Montags-Interview

Massimo Rocchi gewinnt den Kulturpreis der AZ Medien: «Ich bin wie ein Eisberg»

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Der Basler Kabarettist und Regisseur Massimo Rocchi bekommt den 15. Kulturpreis der AZ Medien. Er wird damit nicht nur als Kabarettisten und Bühnen-Sprachkünstler geehrt, sondern auch als Regisseur.

Was machen Sie eigentlich im Moment, Massimo Rocchi? Ihr Programm «RocCHipedia» ist ebenso ausgespielt wie Ihre Oper «Lo speziale» hier am Theater Basel.

Massimo Rocchi: Ich gehe früher ins Bett, lerne englisch, lese Bücher, schau mir viele Opern an – und fast jede zweite Woche bereite ich ein Opern-Projekt vor, auch wenn ich es nicht inszenieren muss. Es ist ein Training.

Kann man bald wieder eine Operninszenierung von Ihnen sehen? Mit «Lo speziale» hatten Sie ja Erfolg.


Einmal ist keinmal. Aber Georges Delnon, mein Padrino im Bereich Oper, hat mir schon ein paar Sachen angeboten. Sehen Sie, ich bin wie ein Eisberg: Man sieht mich, aber man sieht nicht, was darunter ist. Arbeit ist für mich alltäglich: Körpertraining, Vorbereitung, Lektüre. Im Moment bremse ich aber meine Lust zu spielen – und das ist gut.

Warum?

Der Kabarettist muss Ideen haben und nicht einfach ein Stück für sein Ego auf die Bühne bringen. Ich bin mit meinem Butterfly-Zeitgeist-Netz unterwegs und versuche zu spüren, was es in der Luft gibt, wo dieses Land, diese Kultur, wo mein Haupt-Biotop Schweiz hingeht.

Die Zeit ist ja reich an brisanten Themen: Eurokrise, Politkrise und Bankenkrise sind gute Stoffe für einen Kabarettisten.

Ja. Eine Tragödie für mich oder ein Gegentor ist nur, dass ich diese Sachen schon vorausgesehen habe. «Circo Massimo» thematisierte Europa und die Eurokrise. «RoCHipedia» greift das Finanzproblem und die Schweiz auf. Aber ich habe das Gefühl, heute gibt es ein noch grösseres Thema: die Unsicherheit.

Welche Unsicherheit?

Die der jungen Leute zum Beispiel. Wir, unsere Generation, haben einen Traum gehabt und wir haben ihn verwirklichen können. Ich merke, dass viele, viele Menschen eine Treuekrise, fast eine Liebeskrise erleben. Gegenüber der Religion, gegenüber der Politik. Wenn Sie sich umsehen: Alle haben ihre Augen auf sich und ihre kleinen Geräte gerichtet. Diese heissen auch «ich»: iPad, iPhone, iPod. Aber wo ist das Du?

Heisst Ihr Thema also «Ich»?


«ICH liebe dICH», das ist der Arbeitstitel im Moment. «dich» mit kleinem d und grossem ICH (lacht). Das reizt mich. Oder auch: Leute, die mit Tieren sprechen. (ändert die Stimme) «äh, bisch müed», «häsch du Hunger» – und das Tier schaut uns an und denkt: «Bist du bekloppt?».

Warum sind die Politik oder die Schweiz keine Themen mehr?

Politik ist eine Frage der Verwaltung geworden. Was ist Europa? Über 30 Länder und ebenso viele verschiedene Steckdosen.

Meinen Sie damit, dass in der Politik heute verwaltet statt gestaltet und geführt wird?

Für Politiker und auch für Finanzmenschen ist es schwierig geworden, eine Vision zu haben. Nehmen sie den Vatikan: Ein neuer Mensch mit viel Energie – aber die Finanzen des Vatikans bleiben bei denselben Banken. Die Finanzmenschen sind wie Flugkapitäne, die alles können – ausser landen.

Ein Absturz wegen des Geldes?

Geld könnte demokratisch sein. 100 Franken in der Tasche eines, verzeihen Sie, stinkenden Penners und hundert Franken in meiner Tasche – sie sind dasselbe. Das einzige Problem ist: Noten werden heute in grösserer Auflage gedruckt als Zeitungen.

Und man redet auch von immer grösseren Beträgen. Waren es einst Millionen, sind es heute Milliarden und Billionen. Unvorstellbar.

Ja es ist wie im Himmel, wir sehen Lichtvorstellungen, die nicht existieren. Das Geld scheint unendlich zu sein. In der Schweiz allerdings nicht. Hier gibt es noch Grossmütter, die ihren Enkeln einen Fünfliber oder einen Mohrenkopf schenken. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt, aber man hat Mass.

Sie sind 56 Jahre alt, leben seit 30 Jahren in der Schweiz – und trotzdem werden Sie hier noch immer als der Einwanderer angeschaut.

Richtig. Und meine Mutter nennt mich immer noch Babin, Bueb. Ich bin 56, habe graue Haare, also Bueb… (lacht). Ein Komiker gehört dem Publikum, er ist etwas Hybrides zwischen Strasse und Bühne, zwischen Literatur und News, zwischen Roman und Teletext. Für das Publikum ist mein Akzent meine Visitenkarte.

Massimo Rocchi erhält AZ Kulturpreis

Massimo Rocchi erhält AZ Kulturpreis

Ist das für Sie ein Widerspruch? Für das Publikum sind Sie der Italiener, Sie selber sagen, ich bin Schweizer.

In der Schweiz ist es nicht wichtig, wo man hingeht, sondern wo man herkommt. Aber ich bin Schweizer, vielleicht etwas frischer gemalt (lacht). Die Deutschschweizer Kultur ist mein Sprungbrett, meine Umgebung, mein Tram, ist mein Flugzeug. Im Tessin sage ich: Ich bin kein Italiener, ich bin ein Zucchin, ein Deutschschweizer.

Haben Sie Ihren Akzent, Ihre Visitenkarte als Markenzeichen behalten oder ist es, entschuldigen Sie, Unfähigkeit, akzentfrei zu sprechen?

(lacht) Der Komiker lebt nicht vom Witz, sondern von den Unfähigkeiten. Und dank dieser Unfähigkeiten, die ich immer mehr akzeptiere, bleibe ich Komiker.

Sie werden von den Medien häufig über Politik, über Italien und die Schweiz befragt. Wären Sie gerne Berater des Bundesrates?

Oh, ich wäre ein sehr schlechter Berater. Denn wenn man Neues sucht, bleibt man lange ruhig – also würde man mir sagen: du verdienst dein Geld nicht. In einem Team aber, da könnte ich das Peperoncino sein. Was mir positiv auffällt: Wir haben im Bundesrat starke Frauen. Evelyne Widmer-Schlumpf zum Beispiel hat einen harten Kampf auszutragen und wird von allen Seiten angegriffen. Oder Simonetta Sommaruga muss im schwierigen Asylproblem einen Weg zwischen Realität und Utopie finden. Und im Aussenministerium – ähm, wen haben wir da?

Didier Burkhalter

(lacht spitzbübsch) Er ist Bundesrat, aber gibts ihn? Ihm würde ich raten, ganz auf das Rote Kreuz zu setzen. Alles ins Rote Kreuz zu investieren, wäre für die Schweiz der beste Gripen-Kauf.

Wie meinen Sie das?

Das Rote Kreuz wäre ein wunderbarer Botschafter für uns. Denn der Begriff Neutralität ist heute vielleicht nicht mehr frisch. Aber was können wir tun, um einen Konsens herzustellen, um einen Beitrag zu leisten ans Überleben, ans Leben der Menschen?

Sie haben zuerst in Bern gelebt und seit 10 Jahren sind Sie in Basel. Gibt es einen Unterschied?

Ja, er ist riesig, riesig. Bei den Finanzen: In Bern gibts Galenica, in Basel Novartis und Roche. Die Einnahmen der beiden Kantone sind also ganz anders. Und dann die Höhe: Bern ist 600 Meter über Meer, in Basel dagegen ist es, wenn es warm ist, so warm wie in Rimini. Und der Charakter: Berner machen keine Fasnacht, Bern ist Blues, ist Melancholie, Bern hat immer den Schatten der Berge und ist eine Grossmutterstadt. Basel ist Smalltalk, hier zeigt man sich, wird man laut, man liebt die Druggede. Die Berner bauen um, weil der Stein so brüchig ist – in Basel heisst es «abriisse, öppis Neuis mache».

YB-Fan waren Sie nie, aber jetzt sind Sie FCB-Fan. Warum?

Young Boys hat fantastische Fans (lacht), aber wenn YB verliert sind die Fans wütend und hassen die Gegner. Und ersetzen den Trainer. Wenn der FCB verliert, werden die Basler sauer über den eigenen Klub. Klar, der FCB bekommt viel Geld von der Chemie, aber Geld allein reicht nicht für den Sieg. Man hat hier einen Siegeswillen – und das ist aussergewöhnlich für die Schweiz.

Sie gewinnen auch! Sie bekommen den Kulturpreis der AZ Medien. Was bedeutet das für Sie?

Der Name Kultur ist das Wichtigste. Und wenn ich sehe, welche Journalisten in der Jury sind, erfüllt mich das mit Glück. Und der Preis macht, dass ich mich nicht alleine fühle. In der Deutschschweiz sind wir fantastische Einzelgänger. Wir müssen lernen, wie geht es zämme. Dank dieses Preises bekomme ich dieses Interview.

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