmen, von Juroren, von prominenten Gästen. Bei der gestrigen Pressekonferenz in Bern war das nicht anders.

Aber ein ganz bestimmter Name – der wichtigste – fehlte: jener von Carlo Chatrians Nachfolger oder Nachfolgerin. Chatrian ist seit 2013 der künstlerische Leiter des Locarno Festival, nach der diesjährigen Ausgabe (1.–11. August) zieht es ihn bekanntlich an die internationalen Filmfestspiele Berlin, wo er ab 2020 den Chefposten übernimmt.

«Wir sind glücklich für Carlo, hätten aber gerne noch ein paar Jahre weiter mit ihm gearbeitet», sagt Locarno-Festival-Präsident Marco Solari. Bei der Suche nach der Nachfolge wolle man sich im Tessin Zeit nehmen. Ungefähr 30 Kandidaturen seien eingegangen (Solari: «90 Prozent davon sind sehr gut»), und eine von ihnen werde den Zuschlag erhalten.

Laut Solari werde vor dem anstehenden Festival noch nichts entschieden, aber direkt danach könne es schnell gehen: «Ich nehme an, dass wir Ende August die Nachfolge von Carlo Chatrian präsentieren können.»

Ein Hauch Berlin in Locarno

Chatrian seinerseits betonte, dass er voll und ganz auf sein letztes Locarno Festival fokussiert sei. Der 46-jährige Italiener wirkte selbstbewusster als in früheren Jahren, sprach deutlicher und lauter, aber «noch nicht auf Deutsch», wie er grinsend und in Hinblick auf seine kommenden Aufgaben witzelte, sondern nach wie vor auf Französisch.

Durch das letzte Filmprogramm, das er für Locarno zusammengestellt hat, weht schon mal ein Hauch Berlinale. Galt Chatrians Augenmerk in früheren Jahren vornehmlich ernsten Stoffen aus kleineren Filmnationen, versprach er nun «mehr Leichtigkeit, mehr Komödien, mehr Filme für das grosse Publikum».

Das beginnt schon am Eröffnungsabend auf der Piazza Grande: Auf den Dick-und-Doof-Kurzfilmklassiker «Liberty» aus dem Jahr 1929, begleitet von Live-Musik, folgt dort mit «Les beaux ésprits» eine französische Komödie über das echte Basketballteam, das sich die Teilnahme an den Paralympics 2000 in Sydney erschwindelt hatte.

Auch Hollywood wird in Locarno stärker vertreten sein als je zuvor unter Chatrian. Starschauspieler Ethan Hawke reist an, um einen Ehrenpreis abzuholen und um seine Regiearbeit «Blaze» über den Countrymusiker Blaze Foley zu präsentieren. Neben Hawke soll heute Donnerstag noch ein zweiter bekannter Hollywooddarsteller als Stargast angekündigt werden.

Offizieller Filmtrailer zu «Blaze».

14-stündiger Film im Wettbewerb

Ein Coup ist Chatrian mit «BlacKkKlansman» gelungen. Die Rassismus-Satire von US-Regisseur Spike Lee gewann den Grand Prix in Cannes und läuft nun am Sonntag, 5. August, auf der Piazza Grande. Ob Lee anreist, ist offen, zugesagt hat dagegen der prominente Actionregisseur Antoine Fuqua, der seinen neuen Hollywoodfilm «The Equalizer 2» präsentieren wird.

Der offizielle Filmtrailer zu «BlacKKKlansman».

Daneben versprach Chatrian «viele Filme über starke Frauen», ein Wiedersehen mit früheren Locarno-Gewinnern wie Hong Sangsoo («Hotel by the River») sowie den «wahrscheinlich längsten Film in der Geschichte des Locarno Festival»: Der Episodenfilm «La flor» des Argentiniers Mariano Llinas dauert fast 14 Stunden und läuft im Wettbewerb über drei Festivaltage verteilt. «Locarno steht für die ganze Bandbreite des Kinos», kommentierte Chatrian die aussergewöhnliche Wahl.

Als einziger Schweizer Film hat es das Inzestdrama «Glaubenberg» von Thomas Imbach in den internationalen Wettbewerb geschafft. Bettina Oberlis Liebesfilm «Le vent tourne» läuft auf der Piazza Grande.

Dass Chatrians Abschied aus dem Tessin kein trauriger sein soll, versinnbildlicht der Abschlussfilm. Er heisst «I Feel Good» und ist eine Gaunerkomödie mit dem französischen Oscar-Gewinner Jean Dujardin («The Artist»), der ebenfalls in Locarno erwartet wird.

Leichtigkeit, Spass und gute Laune: Chatrian erfindet sich für sein letztes Locarno Festival neu. Das muss er. Denn an der Berlinale warten ab 2020 nicht nur seine Fans aus der Fachwelt, sondern auch ein weitaus grösseres Publikum.