Interview

Luzerner «Tatort»-Regisseur: «Zuletzt war es sehr emotional»

Dreh in der Redaktion der Luzerner Zeitung: Tom Gerber (links) spricht mit Stefan Gubser und Delia Mayer.

Dreh in der Redaktion der Luzerner Zeitung: Tom Gerber (links) spricht mit Stefan Gubser und Delia Mayer.

Tom Gerber (42) kommt aus Luzern und führte nun Regie beim letzten Luzerner «Tatort». Dies tat er mit viel Tempo und Gefühl.

Der finale «Tatort» aus Luzern, «Der Elefant im Raum», wurde von Ihnen in Szene gesetzt. Haben Sie als gebürtiger Luzerner den Dreh genossen?

Tom Gerber: Sehr! Die Visualität der Stadt ist einfach grossartig. Aber auch die Zusammenarbeit mit der Stadt und der Polizei war genial. Diese Form von Offenheit und Hilfsbereitschaft hat uns enorm geholfen. Wir haben die kompletten fünf Drehwochen mit unserer Crew in Luzern verbracht, und so konnten auch Auswärtige ein bisschen Innerschweizer Luft schnuppern. Ich habe seit 20 Jahren nicht mehr so viel Zeit am Stück in Luzern verbracht und mich wieder neu in die Stadt verliebt.

Sie sind in Luzern aufgewachsen. Wie gut kennen Sie sich hier noch aus?

Vor 20 Jahren zog es mich zuerst an die Universität und dann an die Filmschule in Zürich. Ich komme aber häufig nach Luzern, meiner Mutter und meiner Schwester wegen. Ich bin am Stadtrand aufgewachsen und liebe noch immer den Meggerwald. Seit meiner Kindheit kraxle ich auch mindestens einmal im Jahr den Heitertannliweg auf den Pilatus hoch, das ist Pflicht!

Konnten Sie sich mit den Autoren zwecks Drehorten absprechen?

Die Autoren kennen die Stadt sehr gut. Viele Drehorte werden aber jeweils erst in der Vorproduktion festgelegt. Hier kommen dann professionelle Scouts zum Einsatz. Die Stadt Luzern hat hier viel ermöglicht und uns die Türen zu einigen Drehorten geöffnet. Etwa zur Wohnung von Kommissarin Liz Ritschard, die man in dieser letzten Folge zum ersten Mal überhaupt sieht.

Wurde für den Dreh dieses letzten Luzern-«Tatorts» mehr ausgegeben als für frühere Folgen?

Der Dreh hat gleich viel gekostet wie jeder andere Luzerner «Tatort». Besonders eindrückliche Drehorte waren der Friedhof Friedenthal, wo auch meine Grossmutter ihre letzte Ruhestätte hat, und das denkmalgeschützte Dampfschiff Unterwalden. Die zwei Nächte auf der «Unterwalden» waren zauberhaft, aber auch intensiv mit vielen komplexen Actionszenen. Wir haben gleichzeitig Szenen im Salon gedreht und Luftaufnahmen mit Drohnen geschossen. Da wir alle unsere Scheinwerfer und Rauchmaschinen auf Backbord verstecken mussten, lagen wir teilweise ein bisschen schief im Seebecken.

Wie war für Sie der Dreh in unseren Redaktionsräumen der «Luzerner Zeitung»?

Wir wollten am echten Ort drehen und nicht irgendeinen News Room faken. Wir haben also bei laufendem Betrieb gedreht, was für Euch sicher nicht ganz einfach war. Ein grosses Dankeschön an Eure Redaktion! Ich hoffe, mein lautes «Cut!» und «Action!» haben Euch nicht zu sehr bei der Arbeit gestört.

Die Medien bekommen in diesem «Tatort» ihr Fett ab. Ist da ein bisschen Genugtuung dabei, weil der «Tatort» Luzern oft zerrissen wurde?

Diese Frage müsste wohl an die Autoren gehen. Ich persönlich mag es, wenn auch mal etwas kräftiger gesprochen wird, das passiert im Alltag ja auch. Es ist in unserer Folge so, dass zwei unterschiedliche Journalistencharaktere unserem Kommissarenduo hart zu schaffen machen. Da ist es klar, dass sich die beiden auch mal aufregen.

Der «Tatort» Luzern musste sich oft den Vorwurf gefallen lassen, betulich zu sein. Nun aber geht es zur Sache. Flückiger wird zum Schläger, es gibt typische Actionszenen. Ist das Zeitgeist oder die Freiheit einer letzten Folge?

Zusammen mit Kameramann Jan Mettler haben wir sehr genau über den Look unserer Folge gesprochen. Wir haben uns für viel Dynamik, für möglichst langbrennweitige Bilder entschieden. Dadurch werden Hintergründe unschärfer, Bewegungen schneller, wir drehen mehr verschiedene Bildeinstellungen. Bei der Lichtgestaltung setzten wir starke Kontraste, liessen vieles mal im Dunkeln, beleuchteten Gesichter nur zu Hälfte. Die Figuren sind immer in Bewegung. Delia Mayer und Stefan Gubser sind auch sehr körperliche Schauspieler und haben das ausgezeichnet umgesetzt.

Die Darstellerriege hat viel Charisma. Hatten Sie ein Mitspracherecht beim Cast?

Zusammen mit Glaus Casting haben wir die Rollenprofile geformt und geschärft, der persönliche Blick der Regie ist dabei ausschlaggebend, und ich freue mich, dass alle meine Wunschkandidaten engagiert wurden. Das Casting ist ein wichtiger und filigraner Prozess, bei dem die Figuren durch das Talent der Schauspieler und Schauspielerinnen dreidimensionaler werden. Man befasst sich erneut intensiv mit dem Drehbuch und arbeitet vieles noch mal um.

Wie war die Arbeit mit all diesen Charakterköpfen?

Ich liebe die Arbeit mit den SchauspielerInnen. Wichtig ist konstruktive Ehrlichkeit. Man muss sich vertrauen, sonst herrscht Misstrauen und alles wird hölzern. Beim «Tatort» gibt es zudem die spannende Mischung aus DarstellerInnen, die ihre Figuren über viele Folgen definiert haben, und EpisodendarstellerInnen, die ihre Figuren komplett neu erarbeiten.

Stefan Gubser und Delia Mayer sind sehr präsent.

Die Arbeit mit Stefan Gubser und Delia Mayer war eine riesengrosse Freude. Das gilt natürlich auch für Jean-Pierre Cornu und Fabienne Hadorn. In der Inszenierung, aber auch im Schnitt (Isabelle Meier) haben wir immer wieder Begegnungen zwischen diesen Figuren geschaffen, Blicke, die sich treffen, nonverbale zwischenmenschliche Momente. Wir wussten: Es ist das letzte Mal, dass diese ­Figuren zusammen spielen. Gegen Ende des Drehs war es jeweils sehr emotional, wenn eine Figur «abgedreht» war.

Jean-Pierre Cornu als Eugen Mattmann ist in Hochform: finale «Tatort»-Euphorie?

Jean-Pierre Cornu ist doch immer in Hochform, im Film und auf der Bühne! Jean-Pierre und ich haben sofort geklickt, weil wir beide das Gefühl haben, dass wir die besseren Witze erzählen können. Mattmann steigt Flückiger im Drehbuch ziemlich aufs Dach, und ich hatte den Eindruck, Jean-Pierre hat es genossen, Stefan ein letztes Mal so richtig die Leviten zu lesen.

Vieles wirkt hier witziger als auch schon in Luzern – war Ihnen der Humor wichtig?

«Tatort» bedeutet Krimi und da wäre Humor im falschen Moment kontraproduktiv. Mich interessiert aber immer der Kontrast: wenn wir für einen kurzen Moment die Krimirealität mit einem Augenzwinkern brechen können, um dann wieder zu ihr zurückzukehren.

In der Kritik stehen Wirtschaft, Politik, Medien. Wirtschaftsbosse und Journalisten sind überzeichnet. Trotzdem gleitet es nie ins Lächerliche ab. Wie gelingt diese Gratwanderung?

Diese Gratwanderung wird von den Schauspielern beschritten. Wir haben viele Themen in unserer Folge, viele Rollen, was heisst: wenig Screentime pro Figur. Setzt man das nicht mit genug Druck um, bleiben die Charaktere flach und lauwarm. Ich probiere gerne auch stärkere Varianten aus. Sollte eine Figur ins Unglaubwürdige kippen, kann man das im Schnitt austarieren. Wichtig ist, beim Dreh neue Nuancen auszuprobieren.

Zu Besuch auf unserer Redaktion für den letzten Tatort:

Was erwarten Sie sich vom «Tatort» aus Zürich?

Das liegt nun in den Händen der sehr kompetenten Crew der neuen Folgen. Persönlich würde ich mir mehr Einblicke in die privaten Hintergründe der Figuren wünschen. Ich bin sehr gespannt, in welchen Milieus sich diese beiden Kommissarinnen bewegen, was die Stadt mit ihnen macht, was sie an Zürich lieben und woran sie leiden.

Wurde zuletzt auf die fi­na­le Luzerner Folge angestossen?

Natürlich! Zu unserem Abschlussfest wurden von SRF DarstellerInnen, RegisseurInnen und AutorInnen aller vergangenen Folgen eingeladen. Nun freue ich mich auf Sonntag, wenn wir mit unserer Crew und Vertretern von Stadt und Polizei auf den letzten Luzerner «Tatort» anstossen werden.

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