Revue

Leo Wundergut pfeift auf den Weltuntergang

«I want to be in America» – oder doch nicht? Bei Leo Wundergut (Christian Jott Jenny) wird aus Schunkeln oft ein Stutzen.ho

«I want to be in America» – oder doch nicht? Bei Leo Wundergut (Christian Jott Jenny) wird aus Schunkeln oft ein Stutzen.ho

Tenor Leo Wundergut ist zurück. Und präsentiert seine neue Revue «Davon geht die Welt nicht unter».

Es sitzt der Anzug, es sitzt das Gewinnerlächeln und es sitzt auch die überdimensionale Brille – oder sitzt umgekehrt das Gesicht auf dem gigantischen Brillengestell? Wie dem auch sei: Gesellschaftstenor Leo Wundergut ist zurück. Gewohnt gesellig, elegant unverblümt und mit wunderneuem Programm.

Nach seiner letzten Bühnenshow «KonjunkTour», die sich den profanen Fragen der Wirtschaft widmete, geht Wundergut diesmal aufs Ganze. Genauer: auf die Welt und deren aktuelle Lage. Ein Thema, das auch uns Schweizer mit Donald Trumps Wahl und zunehmendem IS-Terror in Atem hält. Aber Wundergut weiss – und singt: «Davon geht die Welt nicht unter». Allerdings tut er das erst im Finale seiner Opern-SchmonzettenRevue, einem Feuerwerk an Stilmix – und erst noch mit Sixties-Touch. Nicht nur, dass sich der Abend musikalisch zwischen Bizets «Carmen» und Zarah Leander bewegt und geografisch zwischen Amerika und dem Aargau; er bietet sage und schreibe auch einen extraterrestrischen Zwischenstopp auf Wolke 7 – auch wenn diese im Zug der Digitalisierung nun «Why-Cloud» heisst. Hier den roten Faden einer zusammenhängenden Erzählung zu suchen, hiesse ein Meer an Ideen mit dem Sieb ausschöpfen.

Als Kunstfigur ehrlicher

Immerhin. Eine unerschütterliche Konstante gibt es: Mister Wundergut, der den Abend elegant schmeisst. Dass Christian Jott Jenny nicht unter bürgerlichem Namen auftreten mag, hat seinen Grund: «Eine Kunstfigur darf viel offener die Wahrheit sagen als eine Privatperson.» Den amerikanischen Präsidenten Donald Trump bezeichnet allerdings auch der private Christian Jott Jenny als den «grossen Satiriker ennet dem Teich». Wenn Leo Wundergut nun inmitten der Bühne thront – standfest die Föhnfrisur, tosend der (Konserven-)Applaus, blau-rot-weiss das Stehpult, dann sind Ähnlichkeiten zu realen Personen durchaus beabsichtigt und alles andere als zufällig. Überhaupt scheint Wundergut, was immer in unseren Köpfen herumschwirrt, wundersam aufzuspüren und in tenorale Schmettertöne zu verwandeln. Anders gesagt: Er besingt, was uns beschäftigt.

Heute Weltkriegsstimmung

Und das ist momentan so einiges. Christian Jott Jenny, Erfinder und Alias von Leo Wundergut, erklärt: «In letzter Zeit hat die Welt so etwas wie erhöhte Temperatur. Irgendwas liegt in der Luft. Ältere Menschen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, sagen, es sei eine ähnliche Stimmung wie damals.» Für den Zürcher Tenor Grund genug, das aktuelle Programm «Davon geht die Welt nicht unter» zu nennen, nach dem gleichnamigen Schlager, den Nazi-Star Zarah Leander zur hellen Freude der versammelten NSDAP trällerte, während Komponist Bruno Balz in Gestapo-Haft sass – er war jüdisch und homosexuell. Und schon wird aus Schunkeln Stutzen. «Während wir lachen, ist der Abgrund oft ganz nah», resümiert Christian Jott Jenny lakonisch.

Burka made in Switzerland

Abgründe aller Art bietet auch seine Show: Da trifft Bachs berühmte «Air» auf eine Burka-Modeschau; Ritalin auf Ramadan, ein Königspudel auf Viagra, und der Tristan-Akkord auf deutschen Schlager. Eine Küsnachter Weberei saniert sich mithilfe des Burka-Sektors, und schon erscheint uns Schweizern der Islam, bei nahem Kassenklimpern besehen, plötzlich als nicht mehr so fremd. In Leo Wunderguts Revue wird Unterhaltung mit drei K geschrieben: Klamauk, Klassik – und Klasse. «Ich bin nun mal in einem Elternhaus aufgewachsen, wo man Richard Wagner noch von einem Gin Tonic unterscheiden konnte», erzählt Christian Jott Jenny. Das prägt. Sogar seine Bühnenrolle Leo Wundergut ist einem Mindestmass an Bildung verpflichtet: «Leo Wundergut ist wertkonservativ, elegant und eloquent – aber er nennt die Dinge beim Namen.» Lediglich die wenigen Witze unter der Gürtellinie überlässt er zum Abschiessen seinem Co-Tenor Rubini (Reto Hofstettler) – wohlgemerkt mit der WorthülsenPistole: «Mamma mia, der Gotthard ist zu! Wie komme ich gen-Italien?»

Premiere ist morgen Sa., 4. März, in Miller’s Studio, Zürich. Die Show tourt im Herbst 2017. www.wundergut.ch

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