TV-Geschichte

Leon Huber – der Vorleser der Nation

Am 27. November verstarb Léon Huber, «Tagesschau»-Sprecher der ersten Stunde. Sein Leben spiegelt den Wandel des Schweizer Fernsehens archetypisch.srf

Am 27. November verstarb Léon Huber, «Tagesschau»-Sprecher der ersten Stunde. Sein Leben spiegelt den Wandel des Schweizer Fernsehens archetypisch.srf

Leon Huberwar der Archetyp des Tagesschau-Sprechers. In seinem Aufstieg und Fall spiegelt sich der Wandeldes Schweizer Fernsehens.

Als Leon Huber 1963 zum ersten Mal die Nachrichten in der «Tagesschau» verlas, wurde in Hannover das Patent für ein Farbfernsehverfahren angemeldet und in der Schweiz sollte es noch acht Jahre dauern, bis Frauen wählen durften.

Als Leon Huber 1995 zum letzten Mal die Nachrichten in der Tagesschau verlas, stellte die Firma Microsoft das Betriebssystem Windows 95 vor und Bundesrätin Ruth Dreifuss ging in ihr drittes Amtsjahr.

Leon Hubers Welt war längst untergegangen, als er das Schweizer Fernsehen verliess. In seinem Aufstieg und Fall spiegelt sich der Wandel der gebührenfinanzierten Medienwelt – und auch ein wenig der Schweiz. Diese Woche wurde bekannt, dass Leon Huber am 27. November einem Nierenleiden erlegen ist.

Leon Huber

Huber war der Archetyp des Schweizer «Tagesschau»-Sprechers. Er war die Tagesschau. Perfekt sitzender Anzug, staatstragende Frisur, geschliffenes Bühnendeutsch. Wie auch die anderen legendären Sprecher der 60er- und 70er-Jahre, Peter Richner und Paul Spahn, war Leon Huber ausgebildeter Schauspieler. Das Beherrschen des stimmhaften «S» war damals ein entscheidendes Kriterium. Die journalistisch kritische Frage keines.

Die Zuschauer blickten ehrfürchtig zu den Vorlesern eines bipolaren Weltgeschehens hoch. Huber und Co. waren frühe Medienstars. Ihre Popularität enorm. Auf der Strasse wurden sie angesprochen. Hubers Kollege Peter Richner, der 23 Jahre mit ihm zusammengearbeitet hat, sagt: «Leon Huber hat das noch mehr als andere genossen.»

Der Medienlinguist Martin Luginbühl, Professor an der Universität Neuenburg, nennt es eine «paternalistische Verkündung», was Huber und Co. praktizierten. Luginbühl hat für sein Buch «Medienkultur und Medienlinguistik» die Sprache der «Tagesschau» seit ihrer Gründung 1953 untersucht. «Huber und seine Kollegen dozierten damals scheinbar unverrückbare Fakten in einer sehr formalen Sprache.» Keine Wortspiele, keine Umgangssprache. Die «Tagesschau» war nicht zum Schmunzeln da.

Mehr Hintergrund – weniger Huber

Doch mit dem gesellschaftlichen Wandel Ende der 60er-Jahre geriet die Welt Hubers auch in der Schweiz ins Wanken. Spätestens mit dem Vietnamkrieg verloren die Medien ihre absolute Deutungshoheit. Die Fakten schienen auch in der Schweiz nicht mehr so unverrückbar, wie sie Huber in die Stuben las. Auf der ganzen Welt begann eine neue Generation von TV-Machern den Wandel der Gesellschaft in die muffigen Redaktionsstuben zu tragen. Mehr Analyse, mehr Hintergrund, weniger Huber.

In der Deutschschweiz blieb die TV-Welt vorläufig noch stehen. Der spätere Nationalrat Anton Schaller übernahm 1974 die Redaktionsleitung der deutschsprachigen «Tagesschau» und biss sich mit seinen Reformvorschlägen bei den Vorgesetzten die Zähne aus.

In der Romandie und im Tessin waren bereits modernisierte Formen der Nachrichten am Schirm. In der Deutschschweizer Ausgabe dozierten noch immer allwissende Sprecher. Dieser Stil war von oben politisch gewollt. «Die DRS-Führung versuchte, die Journalisten möglichst aus dem Bild zu halten, selbst in Interviews und Filmbeiträgen», sagt Schaller.

Tagesschau

Nicht zuletzt wegen ihrer Frisuren. Die junge Generation langhaariger, jeanstragender Journalisten war den Kalten Kriegern in den obersten Führungsschichten des Fernsehen DRS ein Gräuel. «Wir steckten damals in einem echten Kulturkampf», sagt Schaller. Hubers Platz in diesem Kampf war klar: Es war der Kampf um seine eigene Bedeutung.

Spätestens ab 1980 begann sich das Blatt zugunsten der Reformer zu wenden. Mit Marie-Theres Guggisberg führte erstmals eine Journalistin durch die «Tagesschau». Die Sendungen wurden journalistischer und schneller. Die Macher bauten Gespräche und Schaltungen mit Korrespondenten ein. Gefragt waren Moderatoren mit journalistischem Hintergrund und nicht Schauspieler, die Journalisten mimten. Huber und seine Kollegen wurden unsanft ins zweite Glied gerückt. Verlasen am Pult neben der Moderatorin Kurzmeldungen. Hubers Sprecher-Kollege Peter Richner sagt heute: «Wir empfanden das damals als persönlichen Angriff auf uns.»

Gut bezahlt, wenig beliebt

Bis zu dieser Zeit waren die Sprecher kleine Könige im TV-Studio, die erst gegen Abend erschienen, sich in einem separaten Büro eingerichtet hatten und auch gerne mal ein Gläschen vor der Sendung kredenzten. Huber war zeitweise der bestbezahlte Fernsehmann der Schweiz. Er kassierte bis zu drei Tagesgagen, konnte nebenbei Geld mit Synchronisationen und Werbeauftritten verdienen. Entsprechend unbeliebt war er auf der Redaktion. Auch weil er in seinem internen Auftritt am selbst empfundenen Status keinen Zweifel lies.

Während die Rolle Hubers am TV- Schirm immer geringer wurde, ersetzten die vormals Langhaarigen in der DRS-Hierarchie die Kalten Krieger. Die 68er marschierten auch durch die TV-Institutionen.

Heiner Hug, der letzte Vorgesetzte Hubers bei der «Tagesschau», bezeichnet die letzten Jahre Hubers als Abschied auf Raten. «Zuerst durfte er die Hauptnews nicht mehr präsentieren, dann las er nur noch die Kurzmeldungen, dann gar nichts mehr.» Der Bedeutungsverlust traf Huber schwer.

Peter Richner sagt: «Es gibt einige TV-Menschen aus dieser Zeit, die der Popularitätsentzug gebrochen hat. Ein Beispiel ist Mäni Weber. Leon Huber war ähnlich.»

Aus dieser Zeit stammt auch eine Szene, die in die Schweizer TV-Geschichte einging. In der Annahme, die Kamera sei noch aus, streckt Huber einem Mitarbeiter die Zunge raus. Die Kamera war nicht aus. Ein Mann fiel vor der versammelten Nation aus seiner Rolle.

Huber reagierte emotional auf seine schleichende Kaltstellung. Heiner Hug sagt: «Er war zunächst wütend, dann verbittert, dass man ihn nicht mehr gebrauchte.» Nach seinem endgültigen Abschied brach er jeglichen Kontakt zur «Tagesschau» ab.

Egal wie Leon Hubers Zeit bei der «Tagesschau» endete, er ist eines jener Gesichter, die für ganze Generationen zu ihrem Alltag gehörten, die Abend für Abend aus dem Schirm sprachen und die Schweiz vorlesend mitprägten. Mit perfekter Intonation und stimmhaftem «S».

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