Taro Izumi

Listige Stolpersteine im Museum Tinguely

Der japanische Künstler Taro Izumi macht das Übersehene mit einem Augenzwinkern wieder wahrnehmbar.

Und dann stolpere ich über das Coronavirus. Der Rundgang hat kaum begonnen, da beschlägt die Brille wegen des Mundschutzes, ein schrappendes Geräusch, der Journalist taumelt. Auf dem Boden liegt eine rote Billardkugel, eingeschlossen in ein passgenaues Kästchen aus Plexiglas. Die Nummer 3 rollt nicht mehr, sie hat ihre Bestimmung verloren – genau wie all die anderen Kugeln auch, die über den Ausstellungsraum verstreut sind. «Aber das ist vielleicht eine zu anthropozentrische Sicht», erklärt der Japaner Taro Izumi. Und ja, das luftdicht verpackte Spielobjekt ist eine Reaktion auf die eingeschränkte Mobilität im Zeichen von Covid-19.

Nach dem Lockdown hätten sich die Zuschauerzahlen des Museum Tinguely nur langsam erholt, erläutert Direktor Roland Wetzel zu Beginn der Medienführung durch die neue Ausstellung «Taro Izumi. ex». Mittlerweile sei man aber fast wieder auf dem Stand des Vorjahrs: «Das hatten wir so nicht erwartet», freut sich der Direktor. Die Eröffnung der aktuellen Schau sei ursprünglich für die Art-Woche im Juni geplant gewesen. Der japanische Künstler habe die Verzögerung derweil genutzt und mit grösstem Einsatz neue Arbeiten entworfen, die der Aktualität Rechnung trügen.

Die grösste dieser Arbeiten ist schon von Weitem zu hören. Ein mächtiges Tosen erfüllt das Entrée des Museums. Eine Struktur wie eine riesige Schliessfachwand türmt sich auf, in die Sehschlitze eingelassen sind. Messingschilder glänzen darauf: Platznummern von rund 400 Theatern weltweit, die Izumi während des Lockdown um eine Tonbandaufnahme gebeten hatte. Die Betreiber schickten dem japanischen Künstler je zehn Minuten Stille – kein Räuspern, kein Klatschen, sondern den Klang der Abwesenheit: weisses Rauschen. «Die Stille existiert», erklärt Izumi so leise, als wolle er diese Stille nicht stören. «Wir hören sie vielleicht nicht, aber die Aufnahmegeräte schon.»

Schnittstelle zwischen Kunst und Leben

Pagenfrisur, schwarze Kapuzenjacke und ein T-Shirt, auf dem E.T.s Finger ausserirdisch glüht: Taro Izumi trägt es frei von jeder Ironie. Er sei ein nüchterner Mensch, erzählt der 1976 in Tokio geborene Künstler in einem Fernsehinterview. Er raucht nicht, trinkt nicht, und seine rätselhaft versponnene Kunst entsteht ohne humorige Absichten. «Ich mache das völlig ernsthaft.» Alles, womit er in Kontakt komme, präge seine Arbeit, die sich stetig wandle. Auch, weil er sich nicht wiederholen mag. «Wenn ich zum Beispiel Scheisse produziere, mache ich das nächste Mal nicht Pisse», erklärt er im selben Interview mit einer Pokermiene.

Roland Wetzel erklärt Izumis Ansatz für die laufende Ausstellung so: «Es geht um die Schnittstelle zwischen Kunst und Leben, um Anwesenheit und deren Repräsentation.» Während der Direktor spricht, drückt auf einer Videoinstallation im Hintergrund ein Finger auf einen gummigen Pfannkuchen, während auf einem zweiten Screen der gleiche Finger das Gesicht eines Kleinkinds auf einem Laptop anstupst. Der Künstler habe sich einen naiven Blick auf die Welt bewahrt, kommentiert Kuratorin Séverine Fromaigeat: «Er macht wahrnehmbar, was übersehen wird.»

Keine abgeschlossene Arbeit

Die Kuratorin betont die «Do-it-yourself-Energie» der Ausstellung, die sich selbst immer wieder infrage stellt und eben so – paradoxerweise – selbst bekräftigt. Das gilt etwa für den grossen Ausstellungstitel, der auf eine Wand aufgetragen und stellenweise wieder ausradiert wurde: Der Gummiabrieb dieser gelöschten Stellen zieht sich als Spur bis zu einer Videoprojektion, die den Prozess als Performance festhält. «Die Arbeit ist dadurch nie abgeschlossen», sagt Fromaigeat, «sie transformiert sich weiter.»

Am eingängigsten sind wohl Izumis Werke, die unter dem Titel «Tickled in a dream … maybe?» entstanden sind. Als Vorlage dienten Sportfotografien aus Fuss- und Basketball, auf denen Athleten in Extremsituationen festgehalten sind. Der Künstler hat nun aus Möbeln behelfsmässige Krücken und Prothesen gebastelt, mit denen Testpersonen die eingefrorenen Posen nachstellen, unbehindert von Schwerkraft und Zeit – wobei diese in den Videoinstallationen weiterläuft. Man wartet darauf, dass die Bilder wieder in Bewegung umschlagen, was sie aber nicht tun. Und das ist der Punkt: «Das Warten ist ein Zustand, dessen man sich nicht unbedingt bewusst ist», sagt Fromaigeat.

So legt uns Taro Izumi listige Stolpersteine in den Weg, die den eigenen Gedanken auf die Sprünge helfen.


«Taro Izumi. ex»
Museum Tinguely, bis 15.11.2020.

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