Beim neuen «Tomb Raider»-Film zuckt man als Zuschauer immer wieder zusammen: Autsch! Das beginnt schon bei der ersten Szene: Die junge Filmheldin Lara Croft steht in einem Boxring, in dem nicht nur Fausthiebe erlaubt sind, sondern auch Tritte, Würfe und Würgegriffe.

Mixed Martial Arts nennt sich diese trendige Kampfsportart, sonderlich begabt darin ist Lara allerdings nicht. Ihr Coach ruft ihr abseits des Rings zwar immer wieder Anweisungen zu, doch es nützt alles nichts, Lara wird regelrecht verdroschen.

Der Trailer zu «Tomb Raider»

Der Trailer zu «Tomb Raider»

Daran ändert sich im weiteren Filmverlauf wenig: Für die neue Lara Croft, wie sie von Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander («The Danish Girl») gespielt wird, heisst es statt Austeilen vor allem Einstecken.

Das ist meilenweit davon entfernt, wie einst Angelina Jolie die populäre Videospielfigur in den ersten beiden Verfilmungen 2001 und 2003 verkörperte: als knallharte Mischung aus Indiana Jones, Pamela Anderson und Actionheldin Trinity aus «The Matrix».

Diese Lara Croft pflegte es, ihre Abenteuer mit zwei Pistolen und in Hotpants zu bewältigen. Natürlich schlummerte in dieser Filmheldin bereits feministisches Potenzial, doch es war damals viel zu einfach, sie auf ihre äusseren Reize zu reduzieren.

Schauspielerin Jolie jedenfalls katapultierte sich mit diesen Auftritten nicht nur in Hollywoods oberste Gehaltsliga, sondern auch in die Träume der pubertierenden Zuschauer.

Gegenentwurf zu Angelina Jolie

Nun, beim Klima, das aktuell in Hollywood herrscht, dürfte ein herumballerndes Sexsymbol nur wenig Begeisterungsstürme auslösen. Es liegt auf der Hand, dass die neue Lara Croft eine andere Lara Croft sein musste.

Und tatsächlich spielt Vikander die Figur quasi als modernen Gegenentwurf zu Jolie: Ihre Hosen bleiben lang, sie feuert kein einziges Mal ein Gewehr (geschweige denn zwei gleichzeitig), und bei allem Mut offenbart sie auch ihre verletzliche Seite.

Alicia Vikander als Lara Croft.

Alicia Vikander als Lara Croft.

Darum ergibt auch das Casting der vergleichsweise schmächtigen Vikander Sinn: Ihr empfindsames, leidfähiges Gesicht passt perfekt. Ihre Lara ist kein wandelndes Klischee, sie ist weder unzerstörbar noch übermenschlich stark.

Wenn drei Jungs sie umzingeln und mit einem Messer bedrohen oder wenn eine Gruppe Guerillakämpfer mit Maschinengewehren auf sie losfeuert – was in diesem Film öfters passiert –, dann tut sie das einzig Richtige: Sie läuft weg und bringt sich in Sicherheit. In diesem «Tomb Raider» geht es in erster Linie darum, zu überleben.

Es ist bezeichnend, dass die Bedrohung und das ganze Leid, das in diesem Film auf Lara einwirkt, ausschliesslich von Männern verursacht wurde. Hauptsünder ist ihr Vater (gespielt von Dominic West), der Lara einst im Kindesalter zurückliess und sie damit für immer traumatisierte.

Als Lara Jahre später geheime Aufzeichnungen von ihm entdeckt, führt sie die Spur auf die sagenumwobene Insel Yamatai, auf der eine Horde schwerbewaffneter Männer nach einer Grabstätte sucht, die ihnen okkulte magische Kräfte verleihen soll.

Die Filmhandlung orientiert sich stark an einem neueren «Tomb Raider»-Videospiel, das 2013 erschienen ist und die Modernisierung der Lara-Croft-Figur damals bereits vorwegnahm. Die Spielfigur sieht Vikander nicht unähnlich und greift als Waffe zu Pfeil und Bogen – wie nun auch Vikander im Film.

Passendes Sinnbild

Die Schauspielerin hat sich kürzlich in einem Interview darüber beklagt, dass im Film, bis auf einen Kurzauftritt von Kristin Scott-Thomas, keine anderen Frauen mitspielen. Auch der Regisseur und zwei der drei Drehbuchautoren sind Männer.

Und trotzdem – oder vielleicht deswegen – ist ihnen mit «Tomb Raider» ein passendes Sinnbild gelungen: Lara Crofts Abenteuer auf der Insel spiegelt den Kampf junger Frauen, sich in einer Männerdomäne durchzusetzen.

So viel Testosteron: Alicia Vikander beklagte sich, dass sie die einzige Frau auf dem Set war.

So viel Testosteron: Alicia Vikander beklagte sich, dass sie die einzige Frau auf dem Set war.

Einige der Fähigkeiten, die Lara dabei unter Beweis stellt, sind Geschick, gedankliche Schnelle und vor allem ein eiserner Durchhaltewille.

Die etwas gar einfältigen Bösewichte und die vielen Logiklöcher hat man dem neuen «Tomb Raider»-Film schnell verziehen. Denn Alicia Vikander ist eine weitaus überzeugendere, weil menschlichere Lara Croft, als es Angelina Jolie jemals war.

Vikander erzählte, ihr Wunsch sei es, dass sich Zuschauer eines Tages nicht mehr wundern, wenn sie Schauspielerinnen in solchen Rollen sehen. Einen weiteren Grundstein dazu hat sie mit diesem Film gleich selber gelegt.

Tomb Raider (UK / USA 2018) 118 Min. Regie: Roar Uthaug. Mit Alicia Vikander, Dominic West, Walton Goggins, Daniel Wu u. a. Ab Donnerstag, 15. 3. im Kino. ★★★☆☆