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Im Darknet sollten Ehebrecher keine Gnade erwarten: Der Roman der Schwedin Lina Wolff ist ein makabres Vergnügen

Die schwedische Autorin Lina Wolff liefert in ihrem neuen Roman «Das neue Herz» ein feministisches Kabinettstück. Darin beichtet ein reumütiger Ehebrecher und eine dämonische Nonne - ein Roman wie geschaffen für ein Drehbuch für Pedro Almodovar.

Hansruedi Kugler
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In Schweden ein Literaturstar und in zahlreiche Sprachen übersetzt: Lina Wolff.

In Schweden ein Literaturstar und in zahlreiche Sprachen übersetzt: Lina Wolff.

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Erbarmen oder Demütigung – was hilft den Menschen mehr? Den Fremdgehern und Lebensmüden, die Erlösung suchen? Am Ende dieses irrwitzigen Romans voller pathetischer Gefühle und schroffer, ja brutaler Lebensweisheiten fragt man sich genau dies. Und man bewundert eine Autorin, die beide Spielarten gelten lässt. Wer schwarzen Humor mag und einen soliden Magen hat, für den wird dieser Roman zum grossen philosophischen Spass. «Das neue Herz» ist zudem ein feministisches Kabinettstück voller überraschender Wendungen: Im Darknet sollte man jedenfalls als reumütiger Ehebrecher besser keine Vergebung erwarten. Im schwedischen Original lautet der Titel ja auch «Köttets tid», wörtlich «Die Zeit des Fleisches», was treffender ist und auf das Doppeldeutige des Fleischlichen im Roman, nämlich Sex und Metzgerei, hinweist.

Lina Wolff: Das neue Herz.

Lina Wolff: Das neue Herz.

Zvg / Aargauer Zeitung

Ein Roman wie ein Film von Pedro Almodóvar

Zwei lange Beichten machen den Hauptteil dieses (ein wenig auch religiösen) Romans aus. Die hysterische und selbstgefällige erste Beichte kommt vom Ehebrecher: «Das war keine normale Therapie. Diese Therapie war die Hölle.» Denn jetzt seien Organhändler hinter ihm her. Was der aufdringliche Fremde in einer Bar flehend bekennt, weckt das Interesse der aus ihrem zerrütteten Leben in Schweden nach Madrid geflüchteten Schriftstellerin Bennedith. Er habe seine grosse, herzkranke Liebe wegen seiner Untreue verloren und sei nun auf der Flucht vor einer dämonischen Nonne mit einer verstümmelten Hand, sagt dieser reumütige Mercuto Cano und bittet um ein Versteck. In Bennediths Wohnung erzählt er dann von seiner lebensgefährlichen Demütigung in der Show «Fleisch und Sühne» im Dark­net. Das könnte der Beginn eines jener schrillen Filme von Pedro Almodóvar sein: So liebessüchtig, schräg, rachedurstig und vom Leben geplagt wie Lina Wolffs Figuren sind sonst nur die Protagonistinnen des spanischen Kultregisseurs. Dass in «Das neue Herz» auch noch eine illegale Organtransplantation droht, würde ebenfalls in ein Almodóvar-Drehbuch passen. Das erstaunt nicht, denn die 48-jährige schwedische Autorin Lina Wolff lebte mit ihrem Mann lange in Spanien.

Die Nonne erlöst äusserst zupackend

Die zweite Beichte kommt dann von ebendieser 90-jährigen Nonne, deren Hand tatsächlich wegen eines schockierenden Vorfalls verstümmelt ist. Lucia, die sich als Erlöserin einen grossen Namen gemacht hat, erzählt in langen Briefen an Bennedith von ihrem Leben als Mädchen in einer Metzgerei, vom spanischen Bürgerkrieg und schliesslich von ihrer «Erweckung», ihrem göttlichen Auftrag, den Menschen zu helfen – äusserst zupackend und erfolgreich, allerdings auf immer makabrere Art und Weise, zuletzt in dieser Darknet-Show «Fleisch und Sühne». Die Männer kommen dabei äusserst schlecht weg, bis auf einen, der allerdings schwer krank ist und seine Art Erlösung einfordert.

Selten liest man einen Roman, der so grosse Themen wie Schuld, Untreue und Lebensmüdigkeit so fabelhaft zu einer Groteske verdichtet. Man staunt, wie Lina Wolff das Schrille und Melancholische, das Hitzige und Philosophische zusammenbringt. «Einen bestimmten Menschentyp müsse man das Fürchten lehren, damit er die Stärke gewinne, sein eigenes Leben wertzuschätzen», heisst es einmal. Das trifft es schon, tönt aber dann fast ein bisschen zu harmlos für diesen grandiosen, verrückten Roman.

Lina Wolff: Das neue Herz. Roman. Übersetzt von Stefan Pluschkat. Hoffmann und Campe. 270 S

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