Was macht ein Verlag? Bücher natürlich, ist die logische Antwort. So logisch, dass Sie vielleicht stutzen und sich fragen, ob es denn auch noch eine andere Antwort gibt. Die gibt es, und zwar nicht nur eine zweite, sondern auch eine dritte, vierte, fünfte. Sie alle kann man als Besucher des wieder eröffneten Museums Strauhof entdecken.

«Publishers in Residence» heisst das Projekt im ehemaligen Literaturmuseum der Stadt Zürich, das letztes Jahr die Tore schliessen sollte. Nun wird es zwischengenutzt. Und wie so oft in Zwischenbereichen, wo das Grosse Platz macht und man über das Unbekannte staunen kann, stehen auch hier statt berühmter Bücher und namhafter Autoren für einmal jene im Rampenlicht, die hinter den Kulissen arbeiten: die Verlage.

Man sieht sie nicht, man hört sie nicht und trotzdem sind sie da, nehmen Lesern die Arbeit ab, Tausende Autoren zu prüfen, bis ein wirklich guter darunter ist, beissen sich durch langweilige Texte, damit wir es nicht müssen. Sage und schreibe 120 Verlage gibt es in der Deutschschweiz. Einige von ihnen haben nun zusammengespannt und residieren im ersten Stock des Museums als «Publishers in Residence».

Residence und Resistance

Ein wenig schwingt darin auch «Publishers in Resistance» mit, wie Verleger Rico Bilger nach dem Euro-Sinkflug mit Galgenhumor anmerkt. Und für alle, die sich trotzdem über namhafte Autoren freuen, gibt es im Erdgeschoss eine Ausstellung über den Autor Kurt Guggenheim und Zürich, seine literarische wie auch reale Heimat. Und dass auf dem hinterlassenen Originalschreibtisch des Autors neben einem unvollendeten Manuskript und Zigaretten auch eine Ausgabe des «Badener Tagblatt am Samstag» liegt, zeugt entweder vom offenen Horizont des Zürchers oder von der journalistischen Qualität des Tagblattes.

Aber zurück zu den Verlagen oder: hinauf in den ersten Stock. Dort kann man in einem schlicht gehaltenen Parcours die Entstehung eines Buches abschreiten. Und zwar vom Manuskript des Autors bis in die Hände des Lesers. Da gibt es etwa den «literarischen Fensterputzer» alias den Lektor, dessen Arbeit man nicht sieht, sofern er sie gut macht. Oder die Verlegerin, die den Laden schmeisst. Aber da gibt es auch einen sogenannten «Hersteller». Er wacht über «Waisenkinder» (also alleinstehende Zeilen im Schriftsatz) und sogar über «Leichen» – nicht jene im Keller, aber auf den Buchseiten, nämlich als unabsichtliche Textlücken. Anschliessend gilt es, sich zwischen verschiedenen Papieren zu entscheiden, damit «das beste Buch auch das schönste wird». Schon heftet sich die Presseabteilung mit «charmanter Hartnäckigkeit» an die Fersen der Medien. Und gekrönt wird die Prozedur von der «Königsdisziplin des Verkaufens».

Eines merkt man auf Anhieb: Verlag ist, wo Afficionados zu Profis werden oder Profis ihre Arbeit mit Herzblut machen. Das spiegelt sich auch in der Ausstellung, die mit Sprachwitz und Charme in die Geheimnisse des Buchmachens einführt. Und wer auf den Geschmack gekommen ist, kann gar in einem der originalen Verlegersessel probesitzen und die überraschenden Entstehungsgeschichten bekannter Bücher wie «Melnitz» oder «Tanz der seligen Geister» der Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro entdecken.

Das Wichtigste kommt noch

Aber das Allerwichtigste ist im Parcours nicht ausgestellt: Es sind die rund 50 Abende, an denen das Publikum mit den Verlagen auf Tuchfühlung gehen kann – und manchmal auch auf Sprachfühlung. Etwa, wenn man das eigene Manuskript den Argusaugen einer echten Lektorin vorlegt. Bei diesen Veranstaltungen können Autoren wie Leser mit Verlagsprofis über Selfpublishing diskutieren. Aber auch über die Frage, ob es Verlage in Zukunft überhaupt braucht. Eines jedoch ist gewiss: Wer einmal durch die Ausstellung gegangen ist, der muss nicht lange nach einer Antwort suchen.

Museum Strauhof «Publishers in Residence» sowie «Kurt Guggenheim – Alles in Allem». Vernissage heute um 19 Uhr im Zürcher Stadthaus. www.publishersinresidence.ch