Ein Gang zur Behörde kann zuweilen länger dauern, besonders in Frankreich. Man zieht eine Nummer, reiht sich in die Warteschlange ein und starrt Löcher in die Luft. Oder man checkt Facebook-Nachrichten, um sich abzulenken. Die Warterei ist öde – und nervt.

Die Stadt Grenoble will nun Abhilfe schaffen: Sie hat in ihren Ämtern Literaturautomaten aufgestellt, die per Knopfdruck Kurzgeschichten ausspucken. Auf den rund ein Meter hohen schwarz-orangen Zylindern kann der Besucher drei Knöpfe drücken – eine Minute, drei Minuten oder fünf Minuten.

Je nach Lesedauer druckt der Automat eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht auf einem acht Zentimeter schmalen Papier aus, das wie eine Art Kassenzettel aussieht. Eine dreiminütige Geschichte ist 60 Zentimeter lang, ein fünfminütiges Lesestück erreicht mitunter 1,20 Meter Länge. Mit dem Lesestoff kann der Behördenbesucher die Wartezeit überbrücken.

Intelligent warten

Entwickelt wurde das Konzept von dem Grenobler Start-up Short Edition. «Die Idee kam uns bei einem Automaten von Schokoladentafeln und Getränken, und wir sagten uns, wir könnten das Gleiche mit guter Populärliteratur tun», erzählte Co-Gründer Christophe Sibieude der Nachrichtenagentur AFP. Also kreierten sie einen Automaten für Literatur.

Autoren können ihre Texte auf einer Online-Plattform einreichen und bekommen zwischen 5 und 10 Euro pro veröffentlichten Text. Das ist nicht viel, aber eine Möglichkeit, eine breite Leserschaft zu finden. 9000 Autoren zählt Short Edition bereits.

Das Start-up hat auch eine mobile Seite für die Transportgesellschaft Transdev entwickelt, die Fahrgästen während der Fahrt Texte anbietet. Für das Projekt erhielt Short Edition 800 000 Euro Unterstützung von zwei Banken.

«Ziel ist es, allen Bewohnern von Grenoble und ihren Besuchern zu ermöglichen, mindestens einmal pro Woche mit Kunst in allen ihre Formen in Kontakt zu kommen», schreibt die Stadt auf ihrer Homepage. «In einer Gesellschaft, in der das tägliche Leben immer schneller und die Zeit kostbar wird, hat es sich Short Edition zur Aufgabe gemacht, die tote Zeit in Lesezeit zu transformieren», hob das Rathaus zu einer Eloge an.

Neue urbane Lebensform

Hinter der Initiative steht Bürgermeister Eric Piolle. Der Grünenpolitiker sieht sich als Pionier einer neuen urbanen Lebensform. Im letzten Jahr verbannte er in einer aufsehenerregenden Aktion knapp 400 Werbetafeln aus der Stadt und pflanzte dafür Bäume. Den Vertrag der Stadt mit der Werbefirma JC Decaux liess er kurzerhand kündigen. Piolle sprach von einer «Befreiung des öffentlichen Raums». Nun soll Facebook der Kultur weichen.

Bislang wurden acht Automaten in städtischen Gebäuden aufgestellt, unter anderen im Rathaus, Fremdenverkehrsamt und in öffentlichen Bibliotheken. Weitere sollen folgen. Die Installation ist für ein Jahr geplant. Short Edition will die Literaturautomaten auch in anderen Städten aufstellen – damit sich auch dort die Besucher an guter Literatur laben können.