Lugano-Konferenz
«Das grösste architektonische Projekt»: Schon Max Frisch beschäftigte, wie zerstörte Städte wieder aufzubauen sind

Für Architekten und Intellektuelle stellte sich nach 1945 die Frage: Soll man kriegsversehrte Städte wie Warschau originalgetreu wieder aufbauen? Was man daraus heute für die Ukraine lernen kann.

Julian Schütt
Drucken
«Ein meistens humaner Massstab»: Der Wiederaufbau von Warschau erschien Intellektuellen und Architekten wie Max Frisch lange Zeit als vorbildhaft.

«Ein meistens humaner Massstab»: Der Wiederaufbau von Warschau erschien Intellektuellen und Architekten wie Max Frisch lange Zeit als vorbildhaft.

Alamy (Warschau 1946)

Kein Land rühmt sich seiner guten Dienste so grosszügig wie die Schweiz. Ihre humanitäre Hilfe ist aber selten zu bekommen, ohne dass es sich lohnt. Auch bei seiner Lugano-Konferenz scheint Bundespräsident Ignazio Cassis alle Interessen sorgfältig berücksichtigt zu haben, nicht zuletzt jene der Selbstprofilierung und des Standortmarketings. Statt mühsam jedes Russland-Geschäft, das Putins Krieg verlängern hilft, energisch zu unterbinden, widmet sich Cassis lieber der dankbareren Aufgabe, eine Wiederaufbau-Konferenz in seinem Heimatkanton zu organisieren.

Zwar lässt sich ein Ende der Bombardierungen ukrainischer Städte noch nicht absehen, aber es macht dennoch Sinn, jetzt bereits an die Zeit danach zu denken. Bedauerlich nur, dass der deutsche Kanzler unserem umtriebigen Tessiner Bundesrat schon das meiste Wasser abgegraben hat.

Am G7-Gipfel in Elmau ist eigentlich schon alles beschlossen worden

So forderte Olaf Scholz im Bundestag unlängst einen neuen «Marshall-Plan» für den Wiederaufbau der Ukraine, wie ihn die USA zwischen 1948 und 1952 durchgesetzt hatten, um den kriegsversehrten Ländern inklusive Deutschland zu helfen. Anfang dieser Woche beschlossen dann die G7-Staaten auf dem Gipfel in Elmau, den Wiederaufbau der Ukraine zu unterstützen.

Viel mehr lässt sich eigentlich, solange der Krieg noch tobt, gar nicht beschliessen. Trotzdem hält Cassis unbeirrt an seiner Lugano-Konferenz fest.

Eine unselige Kontinuität in der Schweizer Wiederaufbau-Diplomatie

Da zeigt sich eine Kontinuität in der Schweizer Wiederaufbau-Diplomatie. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg achtete die offizielle Schweiz darauf, dass ihre Hilfsaktionen genug Aufmerksamkeit erregten. Sie setzte auf humanitäre Sololäufe, die medienwirksamer von der tiefen Menschlichkeit der Schweizer Bevölkerung und ihrer Regierung zeugten, als wenn man die Spendengelder nur still den zuständigen Hilfswerken der Vereinten Nationen überwiesen hätte.

Die Schweiz befand sich damals in der Defensive, bekam das Misstrauen der Alliierten zu spüren. Das vermeintlich neutrale Musterland stand plötzlich als Waffen- und Gold-Drehscheibe da, offen für Geschäfte mit den Nazis, aber abweisend gegenüber Geflüchteten. Um das schlechte Image zu korrigieren, startete der Bundesrat eine karitative Charmeoffensive.

Bei der «geistigen» Aufbauhilfe zeigte sich die Schweiz generös

Das markanteste humanitäre Werk war die «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten». Bis 1948 flossen rund 200 Millionen Franken Spendengelder in die kriegszerstörten Länder. Die Schweiz gewährte zudem hohe Zahlungskredite. Man lud Kinder aus ehemaligen Kriegsregionen ein, päppelte sie auf. Im Grenzraum kam es zu völkerversöhnenden Anlässen.

Hinzu kam die «geistige» Aufbauhilfe, in welche die Schweiz besonders generös investierte. Schon gegen Ende des Krieges, als sich die Klagen über unhaltbare Zustände in den eigenen Flüchtlingslagern häuften, hatte man die Freizeitgestaltung auszubauen begonnen und vermittelte den Inhaftierten gezielt Wissen, das ihnen beim Wiederaufbau ihrer Heimat nützlich sein sollte.

Nach 1945 belieferte das Land dann Universitäten mit fehlender Fachliteratur, rüstete bombardierte Stadtbibliotheken auf, schickte staatsnahe Geistesgrössen auf Tournee. Sie sollten den kulturell ausgehungerten deutschen Kriegsgefangenen die Vorzüge der Demokratie und des freien Denkens wieder nahebringen.

Kritische Intellektuelle finden in der Politik kein Gehör

Schweizer Intellektuelle, die unter Aufbauhilfe auch die kritische Auseinandersetzung mit den Kriegs- und Nachkriegsereignissen verstanden, hatten dagegen einen schweren Stand. Bald nach 1945 entstand der eiserne Vorhang. Im November 1947 trafen sich Schriftsteller in Zürich, unter ihnen Bertolt Brecht, Max Frisch und Erich Kästner. Sie stellten fest, die Existenz zweier verschiedener ökonomischer Systeme – Kapitalismus im Westen, kommunistische Planwirtschaft im Osten – werde schon wieder für neue Kriegspropaganda benutzt.

Im Zeitalter der Atombombe waren sie alarmiert, schrieben in einem Aufruf mit pathetischem Nachdruck: «Die Erwartung eines neuen Krieges paralysiert den Wiederaufbau der Welt. Sie steht heute nicht mehr vor der Wahl zwischen Frieden oder Krieg, sondern zwischen Frieden und Untergang. Den Politikern, die dies noch nicht wissen, erklären wir mit Entschiedenheit, dass die Völker den Frieden wollen.»

In den Trümmerfeldern liegt eine Chance für modernen Städtebau

Besonders Max Frisch blühte in den Ruinen auf, weil da die Zukunft keimte. 1948 reiste er, der im Hauptberuf noch Architekt war, nach Polen und notierte: «Der Wiederaufbau von Warschau ist das grösste architektonische Unternehmen, das ich kenne.»

Max Frisch, Schriftsteller und Architekt.

Max Frisch, Schriftsteller und Architekt.

Comet Photo Ag (zürich) / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Er nahm an einer Besichtigung der zu zwei Dritteln zerstörten Stadt teil, dachte erstmals intensiver über modernen Städtebau nach, der in Warschau möglich sei, weil der Boden verstaatlicht worden war. Die Neuplanung der Stadt begeisterte ihn. Da sei viel Fantasie am Werk, «ein meistens humaner Massstab, viel Sensibilität für kubischen Rhythmus.»

In den Trümmerfeldern lag eine einzigartige Chance für modernen Städtebau. Die zentrale Frage lautete: Sollen die Stadtkerne möglichst originalgetreu wieder aufgebaut werden? Oder entwirft man neue Viertel nach den Bedürfnissen der gegenwärtigen Gesellschaft und nach neuesten architektonischen Erkenntnissen? Für letzteres plädierte Max Frisch. Er machte sich Gedanken, die auch beim hoffentlich baldigen Wiederaufbau der Ukraine noch bedenkenswert wären.

Wer entscheidet, wie die Städte wieder aufgebaut werden sollen?

Man lud Frisch in den 1950er Jahren verschiedentlich in die Bundesrepublik Deutschland oder sogar in die USA ein, damit er seine städtebaulichen Ansichten kundtat. Bei einer Tagung in Dortmund, an der Planungsfachleute aus ganz Europa teilnahmen, sagte Frisch, nur die Gesellschaft insgesamt könne entscheiden, nach welchen Gesichtspunkten geplant werde. Man dürfe den Wiederaufbau der Städte nicht den Experten überlassen. «Kein Städtebau ohne Politik!»

Damit provozierte er einen Eklat innerhalb der deutschen Baubürokratie. Sie warnte geradezu martialisch vor Einmischungen der Öffentlichkeit und der Intellektuellen. Der Masse müsse mit starker Hand vorgegeben werden, was gut für sie sei. Alles Dreinreden gelte es zu unterbinden. Da konservierten sich noch die autoritären Denkmuster der Nazi-Diktatur. Entsprechend trist gerieten manche Neubausiedlungen in Deutschland unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit.

Ein Wiederaufbau, der die betroffene Zivilgesellschaft einbezieht, könnte auch in der Ukraine die Probe aufs Exempel sein, die zeigt, wie ernst es dem Land mit seiner Demokratisierung und Korruptionsbekämpfung ist. Städte wie Sjewjerodonezk oder Mariupol, die in Schutt und Asche liegen, sind inzwischen allerdings von Russland besetzt. An einen Wiederaufbau ist dort wohl noch nicht so schnell zu denken. Es sei denn, Putins vermögende fünfte Kolonne in der Schweiz, allen voran Magdalena Martullo-Blocher, spenden ihr Vermögen.