Kultur

Leonard Cohen: Da steht der Tod, und er isst ein Sandwich

Einer Betrügerin ist es zu verdanken, dass Leonard Cohen noch immer auf der Bühne steht.

Einer Betrügerin ist es zu verdanken, dass Leonard Cohen noch immer auf der Bühne steht.

Der 82-Jährige, Literaturpreisträger wie Bob Dylan, veröffentlicht ein neues Album: «Ich will es dunkler».

Braucht es wirklich einen neuerlichen Nachweis dafür, wie kurzsichtig Entrüstung ist? Bob Dylan verdiene den Literatur-Nobelpreis nicht, schrieben Literaturkritiker nach dem jüngsten Entscheid der schwedischen Akademie. Vor fünf Jahren war das anders. Damals regte sich niemand auf, als Leonard Cohen, ebenfalls ein Barde, den «spanischen Nobelpreis für Literatur» erhielt, den Prinz-von-Asturien-Preis.

Man kränke nicht Spaniens Grandeza! Die hält den Asturien-Preis durchaus für vergleichbar mit der Ehre aus Stockholm, kleckert allenfalls bei der Apanage (50 000 Euro statt der 880 000 in Stockholm). Leonard Cohen verhielt sich indes nobel. Anders als Dylan, der, seit je Preis-neurotisch, offenbar seit Tagen das Telefon nicht abnimmt, um die Nachricht aus Stockholm zur Kenntnis zu nehmen (die Schweden haben mittlerweile aufgegeben, die schwedischen Gazetten schäumen).

Der väterliche Freund im Anzug für die Hippies nach dem Kater

Cohen, aufgewachsen in einer vermögenden und angesehenen jüdischen Familie von Montreal, trug schon massgeschneiderte Anzüge und bewies tadelloses Benehmen, ehe er zum väterlichen Star wurde des lümmelhaften Pop: zehn Jahre älter als der Rest der Freaks, tausend Jahre erfahrener, eine Million Lichtjahre entfernt mit einer Drift auf einem ganz anderen Planeten. Damals, als die Hippies in den Katerhammer liefen und der Schwermut anheimfielen, hilflos wie Waisen.

In Spanien, bei der Preisverleihung, zog Cohen den Padrone-Borsalino vom Scheitel, behielt ihn aber in der Hand, als er dankte für die Auszeichnung wegen «einiger Worte, die ich gekritzelt habe». Die Demut, lang und genau durchdacht, länger noch geübt, ist bei Cohen keine Attitüde.

Er war Mönch während Jahren. Aufwachen um drei Uhr früh, Schneeschippen, WCs bürsten, kochen für die anderen … «Ob das spirituell von Nutzen war», sagt Cohen, «ist diskussionswürdig. Ein solches Leben macht dich sicher härter, zäher.» Freilich hätten die Zen-buddhistischen Exerzitien damals, unter Führung eines zuletzt zwielichtigen Japaners, der in Los Angeles nie richtig Englisch sprach, auch über andere Transmissionen laufen können.

«Ich war für alles, was funktionierte», sagt Cohen, «römischer Katholizismus, Buddhismus, LSD …» In jungen Jahren machte er einen Kursabschluss bei den Scientologen, suchte Einkehr in Synagogen, las kabbalistische Texte, jüdische Mystik, die Bibel und tanzte, ohne Kleider, mit den Hare Krishnas.

Was für Junge «voll krass depressiv» klingt, ist im Grunde erlöst

Ein Jahr verbrachte Cohen in Mumbai, geflohen vor der Schwere seiner lebenslangen Depressionen. Aus Gründen, die «unmöglich zu durchdringen» sind (Cohen), fiel in Indien die Depression von ihm ab. Ohne Wiederkehr bis heute, auch wenn Cohen auf seinem neusten Album wieder «krass depressiv» klingt für junge Ohren, wie einst noch nicht ganz trocken dahinter.

Was an Cohens Melancholie nie ausgelotet wird, vielleicht nicht ausgelotet werden kann, ist die darin legierte Ironie. Keine Ironie «darüber», «dahinter», «darunter». Nichts, das die prophetische Kraft, Cohens hohen Ton zerstreuen, aufheben würde, sondern homogener Teil davon. Mindestens Teil von Cohens bis heute wirksamem Charme, unwiderstehlich für Männer wie Frauen, wobei sein Eros der eines begnadeten «Lady’s Man» war – und noch ist.

Die Singer/Songwriterin Susanne Vega erzählt, wie Cohen ihr an einem Hotelpool mal eins seiner Lieder rezitiert habe. Sie konnte sich kaum darauf konzentrieren. Während der Dichter sprach, legte sich eine Reihe duftender Damen im Bikini, auf Strandstühlen hinreissend arrangiert, in seine Nähe. «Das kommt immer dabei raus», kommentierte Cohen ausdruckslos, ohne reihum zu blicken. Solche Phänomene zu untersuchen, wäre vielleicht ergiebiger, als mit kurzatmigen «Aufschreis» das endlos weite Genderfeld auf einen Stecknadelknopf zu verengen.

Im Alter betrogen, musste der Mönch wieder Geld verdienen

Mit all seiner Reife und Milde, mit dem schwermütigen Schalk, der Grösse seiner inspirierten Demut, mit lächelnder Weisheit ging der Mittsiebziger Cohen dann noch einmal auf Tour, rund um die Welt. Eine ehemalige Geliebte, Kelley Lynch, seine Treuhänderin, hatte den Alten um mehrere Millionen betrogen. Das Gericht gab Cohen Recht, die Frau wanderte ins Gefängnis. Aber das Geld war verloren.

Wer eines der Konzerte von Cohen auf jener Tour besuchte, konnte der Betrügerin aus tiefem Herzen nur danken. Auch ich gehörte 2008 zur zahlreichen Gefolgschaft jener, die heute noch sagen, dass der späte Leonard Cohen – in meinem Fall war’s in Montreux – das bewegendste Konzert gewesen sei, das sie je gesehen haben.

Man erlebte, wie Unabhängigkeit, Stil und Kultur der Seele zu Eleganz verhelfen, ein Leben runden in Würde. Dazu braucht es nichts, aber auch gar nichts von dem, was die Zeit einem heute aufdrängt, um sich zum Popanz aufzublasen. Alles Wesentliche liegt woanders.

Wer darauf achtet, immun gegen das Sieger-Stahlgrinsen reihum, der kann dieses Beharrens wegen von der Bühne gescheucht werden, aber er wird daran nicht kaputtgehen. Im Gegenteil: Da erst entfaltet sich das Leben, wahr und bereichernd in allen Teilen. Im Denken, bei Freundschaften, in der Liebe, mit einem Wort: im Lobsingen.

Noch einmal auf Tour dürfte Leonard Cohen kaum gehen. Er sei dünn geworden, sagen Freunde, ausserdem schmerze der Rücken. Er habe noch ein paar Dinge zu regeln, sagt Cohen, vor allem mit Blick auf seine Familie. Das empfinde er als Segen. Gedichte harren der Publikation, vielleicht auch noch ein paar Lieder; alles Nötige dazu hat er bei sich in der Wohnung.

«Alles, was hilft, um die Arbeit zu erledigen, kommt von bescheidenen Lebensumständen», sagte Cohen neulich zu David Remnick, dem Herausgeber des «New Yorker»: «Ein Palast, eine Jacht wären enorme Ablenkungen. Wenn der Spirit auf dir ist, dann berührt das auch andere empfängliche Menschen, ich weiss das. Aber ich werde nie wagen, das von der umgekehrten Seite anzugehen. Meine Fantasie ging den anderen Weg.» Den Weg in die Dunkelheit, ohne Bangen.

Die Sterblichkeit war zeitlebens Cohens Obsession. Gut zu hören, dass es sich gelohnt hat. Da konnte sich ein Mann Grad um Grad freischälen für das Wesentliche, sich von allen Quälgeistern lösen. Cohen scheint jetzt offenen Auges den Tod zu erwarten: «I want it darker.» Das bedeute aber nicht, sagt er gleichzeitig, mit dem Tod übereifrig zu kooperieren: «Also nehme ich, auch ohne Lust und Hunger, halt noch ein Sandwich.»

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