Alexander Payne geht es nicht gut. Der in Los Angeles lebende amerikanische Filmemacher und zweifache Oscar-Preisträger («Sideways», «The Descendants») steuert gerade eine Apotheke an, als wir ihn am Telefon erreichen. Er leidet an Grippe.

Eigentlich nicht weiter schlimm. Doch Payne wurde vor wenigen Monaten, im Alter von 56 Jahren, zum ersten Mal Vater. «Da ist plötzlich dieser kleine Mensch in deinem Leben, und du musst höllisch aufpassen», sagt er.

Um kleine Menschen geht es auch in seinem neuen Film «Downsizing». Genauer: Um Menschen, die sich schrumpfen lassen, ungefähr auf die Grösse eines iPhones. Matt Damon spielt einen dieser Menschen.

Der Filmtrailer zu «Downsizing»

Der Filmtrailer zu «Downsizing»

Der Filmtrailer zu «Downsizing» mit Matt Damon, Christoph Waltz und Hong Chau.

Die Technologie, entwickelt in einem norwegischen Labor, wurde als humane Lösung der grössten Menschheitsprobleme angepriesen: Überbevölkerung, Ressourcenverschwendung, Klimawandel. Wer klein ist, verbraucht weniger. Genial.

Wofür sich Matt Damons Filmfigur, Paul Safranek, aber wirklich begeistert: In der kleinen Welt wären seine mageren Ersparnisse plötzlich ein Vielfaches wert. Eine fünfzig Zentimeter hohe Traumvilla würde nur ein paar hundert Dollar kosten, und eine Flasche Wein ein ganzes Jahr reichen.

Er und Tausende andere Menschen versprechen sich in Miniaturgemeinden wie dem luxuriösen Leisureland ein Leben im Überfluss.

Es ist eine bahnbrechend originelle Prämisse, die Regisseur und Drehbuchautor Payne in «Downsizing» mit witzigen Details anreichert.

So müssen verkleinerte Menschen Lautsprecher verwenden, damit die «Grossen» sie überhaupt hören. Und bevor man sich überhaupt verkleinert, sollte man unbedingt seine Plomben entfernen lassen, sonst explodiert dabei der Kopf. Auch alle Haare, inklusive der Augenbrauen, müssen wegrasiert werden.

Payne versteht Kritik nicht

Aber Achtung: Wer jetzt an Filme wie «Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft» (1989) denkt und glaubt, dass «Downsizing» mit dem Schrumpfeffekt nur auf möglichst viele Lacher zielt, wird vom Film enttäuscht sein.

In den USA waren das nicht wenige. «Downsizing» floppte an den Kinokassen und erntete teils vernichtende Kritiken. «Meine Filmcrew und ich sind völlig ratlos», sagt Payne, der für seine smarten Filme bislang nur gelobt worden war.

Matt Damon mit Regisseur und Drehbuchautor Alexander Payne.

Matt Damon mit Regisseur und Drehbuchautor Alexander Payne.

Er äussert den Verdacht, dass der Trailer (den ein Marketingteam zusammengeschnitten hat) wohl den falschen Eindruck hinterlässt. «Ich glaube, die Kinozuschauer haben einen Science-Fiction-Klamauk erwartet und waren dann irritiert, als sie einen Alexander-Payne-Film zu sehen bekamen.»

Das heisst: Paynes Augenmerk gilt weniger den billigen Lachern als vielmehr den gesellschaftlichen Auswirkungen einer solchen Technologie, weniger den aufsehenerregenden Special Effects als den makelbehafteten Figuren seiner Filmwelt.

Also stellt Payne nach etwa einer Stunde des Filmverlaufs die Utopie von «Downsizing» komplett auf den Kopf. Er entlarvt Leisureland als seelenloses Kommerzprodukt und stürzt Paul Safranek, wie alle seine Filmprotagonisten, in eine tiefe Lebenskrise.

Probleme, stellt sich heraus, lassen sich nicht einfach wegschrumpfen.

Genau das war schon immer die Spezialität von Alexander Payne: Menschen, denen es, wie er sagt, «beschissen geht», mit Humor und Wärme zu begegnen.

«‹Downsizing› ist ein Film darüber, dass die Menschheit eben am Arsch ist», sagt Payne und lacht. «Ich meine das nicht zynisch. Das ist mein bislang optimistischster Film. Wenn das Schiff schon am Untergehen ist, sollten wir darüber lachen und uns alle umarmen.»

Trotzdem voller Optimismus

Zugegeben, «Downsizing» ist nicht Paynes grösster Wurf. Ambition und Resultat driften stellenweise weit auseinander. Je länger der Film dauert, desto mehr will Payne reindrücken.

Da ist beispielsweise ein von Christoph Waltz gespielter Kleinkrimineller, der Alkohol nach Leisureland schmuggelt. Oder eine vietnamesische Aktivistin (eine Entdeckung: Hong Chau), die gegen ihren Willen geschrumpft wurde und ausserhalb der Stadtmauern von Leisureland mit anderen Immigranten in einem Slum lebt.

Am Schluss fasst Payne sogar das Ende der Welt ins Auge. Alles spannende Ideen, die aber nicht richtig in dieselbe Gussform passen.

«Vielleicht hätte das als Fernsehserie besser funktioniert», mutmasst Payne. Aber als Vollblutcineast habe er darauf bestanden, seine vielen Ideen in einem zweieinhalbstündigen Kinofilm zu bündeln. Das wollen wir ihm nicht verübeln.

«Dass ich diesen Film überhaupt machen konnte, ist für mich schon ein grosser Triumph», sagt Payne. Über zehn Jahre hat es gedauert, bis er «Downsizing» finanzieren konnte.

Originelle Kinofilme rentieren kaum noch, werden immer seltener. Payne hat’s trotzdem gewagt. Und erhält dafür in unserer Bewertung einen Extra-Stern.

Downsizing (USA 2017) 135 Min. Regie: Alexander Payne. Ab morgen Donnerstag im Kino. ★★★★☆