Last but not least, sagen die Briten. Und sie haben recht. Zumindest, wenn es um die Last Night von Douglas Bostock geht. Denn die konnte sich sehen und hören lassen. Auch sonst hatten die Briten einiges zu sagen an diesem letzten und aussergewöhnlichen Konzert. Denn der scheidende Chefdirigent verabschiedete sich vom Aargau mit einer typisch englischen Klassikparty und den Worten: «Not too much emotion, please – we are british».

Das begann bereits mit Königin Elisabeth, Prinz William und Co., die in der Wettinger Busgarage ein Stelldichein gaben – in Form mannshoher Pappfiguren fürs royale Erinnerungsfoto. Und es endete mit Elgars «Pomp and Circumstance», bei dem rund 1000 Zuhörer kollektiv «Land of hope and glory» sangen, während ebenso viele Fähnchen in der Luft flatterten– spätestens jetzt galt: Bitte eine Extraportion Emotion, auch wenn es hier ziemlich englisch zu- und hergeht!

Das Publikum als Komplize

Für das Argovia Philharmonic gilt dies seit längerem. Dieses steht, wie der Präsident des Trägervereins, Jürg Schärer, in seiner Festrede sagte, «seit 18 Jahren unter britischer Herrschaft». Mit weitreichenden Folgen, nicht nur für das Orchester, sondern auch dessen Publikum – und sei dieses noch so jung, wie Regierungsrat Markus Dieth in seiner Würdigung des Dirigenten erzählte. Dieths Töchter hätten als Mädchen den alljährlichen Weihnachtsmärchen des Argovia Philharmonic gelauscht und seien bis heute begeisterte Hobbymusikerinnen geblieben. Es stimmt. Wo Bostock dirigiert, wird das Publikum zum «Du», zum Gegenüber und Komplizen des Bühnengeschehens.

Dafür sorgt der Dirigent mit seinem englischen Humor und begeisterndem Kommunikationstalent. Für seine umfassenden Verdienste ums Orchester wurde der souveräne Taktschläger an diesem Abend für einmal selbst geschlagen: Zum Ehrendirigenten des Argovia Philharmonic.

Eine «gütig-strenge, fordernd-entspannte» Herrschaft sei die von Bostock gewesen, merkte Schärer zudem an. Das war an dieser Last Night bestens zu hören. Der Tusch «Flourish» von Vaughan Williams hisste den Union Jack schon mal musikalisch. Der kompakte Klang, die prägnanten Phrasen scheinen dem Orchester zu liegen. Aber genauso auch die geheimnisvoll-nostalgische Welt in der Filmmusik «Things to Come» von Arthur Bliss.

Dass das Orchester in den 18 Jahren mit Bostock einen Quantensprung gemacht hat, war auch an diesem Abend nicht zu überhören. Den Holzbläsern zuzuhören ist schlicht ein Genuss. Das zeigte sich etwa in Malcolm Arnolds «Four Scottish Dances». Hier nahm die Musik den Hörer mit zu vier ländlichen Szenen in Schottland, inklusive einem beschwipsten Fagott und dem Erscheinen einer «reinen Magd» mit wunderbarer Oboe und Harfe – bei deren Anblick offenbar selbst die Musik verzaubert wurde, sodass sie auf einmal wie Griegs «Morgenstimmung» klang.

Geerdet wurde man in der Pause mit Fish n’Chips sowie Stew (Fleischeintopf). Und nachdem man Grossbritannien schon mal kulinarisch verinnerlicht hatte, konnte es in die zweite Konzerthälfte gehen, in der Wettingen für knapp eine Stunde quasi von der Insel annektiert wurde.

Dernière für Dirigent Douglas Bostock

Dernière für Dirigent Douglas Bostock

Seinen letzten Einsatz als Leiter der Argovia Philharmonic darf Douglas Bostock mit einer Premiere leisten: Er dirigiert im Wettinger Busdepot.

Denn nun standen «nationalistisch in- spirierte» Stücke – wie Bostock es ausnahmsweise mit political correctness formulierte – auf dem Programm. Und dies je länger, je mehr unter der tatkräftiger Mithilfe des Publikums. Es begann mit dem Mitklatschen der letzte zwei Schläge bei Henry Wood. «Nicht schlecht für die erste Probe», konstatierte der Noch-Chefdirigent und schon Ehrendirigent trocken. Nach dessen «Rule Britannia» und Edward Elgars «Land of Hope and Glory», gesungen von tausend Schweizern, hatte die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht. Und für einen Augenblick hätten wohl alle im Saal frei nach Beethoven gesagt: «Alle Menschen werden Briten!»

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