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«Alles gut gegangen. It went well», sagt Maria Schneider und strahlt übers ganze Gesicht. Jubel, Umarmungen, Glücksgefühle. Fast eine Woche lang hatte die berühmte Bandleaderin Kompositionen von Luzia von Wyl, Sarah Chaksad, Cinzia Catania, Bardia Charaf und Basile Rosselet einstudiert, mit der Generations Big Band geprobt und unter tosendem Beifall zur Aufführung gebracht.

Für die fünf Schweizer Komponistinnen und Komponisten hat sie nur lobende Worte: «Es war wunderbar, mit ihnen zu arbeiten. Sie sind talentiert, ambitioniert und experimentierfreudig. Die fünf Kompositionen sind von sehr hoher Qualität und man merkt, dass die Musiker musikalisch erstklassig ausgebildet sind. Aber noch wichtiger ist, dass sie in ihren Stücken ihre eigene Sprache entwickelt haben. Eine eigene Identität.» Dabei wurde die erfahrene Bandleaderin selber gefordert. Vor allem das Stück von Cinzia Catania war gespickt mit ungeraden Rhythmen und Rhythmuswechseln. «Als Dirigentin brachte es mich an meine Grenzen», gestand Schneider.

Mit Maria Schneider ist dem Frauenfelder Festival Generations ein veritabler Coup gelungen. Denn die 57-Jährige gilt seit Jahren als die bedeutendste und einflussreichste Komponistin, Arrangeurin und Bandleaderin des grossorchestralen Jazz. Selbst Bandleader Pepe Lienhard, der in Frauenfeld wohnt, wollte es sich nicht entgehen lassen, der Meisterin bei der Arbeit zuzusehen. «Es ist eine Freude, ihr beim Leiten einer Grossformation zuzuschauen. Sie besticht durch Kompetenz, Selbstbewusstsein, aber auch Einfühlsamkeit. Sie bringt ihre nicht gerade einfach zu spielende Musik in kürzester Zeit zum Klingen».

Umso grösser ist die Ehre für die aufstrebenden Schweizer Komponisten, dass gerade sie ihre Kompositionen geadelt hat. «Sie hat mein Stück sehr gut verstanden und mit brillanten Ideen noch verbessert», sagt Luzia von Wyl, und Sarah Chaksad erzählt über ihr Vorbild: «Als ich im Vorfeld ein Mail von ihr erhielt und den Namen Maria Schneider las, war das für mich, wie wenn Michael Jackson mir ein Mail geschriebenen hätte.»

Das Geheimnis der Maria S.

Doch was macht sie so besonders? Was ist das Geheimnis der Maria Schneider? Unter der Woche erhalten wir Einblick in ihre Arbeit und ihr Können. In der Probehalle bilden die gut 20 Musiker der Generations Big Band einen Kreis. Mittendrin steht die kleine, zierliche Maria Schneider und zieht alle Blicke auf sich. Sie strahlt eine natürliche Autorität aus. She’s the Boss. Auf den Notenständern steht «Sue (Or in a Season of Crime)», das grammy-gekrönte Stück, das die berühmte amerikanische Bandleaderin 2014 mit David Bowie aufgenommen hat (siehe Box). Die Bandleaderin weiss genau, was sie will, und unterbricht. «Mehr Crescendo», fordert sie von den Blechbläsern. Schneider ist feinfühlig und konziliant, aber bestimmt und singt die Passage vor. Ihr Körper bläht sich auf, visualisiert das Crescendo. Kein Zweifel: Für Maria Schneider ist Musik auch ein physisches Erlebnis. Sie dirigiert nicht nur, nein, sie tanzt.

«Ihre Präsenz ist Wahnsinn», sagt dazu Cinzia Catania, «sie hat unglaubliche Ohren und hört einfach alles. Ihr entgeht nichts. Dabei legt sie grossen Wert auf die Details.» Sie machen den Unterschied zwischen gut und sehr gut. Am Nachmittag bespricht Schneider mit den fünf Komponisten und Komponistinnen ihre Werke. Sie spricht klar, unmissverständlich und deutlich. Dabei denkt sie unglaublich schnell. Pikant: Mit der Antwort auf eine Frage beginnt sie jeweils schon, bevor die Frage fertig gestellt ist.

Bardia Charaf betont ihre motivierende Wirkung: «Sie ist positiv, konstruktiv und herzlich», sagt er. Es geht also nicht nur um Kompetenz, sondern auch um Kommunikation und Psychologie. «Als Bandleaderin muss man eine emotionale Sensibilität entwickeln. Man muss die Musiker und ihre Fähigkeiten spüren. Sie motivieren und dazu bringen, wirklich zu hören und das Beste aus sich herauszubringen», sagt Schneider selbst.

Frauen prägen Frauenfeld

Bemerkenswert ist, dass in Frauenfeld Frauen dominieren. Drei der fünf vielversprechenden Schweizer Komponisten sind weiblich. Und auch international geben Frauen in der Königsklasse des Jazz seit Jahren den Ton an. Sonst ist der Jazz aber immer noch sehr männerlastig. «Als Jazz aufkam, in den 30er- bis 50er-Jahren, war die Gesellschaft noch stark von Rollenmodellen geprägt. Das harte Leben on the road, in schummrigen Bars und rauchigen Clubs schien damals nichts für Frauen zu sein», sagt Maria Schneider über dieses Phänomen. Ab den 50er-Jahren eroberte der Jazz, und vor allem jener der Big Bands und Orchester die grossen Konzerthallen. Schneiders weibliche Vorbilder Toshiko Akiyoshi und Carla Bley traten in den 70er-Jahren längst in Konzerthallen auf. «Sie haben mich motiviert und inspiriert», sagt Schneider. Heute gebe es aber sowieso «abweichende Rollenmodelle», weshalb im Jazz «immer mehr Frauen aufkommen».

«Junge Musikerinnen sehen vielleicht mich als Motivation. Aber es geht nicht um das Geschlecht», sagt Schneider, «es geht vielmehr darum, dass wir von dieser psychologischen Blockade wegkommen. Als Frau fühlte ich mich nie benachteiligt. Ich hatte nie grosse Probleme und glaube auch nicht, dass ich härter arbeiten musste als Männer, um mich durchzusetzen. Im Jazz ist es heute nicht schwer, eine Frau zu sein. Schwer ist es, gute Musik zu machen.»