«Mamma mia!» – beim Blick in die Menge ist sogar der langjährige Präsident des Locarno Film Festivals, Marco Solari, baff. Im Saal, in dem gestern Mittwoch die Pressekonferenz zur anstehenden 72. Ausgabe stattfindet, herrscht akuter Platzmangel.

Schuld am riesigen Andrang ist die Frau, die neben Solari Platz nimmt: Lili Hinstin. Alle wollen wissen, was die neue künstlerische Leiterin, die den zur Berlinale abgewanderten Carlo Chatrian ersetzt, mit Locarno vor hat.

Bevor aber Hinstin ihre Ideen präsentiert, nutzt Solari die Gelegennheit, seinem Neuzugang ein Kränzchen zu winden: «Sie hat die richtige Sensibilität und Cinephilie für Locarno. Wir sind überglücklich über die Wahl, die wir mit Lili Hinstin getroffen haben.»

Leidenschaft für jedes kleinste Detail

Diese Cinephilie, also die Liebe fürs Kino, ist Hinstin im Saal deutlich anzumerken. Statt einfach die Titel der über 300 Filme herunterzulesen, die ab dem 7. August in Locarno zu sehen sein werden, hebt sie jene hervor, die ihr besonders am Herzen liegen. Das sind viele, und zu jedem hat sie viele liebevolle Dinge zu erzählen.

Und wenn ihr ein Detail entfällt, blättert Hinstin lieber mal eine halbe Minute lang durch ihre Notizen, als es einfach auszulassen. Diese Frau brennt für ihr Festivalprogramm.

Lili Hinstin: Die neue künstlerische Leiterin des Locarno Film Festivals stellt das Programm der 72. Ausgabe vor.

Lili Hinstin: Die neue künstlerische Leiterin des Locarno Film Festivals stellt das Programm der 72. Ausgabe vor.

Das grosse Highlight ist die Schweizer Premiere von «Once Upon a Time in Hollywood» auf der Piazza Grande. 8000 Filmfans werden unter dem freien Sternenhimmel in den Genuss des neuen Films von Quentin Tarantino kommen.

Ob der US-Kultregisseur und seine beiden Hauptdarsteller, Leonardo Di Caprio und Brad Pitt, den Film im Tessin persönlich vorstellen, ist noch offen. Die Festivalleitung liess ausrichten, dass sie daran arbeitet, und dass zumindest bei Tarantino Hoffnung besteht.

Hingegen bestätigt ist der Besuch von zwei anderen Hollywoodschauspielern: Während die zweifache Oscarpreisträgerin Hilary Swank («Million Dollar Baby») in Locarno den diesjährigen Leopard Club Award in Empfang nimmt, stellt Joseph Gordon-Levitt («Inception») seinen neuen Thriller «7500» vor. Er spielt darin einen Airbus-Pilot, der versucht, eine Gruppe junger Männer davon abzuhalten, ins Cockpit einzudringen.

Nun, Filmstars auf die Piazza zu holen, ist in Locarno keine revolutionäre Tat, dafür hatten schon Carlo Chatrian und vor allem dessen Vorgänger Olivier Père ein Händchen.

Hinstin, das wird während der Pressekonferenz klar, wird in Locarno nicht alles auf den Kopf stellen. Auch sie setzt auf den Spagat zwischen Glamour und Arthouse, der das Festival seit Jahren auszeichnet, auch sie will sowohl das grosse Mainstreampublikum als auch die Cinephilen bei Laune halten.

«Ich möchte zur Geschichte des Festivals beitragen», sagt Hinstin.

Die frischen Impulse, die man sich von der neuen künstlerischen Leiterin verspricht, äussern sich eher in einer Art Feinjustierung des Festivals. Zum Beispiel bei der zuletzt stark kritisierten Doppelprogrammierung der Piazza Grande.

Festivalbesucher konnten bisher zum Vorzugspreis jeden Abend zwei Filme hintereinander auf der riesigen Piazza-Leinwand schauen: zunächst einen Blockbuster, danach einen etwas «anderen» Film.

Gerade dieser zweite Film kam bei Chatrian oft unmotiviert und belanglos daher, was zur Folge hatte, dass zu dieser späten Stunde die Zuschauerdichte auf der Piazza radikal abnahm.

Zu später Stunde soll es «völlig verrückt» werden

Bei Hinstin soll das nun anders werden, sie stellt die Spätvorstellungen unter das Stichwort «Crazy Midnight» und zeigt Filme, die sich dezidiert an ein jüngeres Publikum richten. Darunter neuere Filme wie «Greener Grass» (Hinstin: «eine völlig verrückte Komödie») sowie Kultklassiker wie «Cecille B. Demented» von John Waters.

Der amerikanische Trashspezialist wird dieses Jahr in Locarno für sein Lebenswerk geehrt. Zusammen mit der Überreichung des diesjährigen Excellence Award an den koreanischen Kultschauspieler Song Kang-ho («The Host») ist das als deutliche Liebeserklärung von Lili Hinstin zu verstehen: an das internationale Kino in seiner gesamten Einzigartigkeit und Schrägheit.

Unter Hinstin soll das Locarno Film Festival jünger werden, aber auch weiblicher. Viele Komödien von Regissuerinnen seien im Programm zu entdecken, verspricht sie.

Eine davon heisst «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» und ist das Regiedebüt der 36-jährigen Schweizer Drehbuchautorin Natascha Beller («Der Bestatter»), der ebenfalls in der Reihe «Crazy Midnight» läuft.

Das Nachsehen haben Regieveteranen wie Samir: Dessen neuer Thriller «Baghdad In My Shadow» debütiert in Locarno ausser Konkurrenz.