Literatur
Das Tessin ist nicht nur Sonnenstube, sondern auch heimliche Lyrik-Schreibfabrik

Die wichtigsten Tessiner Schriftsteller waren alle Lyriker. Dank dem Limmat-Verlag weiss auch die Deutschschweiz von ihrer Existenz. Ein neu erschienener Band bringt den Leserinnen und Lesern aus der Deutschschweiz den Lyriker Enzo Pelli näher.

Florian Bissig
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Ein guter Boden für die Lyrik: Das Tessin wirft für die Lyrik viele Früchte ab.

Ein guter Boden für die Lyrik: Das Tessin wirft für die Lyrik viele Früchte ab.

Im Jahresrhythmus, mindestens, gibt es für das deutschsprachige Lesepublikum einen Tessiner Lyriker kennen zu lernen. Letztes Jahr war es ein grosser Band von Fabio Pusterla, davor wurden die Lyrikerinnen Lina Fritschi und Donata Berra in Nachdichtungen vorgestellt. Dieser Tage wird das Tableau durch den Namen Enzo Pelli ergänzt, der erstmals in einem deutschsprachigen Auswahlband präsentiert wird. Ob das Tessin ein besonders guter Boden für Lyrik ist?

Dem ist und war gewiss schon immer so. Die wichtigsten Tessiner Schriftsteller waren Lyriker. Das gilt seit Francesco Chiesa, Plinio Martini und Giorgio Orelli, und die These lässt sich im zeitgenössischen Schaffen aufrechterhalten, wenn man von Ausnahmen wie der Erzählerin Anna Felder absieht. Indessen, dass die Früchte des nahrhaften zisalpinen Bodens auch zur Aufmerksamkeit des transalpinen Lesepublikums gelangen, ist dennoch keine Selbstverständlichkeit.

Sprachrohr für das Tessin: der Limmat-Verlag

Die vorhandene Aufmerksamkeit geht fast allein aufs Konto des Zürcher Limmat-Verlags, der seit rund 25 Jahren eine Reihe mit zweisprachigen Lyrikbänden führt, sowohl von Zeitgenossen wie von verstorbenen Dichtergrössen. Die grosse Mehrheit der grosszügig gestalteten Bände, über ein Dutzend, hat Christoph Ferber übersetzt.

Der unermüdliche Slawist und Romanist, der 2014 mit dem Spezialpreis Übersetzung des Bundesamts für Kultur ausgezeichnet wurde, übersetzt auch aus dem Russischen und Französischen, konzentriert sich seit ein paar Jahren jedoch vermehrt auf die Tessiner Lyrik. Im 40. Band der Limmat-Lyrikreihe stellt uns Ferber den 1948 in Lugano geborenen Enzo Pelli vor. Pelli war langjähriger Kulturredaktor beim Tessiner Fernsehen und begann spät mit dem Dichten.

Dafür hat er seit 2014 bereits vier Gedichtbände veröffentlicht. Der letzte und umfangreichste: «Il tempo breve» 2020. Bei der Lektüre von Ferbers Auswahl aus den vier Bänden erhellt von der ersten Seite an, dass Pelli schon in seinem Debüt über eine gereifte, verdichtete Ausdrucksweise verfügt, die auf ausgiebige Vorarbeiten schliessen lässt. Pelli begann gleich mit dem Alterswerk.

Was pfeift da im Gestein und Moos? So fragt sich ein Wanderer im Gedicht «Pfad, Fels», das Meditation mit Naturbeschreibung verwebt und in einem einzigen plastischen Bild auf den Punkt bringt. «Atem, Wind / Zeit», so die knappe Formel für die Intuition, die ein grosses Thema nur gerade andeutet.

Oft spricht ein Ich, doch bei Pelli ist dieses nie aufdringlich. Dichten ist hier Bezeugen, doch im irdischen Reich des Erfahrbaren. Metaphysische Spekulationen überlässt er anderen. «Mein Mass geht übers Alltägliche nicht hinaus, / sucht Geheimnisse hier in der Nähe.»

Das Naheliegende, das scheinbar Unwichtige ernstzunehmen und ihm seine Bedeutung zurückzugeben: Das ist ein Kernanliegen von Pellis Poetik. Immer wieder ist es die Natur, die kontempliert wird – und sei es durch die Betriebmacherei von ambitionierten Langläufern und Hundespaziergängern, oder sei es durch das Gefuchtel mit Handys und Playstations.

Doch auch die Vergänglichkeit treibt Pelli um – mit Blick auf seine Mitmenschen. In bewährter Dichtertradition möchte er mit seinen Gedichten die Erinnerung pflegen und so die Toten lebendig halten. Etwa den abenteuerlustigen Onkel Cécch, den er als Kind bewunderte, oder zwei kinderlos gestorbene Damen aus seiner Verwandtschaft. «Leser, behalt, wenn du es kannst, / ihre Namen in deinem Gedächtnis», so ruft er uns zu. Wir versuchen es: Rita und ­Ginetta, Rita und Ginetta.

Eher bleiben werden dem Leser vielleicht jene Gedichte, die Pelli seiner Mutter widmet. Liebevoll ist sein Blick auf die greise, demente Frau, und doch mutig genug, den bevorstehenden Abschied nicht auszublenden. Wie sie da schlummert: Ist sie wohl «schon aufgebrochen zur grossen Reise»? Nein, noch nicht. Aber «so probt sie jeden Tag / für einen lang währenden Augenblick / die Leere, die sie erwartet.» Und ihr Sohn probt mit ihr.

Im Dienst der Verständlichkeit

Pelli spricht über seinen Ansatz eines Zwiegesprächs mit den Toten demütig als «Gesang aus der Ferne». Mit Antwort rechnet er nicht: «Wie damals ist meine Stimme zu leise und ohne Gewicht.» Pellis literarische Stimme mag leise sein. Ohne Gewicht ist sie keineswegs. Sie ist gewichtig, indem sie das Schwere leicht macht. Seine ruhige Gedankenlyrik tritt in unprätentiösen und doch eleganten Formen auf.

Christoph Ferber liefert eine semantisch präzise Übersetzung, ohne jedoch die Rhythmen oder die gelegentlichen Endreime nachzukonstruieren. Sein unaufgeregter Übersetzungsstil steht im Dienst der Verständlichkeit und redensartlichen Stimmigkeit. Das passt zu Pelli, und es könnte dabei helfen, den Namen dieses Tessiner Lyrikers im Gedächtnis zu behalten.

Enzo Pelli: «Plötzlicher Schatten/Ombra improvisa». Limmat-Verlag, Zürich 2022.