Liestal
Ausstellung im Palazzo: Ein Raum wie aus einem Traum

Das Palazzo in Liestal zeigt Innenraum-Installationen von vier jüngeren Kunstschaffenden – und hat dafür temporär umgebaut.

Christoph Dieffenbacher
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Nicolas Vionnet: «Quand le vent souffle».

Nicolas Vionnet: «Quand le vent souffle».

zvg

Kaum drin, fühlt man sich schon wieder draussen. Der erste Blick fällt auf einen hellblauen Himmel mit vorüberziehenden Wolken, festgehalten auf einem grossen Ölbild. Gleichzeitig ist von der Seite ein leichter Windstoss aus einem Lüftungsrohr spürbar. Nebenan liegt ein riesiger, halb aufgepumpter Plastikball, der einen ganzen Raum ausfüllt und dessen Eingang völlig versperrt. Installiert hat das spielerisch-ironische Ensemble mit dem Titel «Quand le vent souffle» der Künstler Nicolas Vionnet (*1976). Der luftige Eindruck irritiert etwas – in einer Ausstellung, die sich doch den Innenräumen annehmen will.

Die vier eingeladenen Schweizer Künstlerinnen und Künstler hatten im Palazzo je einen Raum für sich erhalten, mit dem sie frei umgehen konnten, wie der Kurator und neue Kunsthalle-Leiter Michael Babics sagt. Alle Arbeiten seien damit präzis auf den Ort zugeschnitten. So kommt es, dass in der Ausstellung auch bestehende Wände, Türen, Durchgänge, Fenster, Vorhänge samt ihren Durch- und Einblicken zu Akteuren werden. Babics liess zudem einen Zugang vorübergehend zumauern und dafür Einbauten schaffen, sodass sich neue, unbekannte Räume betreten lassen.

Stillleben mit gedecktem Tisch und welkenden Blumen

Anita Mucolli: «Moments before the storm, I sat at my table with a glass of wine, relishing the last rays of sunshine, not knowing they were actually the last».

Anita Mucolli: «Moments before the storm, I sat at my table with a glass of wine, relishing the last rays of sunshine, not knowing they were actually the last».

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Eine teilweise begehbare Installation konzipiert hat Anita Mucolli (*1993), die in ihren Arbeiten fiktionale Räume nachbaut und sie dabei in kritischer Absicht verfremdet. Diesmal ist es ein grell beleuchteter Lift mit sauber gereinigtem, fast sterilem Wartebereich, wie man ihn von den internationalen Transit-Orten wie Flughäfen und Hotels kennt. Wer die Kabine betritt, findet sich angestrahlt und fast unendlich gespiegelt. Doch plötzlich gibt es durch eine Öffnung noch einen weiteren Raum zu entdecken. Darin ist ein arrangiertes Stillleben mit gedecktem Esstisch und welkenden Blumen, das Ganze in ein weiches Abendlicht getaucht – ein Raum wie aus einem Traum. Die ganze Szenerie ist luftdicht abgeschlossen und nicht betretbar.

Mucolli, Trägerin des diesjährigen Helvetia-Kunstpreises, wirft in ihrer vielschichtigen Raum-Inszenierung auch die Frage nach Realität und Fiktion auf. Entstammt der rätselhafte Innenraum einem Bild der Fantasie, ist er weniger wahr als die realistisch nachgebaute Liftkabine? Die Ausstellung möchte denn auch, so der Kurator, «nicht nur architektonische, sondern auch mentale Räume» zeigen: imaginierte Bilder, Gedanken, Träume, Erinnerungen und Sehnsüchte. Mit durchaus realem Hintergrund: Wegen Corona wurden auch viele Künstler und Künstlerinnen in ihre vier Atelierwände verbannt.

Neben dem «Letzten Raum» stehen Keramikgefässe

Julia Steiner: «Der letzte Raum».

Julia Steiner: «Der letzte Raum».

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Ebenfalls einem Traumbild entstiegen und nahe an der Grenze zum Privaten erscheint die grosse Installation «Der letzte Raum 2.0» von Julia Steiner (*1982). Einen früheren Werkzyklus weiterentwickelnd, hat die Künstlerin einen eigenen Traum rekonstruiert – als sie nämlich von jenem Raum träumte, in dem sie einmal sterben würde. Zu sehen ist eine Art Seidenzelt, das auf kleinen, feingliedrigen Stelzen schwebt und in den Innenwänden mit dunklen Schraffurzeichnungen versehen ist. Daneben stehen wie zur Begleitung Dutzende von grossen und kleinen, schwarzen und weissen Keramikgefässen im Raum verteilt, von denen Steiner während der Pandemie täglich ein paar herstellte.

Christelle Kahla: «Oops».

Christelle Kahla: «Oops».

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Die Waadtländerin Christelle Kahla (*1994) interpretiert das Raum-Thema wiederum auf andere Weise, indem sie mit dem Wechsel zwischen der Oberfläche und der Tiefe spielt: Sie hat dunkle Linien und Muster auf Leinenstoffe gesprayt, die sie direkt an die Wände geheftet hat. Ihre Strukturen erinnern an Fenstergitter, vor denen Pflanzen hochwachsen und Leuchtschriften einer Grossstadt blinken. Einmal regnet es Herzchen vom Himmel herunter: Liebessymbole, wie der Titel vermuten lässt. Jedenfalls scheint auch hier der Bildraum eher der privaten Sphäre anzugehören.

Schwarz und Weiss beherrschen den Eindruck

Im Ganzen wirkt die Ausstellung in ihrer Reduktion auf wenige Arbeiten etwas karg und unterkühlt. Rund um die gross bemessenen Installationen findet sich reichlich Luft, Schwarz und Weiss beherrschen den Eindruck. Dafür kommen die Räume in der ehemaligen Liestaler Bahnhofspost umso besser zur Geltung. Und die präsentierten Werke erfahren samt ihren Details eine zusätzliche Aufwertung: Ganz so, wie es sich der Kurator wünscht, können sich in den Köpfen der Besuchenden vielerlei persönliche Assoziationen und Interpretationen einstellen.

Interior. Kunsthalle Palazzo, Liestal.
Bis 31. Oktober.
Infos und Begleitprogramm: www.palazzo.ch

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