Das Glück der Bilder

Lebensbegleiterin und Augenöffner: Warum die Kunst die beste aller Kultursparten ist

© Sabine Altorfer

Ob tausend Jahre alt oder so jung wie wir: Gemälde und Skulpturen sind einzigartige Originale, geschaffen von Menschen. Sie öffnen uns die Augen, wir spiegeln uns in ihnen und sehen wie durch ein Fenster in unbekannte Gefilde.

Als die Museen hierzulande Mitte Mai nach dem Lockdown wieder öffnen durften, war für mich klar: Ich will. Wenige Minuten nachdem das Kunsthaus seine Tür nach acht Wochen öffnete, war ich drin. Glücklich und erleichtert. Was aber hat dieses Gefühl des Entzugs und des Glücks ausgelöst? Kunst liess sich doch auch von zu Hause online erleben. Die Museen rüsteten weltweit enorm auf, bieten Rundgänge, kommentieren Highlights ihrer Sammlung– und wenn man nicht mehr in die Bildschirme gucken mag, steht zu Hause ein Regal voller Kunstbücher. Und doch, ich war den Tränen nahe. Mir schien, die Werke begrüssten mich wie alte Freunde.

In die Freude mischte sich bald der Kopf ein: Was steckt in diesen Werken, dass die Schliessung der Museen wie ein Entzug wirkte? Grundsätzlicher: Weshalb lieben wir Gemälde, Skulpturen oder Installationen dermassen, dass Millionen Menschen jährlich die Museen besuchen und manche gar bereit sind, sehr viel Geld zu bezahlen, um sie zu besitzen? Oder dass jemand sich die Beschäftigung mit Kunst gar zum Beruf macht? Wie die Schreibende, die sich seit Jahrzehnten tagein, tagaus mit Kunst beschäftigt, ohne dass es ihr je langweilig geworden wäre. Und die gar zur Überzeugung gelangt ist, dass bildende Kunst, die spannendste aller Kultursparten ist.

Was Kunst einzigartig macht

Eine gewagte Behauptung? Nein. Aber ich höre die Einwände: Manche Bilder erzählen Geschichten. Aber schaffen Romane und Filme das nicht effizienter und reichhaltiger? Bei vielen Gemälden oder Videos kann man sich der Farbenpracht und dem Sog der Formen hingeben. Doch ist nicht die Musik Weltmeisterin im selbstvergessenen Eintauchen? Kunst verhandelt oft aktuelle Themen. Aber kann sie das so facettenreich wie das Theater?

Berechtigte Fragen. Was Kunst aber einzigartig macht, was sie gegenüber den anderen Kultursparten auszeichnet, ist ihre physische Beständigkeit. Was ich hier sehe, gibt es nur einmal. Es sind Originale. Geschaffen von Menschen, deren Hände Arbeit ich sehe, deren Gedanken ich nachspüren kann.

Niemand setzt Rembrandt einen anderen Hut auf

Wer heute die 500-jährige Mona Lisa anschaut, sieht sie so, wie sie bei Leonardo da Vinci auf der Staffelei stand. Ebenso die Madonna in der Stadtkirche oder gar so zerbrechliche Dinge wie die antiken Vasen, die uns die 2000-jährigen griechischen Heldengeschichten erzählen. Auch Theaterstücke und Lieder können alt sein, aber sie existieren nur als Vorlagen. Wie sie damals wirklich klangen und gespielt wurden, wissen wir nicht genau. Und bei jeder neuen Aufführung erfindet eine Regisseurin, ein Dirigent oder die Solistin das Stück für sich neu. Manchmal verstörend aktualisiert.

Wir sehen die Mona Lisa heute noch so, wie sie vor 500 Jahren auf der Staffelei von Leonardo da Vinci stand.

Wir sehen die Mona Lisa heute noch so, wie sie vor 500 Jahren auf der Staffelei von Leonardo da Vinci stand.

Kunstwerke widersetzen sich dem zum Glück. Niemand käme auf die Idee, das Selbstbildnis von Rembrandt vor jeder Präsentation mit einem anderen Hut auszustatten oder die Judith auf Artemisia Gentileschis Barockgemälde in eine Lederjacke zu stecken, um die grausame Enthauptung des Holofernes zu dramatisieren und zu modernisieren.

Und der Louvre zeigt die Libération, die Freiheitskämpferin weiterhin barbusig mit erhobener Flagge – das würde heute kein Hollywoodproduzent genehmigen. Gemälde und Skulpturen sind und bleiben authentisch. Dieses Stück bemaltes Holz oder Leinwand, diesen behauenen Stein haben schon Tausende, vielleicht Millionen Menschen genau so gesehen, vielleicht sogar angefasst.

Eugène Delacroix: La liberté guidant le peuple. 1830. Oil on canvas, 260 x 325 cm. Bild: Musée du Louvre

Eugène Delacroix: La liberté guidant le peuple. 1830. Oil on canvas, 260 x 325 cm. Bild: Musée du Louvre

Wer vor Höhlenmalereien steht und weiss, dass jemand vor 20 000 Jahren den Urochs und die Löwin auf die Wand gemalt hat, den befällt Ehrfurcht. Man wüsste oft gern, was die Mitbewohner in der Höhle dazu gemeint haben.

Höhlenmalerei aus der Steinzeit, Cheddar Man Museum of Prehistory prähistorisches Museum, England.

Höhlenmalerei aus der Steinzeit, Cheddar Man Museum of Prehistory prähistorisches Museum, England.

Ebenso bei anderen Funden aus der Urzeit. Die Venus von Willendorf: War sie vor 30000 Jahren tatsächlich ein Ritualobjekt, oder vielleicht doch eine zweckfrei erfundene Figur oder ein Spielzeug, oder das Resultat eines Wettbewerbs, wer die kräftigste, fruchtbarste, hässlichste, schönste Frau modellieren kann? Und vor allem würde man hier wie dort gern erfahren: Wer war die Bildhauerin, wer der Maler.

Venus von Willendorf

Venus von Willendorf

Wir sehen die Geschichte, wie sie die Maler vorgezeichnet haben

Kunstwerke sind Spiegel des menschlichen Denkens und Fühlens – und ihrer Zeit. An ihnen lässt sich die Weltgeschichte ablesen, und umgekehrt zeichneten die Künstler unsere Vorstellung von Ereignissen und Personen vor. Schlachten und Könige mögen manchmal einseitig oder geschönt dargestellt sein, ebenso Landschaften oder Städte. Aber wie Jacques-Louis David 1807 die Krönung von Napoleon, Albert Anker eine Schweizer Dorfschule und eine Kinderkrippe vor 200 Jahren oder Camille Pissaro Paris vor 100 Jahren gemalt haben, hat sich als kollektive Erinnerung in unsere Köpfe eingebrannt.

Albert Anker: Die Kinderkrippe, 1890.

Albert Anker: Die Kinderkrippe, 1890.

Doch reden wir nicht nur von der alten Kunst. Als Kunstkritikerin beschäftige ich mich vor allem mit aktueller Kunst und jener der letzten paar hundert Jahre. Auf sie fokussieren die Museen. Je nach Zeitgeschmack auf die eine oder andere Epoche. Bis vor einigen Jahren waren die Impressionisten und die Künstler der Moderne – allen voran Picasso – die Garanten für Erfolg.

Das Publikum konnte sich nicht sattsehen an den Lichtstimmungen über der französischen Küste oder an den Seerosen im Jahreszeitenverlauf. Man wartete geduldig in der Schlange, um Cézannes Badende, Picassos doppelgesichtige Frauenporträts, den Farbenrausch der Expressionisten zu sehen. Bei ihrer Entstehung vor 100 Jahren wurden sie abgelehnt, unscharfe Landschaften, blaue Schatten und rote Kühe als Mumpitz belächelt oder verdammt.

Neue Strömungen liebt man oft erst nach Jahrzehnten

Es ist kein neues Phänomen, dass neue Strömungen oft Jahrzehnte brauchen, bis sie breit anerkannt oder gar geliebt werden. Ebenso wenig, dass das handwerkliche Können ihrer Schöpfer den aktuellen Künstlern um die Ohren gehauen wird.

Kunst kommt von Können, warf man in den 1970er-Jahren den jungen Kunstschaffenden vor, die konterten mit den Schlagworten: Kunst kommt von Wollen. Oder Kunst kommt von Müssen. Wie bewunderte man damals die Neuen Wilden, bemühte sich, um hinter das Denken der Konzeptkunst zu blicken, konnte nicht mehr begreifen, warum bis anhin Fotografie kein künstlerisches Medium sein sollte– und freute sich, als Video und neue Medien nicht nur technische Probleme, sondern auch künstlerisch bereichernde Resultate brachten.

Videopionierin und Künstlerin meiner Generation: Pipilotti Rist. Show a Leg (Raus aus den Federn), 2001, Videostill.

Videopionierin und Künstlerin meiner Generation: Pipilotti Rist. Show a Leg (Raus aus den Federn), 2001, Videostill.

Diesen Prozess, diesen Wertewandel zu beobachten, ist spannend und erhellend. Denn es ist nichts anderes, als die Bildung und die Umwertung des Kanons mitzuerleben. Damit werden neue Standards gesetzt, wird die Zukunft der Kunstgeschichte geschrieben.

Corona wird Kunst nicht killen

Einen eigenen, wenn auch mit dem boomenden Museums- und Galerienbetrieb verbandelten Wertmassstab setzt der Markt. Die Preissteigerungen der letzten vier Jahrzehnte waren unvorhersehbar steil. Es schien, jede und jeder wolle Kunstsammler sein. Kunst wurde zum Lifestyle, zum Prestige. Immer neue Auktionsrekorde verblüfften– selbst bei der zeitgenössischen Kunst wurde mit vollem Risiko investiert. Messen vermehrten sich, Galerien entwickelten sich zu globalen Kunsthandelsimperien.

Die Wirtschaftskrise 2008 war ein Dämpfer, und Corona könnte nun nicht nur zu einem Museumssterben in den USA führen, sondern den Markt umkrempeln. Aber die Faszination von Kunstwerken und die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler wird auch Corona nicht brechen.

Diese Zuversicht ist begründet: Die Zahlen zeigen: Immer mehr Menschen besuchen Museen, und die Museen haben gut reagiert. Die heiligen Hallen, in denen man kaum zu flüstern wagte, wurden offener und menschenfreundlicher. Manche sind zu Pilgerorten des Massentourismus geworden, andere zu lebendigen Zentren, in denen Schulklassen, Familien und Seniorinnengruppen sich dank immer besserer Vermittlung Wissen holen und wo Menschen ihre Freizeit verbringen.

War einst der klassizistische Palast der Inbegriff eines Museums, wurde der coole White Cube in der Nachkriegszeit zum Inbegriff des idealen Museumsraums, bevor Museen mit Signal-Architektur sich selber wieder ins Zentrum setzten. Nach dem Bilbao-Effekt sollte jeder Museumsbau zur architektonischen Landmarke werden. Ob der Bau der Kunst gut diene, war – leider – zweitrangig.

Dringlichkeit entwickelt die Kunst der eigenen Generation

Doch welche Veränderung machen wir, die Kunstkonsumentinnen, selber durch? Seherfahrungen bringen uns weiter, der Geschmack reift mit dem Alter. Als Teenager galt meine Bewunderung so süffigen Werken wie Salvador Dalís brennender Giraffe oder Andy Warhols bunten und als frech empfundenen Wiederholungen von Marilyn und Mao.

Nach einem ersten Besuch in den Uffizien in Florenz kamen die eingängigen Darstellungen Botticellis von Venus und Primavera als Poster an die Wand, und die romanische und gotische Architektur mit ihrer lebensprallen Bauplastik trieben die Studentin oft nach Frankreich. Doch mag alte Kunst auch ewige Wahrheit und Schönheit anpeilen, mag sie die gesamte Klaviatur der menschlichen Emotionen durchgespielt haben, Dringlichkeit entwickelt vor allem die Kunst der eigenen Zeit, der eigenen Generation.

Wie haben mich in den 1980er-Jahren die fotografischen Körperskulpturen von Hannah Villiger emotional gepackt! Die wilden Punk-Malereien von Klaudia Schifferle oder die manisch, aus der Körperbewegung heraus entstandenen Kohlezeichnungen von Miriam Cahn spiegelten mein Lebensgefühl. Ebenso die Selbstbildnisse von Maria Lassnig, welche die Kunst- und Geschlechterkonventionen aufbrachen. Die so wilden wie neu-schönen Videos von Pipilotti Rist liebe ich wegen ihres hintergründigen Witzes, ihrer Farbenpracht, ihrem Schwung und den schrägen Ideen.

Klaudia Schifferle, Wände haben Ohren, 1981, Lackfarbe auf Wellkarton, 146 cm Durchmesser, Kunstmuseum Solothurn

Klaudia Schifferle, Wände haben Ohren, 1981, Lackfarbe auf Wellkarton, 146 cm Durchmesser, Kunstmuseum Solothurn

Die Werke und die Sicht der Künstlerinnen sind essenziell

Werke von Frauen also. Sie hatte ich im Studium und bei meiner Arbeit als Kunstkritikerin schmerzlich vermisst. Der Kanon hatte ihre Werke aus der Kunstgeschichte gelöscht. Oder ihnen nur Nebenrollen eingeräumt, wie Verena Loewensberg bei den Zürcher Konkreten.

Auch heute müssen Künstlerinnen noch um gleiche Wertschätzung, Museumspräsenz und Marktpreise kämpfen. Diese Ungerechtigkeit lässt mich nicht los. Denn die Arbeiten der Künstlerinnen sind essenziell, um die Sicht auf die Welt und auf uns, auf die grossen Fragen der Menschheit und die aktuellen Probleme auch aus weiblicher Perspektive auszuloten.

Verena Loewensberg. Ohne Titel, 1965

Verena Loewensberg. Ohne Titel, 1965

Aber fehlen da nicht noch andere Sehweisen? Ja. Mein Blick, der Markt und die Museen sind eurozentriert. Trotz globalisierter Vervielfachung der Kunst durch das Internet, Messen und Grossevents, trotz Nomadentum der Künstlerinnen und Künstler.

Immerhin ist uns bewusst geworden, dass Kunst aus Afrika, Indien oder den Philippinen noch immer nur Randerscheinungen sind. Sie wäre eine Bereicherung, weil jede neue Kunstströmung unsere Seherfahrung durcheinanderwirbelt und uns, ob wir wollen oder nicht, neu sehen lernt. Internationale Grossveranstaltungen wie die Biennale Venedig und die Documenta sind Schaufenster und öffnen langsam, aber stetig ihren Fokus.

Erst die Betrachterin vollendet das Werk

So sinnierte ich also im Mai nach dem Lockdown, während meine Augen im Kunsthaus über besonnte Landschaften spazierten, farbige Geometrien die Stimmung hoben und den Kopf beschäftigten, und mir Gemälde ein Fenster in menschliche Abgründe öffneten. Ich verweilte vor dem Gemälde «Am Abgrund» von Walter Kurt Wiemken und vor der versteinerten «Wolke auf der Brücke» von Meret Oppenheim.

Die Schreibende sinniert am 12. Mai vor «Am Abgrund» von Walter Kurt Wiemken und vor der versteinerten «Wolke auf der Brücke» von Meret Oppenheim.

Die Schreibende sinniert am 12. Mai vor «Am Abgrund» von Walter Kurt Wiemken und vor der versteinerten «Wolke auf der Brücke» von Meret Oppenheim.

Beide Werke sind in ihrer surrealen Verfremdung nicht gerade einfache Werke. Walter Kurt Wiemkens Untergangsstimmung von 1936 ist mit so vielen Figuren aufgeladen, dass man einen Roman dazu erfinden könnte– angefangen bei den Geiern und endend bei den Seiltänzern, deren Seil ins Nichts führt. Und wie kam Oppenheim dazu, die luftigsten, flüchtigsten Gebilde wie Wolken in Kunststoff erstarren zu lassen?

Aber, und das ist eben ihr Kniff und ihr Können, das Gebilde erinnert an das Gefühl, dass manchmal alles stillzustehen scheint, erstarrt. Gute Kunstwerke bringen unsere Fantasie in Schwung und setzen beim genauen Schauen Erinnerungen frei. Je besser die Kunst, umso vielschichtiger ist das Stück Leinwand oder die Handvoll Material, sodass verschiedene Menschen sie unterschiedlich interpretieren können. Erst die Betrachterin vollendet das Gemälde.

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