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Lady Gaga legt ihr Image als unnahbares Kunstprojekt ab: «Ich bin auch nur ein Mensch»

Lady Gaga erzählt, wie sie sich mit ihrem neuen Album «Joanne» von ihrem Image als unnahbares Kunstprodukt verabschiedet.

Steffen Rüth
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«Es ist meine Mission, die Menschen glücklicher zu machen», findet Popsängerin Lady Gaga. JUSTIN LANE/EPA/Keystone

«Es ist meine Mission, die Menschen glücklicher zu machen», findet Popsängerin Lady Gaga. JUSTIN LANE/EPA/Keystone

KEYSTONE

Wir treffen Lady Gaga (30) irgendwo tief in den Katakomben der Mercedes-Benz-Arena in Berlin. Sie sitzt sie in einer Art Bar und zündet sich ein schmales Zigarillo an. Die Pop-Sängerin trägt wenig am Leib, ein Leoparden-artiges Oberteil, sehr kurze ausgefranste schwarze Shorts und schwarze Stiefel. Die Sonnenbrille legt sie gleich zu Beginn des Gesprächs ab. Denn darum geht es ihr: Mit dem neuen Album «Joanne» will Lady Gaga, die auch als Schauspielerin in der Serie «American Horror Story» sowie 2017 neben Bradley Cooper im Remake des Musicals «A Star is Born» zu sehen ist, «nicht mehr als unnahbares, reichlich schräges, Kunstprodukt wahrgenommen werden. Sondern als Mensch wie du und ich. Lady Gaga zum Anfassen. Vielleicht nimmt sie ihren Interviewpartner auch deshalb dauernd – am Beginn, am Ende und in der Mitte des Gesprächs – in den Arm.

Lady Gaga, auf dem Vorgänger-Album «Artpop» haben Sie sich stark an elektronischen Beats orientiert. Warum die Rückbesinnung auf traditionelle Instrumente?

Lady Gaga: Wir wollten ganz sichergehen, dass die Melodien wirklich klassisch und gut werden. Erst danach haben wir weitere Produktionselemente hinzugefügt.

Die erste Single «Perfect Illusion» ist eine wilde Disco-Pop-Nummer, ein echter Headbanger. Was war der Plan bei diesem Song, den Sie mit Mark Ronson produziert haben?

Einen konkreten Plan hatten wir nicht. Wir haben einfach geschrieben, geschrieben, geschrieben, und zwar immer am Piano oder auf der Gitarre. Der Song hat für mich eine herausragende Energie. In dem Stück steckt so viel Kraft, so viel Ärger, so viel Wut.

Handelt der Song von der Trennung von Ihrem Verlobten Taylor Kinney? Richtet sich die Wut gegen ihn?

Nein, meine Wut richtet sich gegen niemanden. Ich bin MIT jemandem zusammen wütend. Gemeinsam toben wir gegen die verwirrenden, widersprüchlichen Gefühle, gegen die Stürme, die in uns wüten. Der Song ist keine Abrechnung! So ist er nicht gemeint. In «Perfect Illusion» steckt nicht die Spur von Hass oder von Rache oder dergleichen. Es geht einfach darum, was das Leben manchmal mit uns macht.

Spielen wir nicht alle, und Sie als Popsängerin im Besonderen, mit den Illusionen?

Wenn ich mir anschaue, was die Menschen in den sozialen Medien, im Internet, treiben, dann möchte ich zustimmen. Du siehst fast nichts Wahres, Echtes, Authentisches mehr. Alles, was die Menschen von sich preisgeben, sind gefilterte Informationen. Wo findet man da die Wahrheit? Oder die Bilder in den Fernsehnachrichten? Sind die wirklich echt? Wir Menschen lassen uns halt auch sehr gern und leicht in die Irre leiten. Und letztlich sage ich in dem Song auch, dass es okay ist, wenn man sich getäuscht hat.

Sie selbst gehören zu den einflussreichsten Menschen der Welt.

Ach, kommen Sie!

Natürlich. Kaum jemand hat mehr Follower auf Twitter, kaum jemand wird stärker in den Medien beachtet als Sie.

Genau deshalb versuche ich, die Filter abzubauen. Lasst uns die Illusion vergessen und einfach aufrichtig miteinander umgehen, die Sonnenbrillen ablegen und uns in die Augen blicken.

Auf dem Single-Cover von «Perfect Illusion» sehen Sie für Ihre Verhältnisse total natürlich aus. Sie springen in Jeans-Shorts und T-Shirt im Sand herum. Ist das Teil einer Art Image-Abrüstung? Immerhin sind Sie die Frau mit dem Fleischkleid?

Die Jeans-Shorts sind aus Metall und ganz schön hart und schwer. Aber trotzdem, Song, Fotos und Videos sollen kein grosses Mode-Statement von mir sein. Wichtig ist, dass mich die Menschen als leidenschaftlichen, wilden, vor Gefühlen überquellenden Menschen kennenlernen.

Sind Sie weniger Kunstprodukt als früher?

Sicher. Das sehe ich auch so. An diesem Punkt des Lebens befinde ich mich. Meine Mitstreiter auf diesem Album, Mark Ronson, Beck, Florence Welch, Father John Misty, bestärken mich darin. Das Musikalische steht im Zentrum. Ich lege auf dem neuen Album viel Augenmerk aufs Musikalische, damit fühle ich mich wahnsinnig wohl.

Wie haben Sie Ihre Kollaborationspartner ausgesucht?

Meine Überlegungen sind von der lyrischen und melodischen Begabung dieser Künstler ausgegangen. Davon wollte ich profitieren. Beck zum Beispiel ist in meinen Augen der würdige Nachfolger von David Bowie. Ich verfolge ihn schon so lange. Jetzt mit ihm zu arbeiten und «Dancin’ In Circles» zu schreiben, das war für mich nicht nur eine euphorische Erfahrung, sondern hat auch mein Selbstwertgefühl enorm gehoben.

Wovon handelt der Song «Dancin’ In Circles»?

Es geht darum, vollkommen im Einklang mit seiner Einsamkeit zu sein.

Sind Sie gern einsam?

Manchmal schon. Es ist auf jeden Fall möglich. Aber manchmal fühlt es sich auch schrecklich an.

Sie sind immer von Leuten umgeben. Haben Sie überhaupt die Chance, einmal für sich zu sein?

Doch, natürlich. Ich bin nicht rund um die Uhr in Gesellschaft. Und nur, weil du nicht allein bist, heisst das ja auch nicht, dass du nicht einsam sein kannst. Ich war schon in einem Raum mit hundert Menschen, mit 1000, mit 20 000, und ich habe mich tierisch einsam gefühlt.

Warum?

Ach, nicht zuletzt wegen dieser Barriere. Ich werde seit Jahren immer und überall erkannt, das schränkt meine Freiheiten stark ein. Deshalb ist es mir so wichtig, zu betonen: Ich bin genauso wie ihr. Auch nur ein Mensch. Ich bin genauso wie Sie. Jetzt gerade zum Beispiel machen wir beide einfach unseren Job. Lady Gaga zu sein, das ist mein Job.

Haben Sie viele Freunde?

Ja, ich bin ein sozialer Mensch. Aber die wahre Kraft dieses Albums besteht darin, dass ich mir selbst endlich eine gute Freundin geworden bin.

Wir wissen, dass Sie Hillary Clinton gegenüber Donald Trump bevorzugen. Weshalb ist die Wahl besonders wichtig?

Weil es wichtig ist, im Interesse der Allgemeinheit zu wählen. Nicht nur an sich selbst zu denken. Sich nicht nur von seinen eigenen, persönlichen Gefühlen verleiten zu lassen. Umso wichtiger ist es, sich zu beteiligen, sich einzumischen, mitzumachen. Denn sehr viel hängt von dieser Wahl ab.

Sie setzen sich für humanitäre Zwecke ein, unterstützen die Aussenseiter der Gesellschaft. Weshalb?

Es ist meine Mission, die Menschen glücklicher zu machen. Ich mag die Menschen. Die Liebe ist die Antwort auf alle Fragen. Es ist falsch, der Gewalt mit Angst zu begegnen. Mit Liebe zu reagieren ist immer richtig.

Sie sind im März 30 Jahre alt geworden. Ein besonderer Tag?

Ich bin komisch drauf, was diese Geburtstage angeht. Als ich 27 wurde, war das der viel grössere Meilenstein. Ich spürte, dass die 30 nicht mehr weit weg ist. Ich wurde mit 27 schon 30 und habe kapiert, wie es ist, als «Popstar» älter zu werden. Auf einmal fühlte ich mich diesem Druck ausgesetzt. Dabei habe ich keine Lust, mich jünger zu geben, als ich bin. Damals habe ich beschlossen, dass ich zu meinem jeweiligen Alter stehen werde. Ich selbst finde Älterwerden ja prima. Ich halte mich heute für weiser, intelligenter, gebildeter als in meinen Zwanzigern. Man muss ja auch dazu sagen, dass meine Zwanziger schon sehr anders verlaufen sind als die Zwanziger der meisten anderen Menschen. Vieles, was man da so erlebt, habe ich ja schlichtweg verpasst. Weil ich mit anderen Dingen beschäftigt war.

Der Titelsong «Joanne» ist eine hübsche Folkballade, in der es um die verstorbene Schwester Ihres Vaters geht. «Joanne» heisst auch das Familienlokal in New York, das Ihr Vater
leitet.

Ist das nicht wundervoll? Mein Vater Joe ist so ein bescheidener, bodenständiger Mann, und es war immer sein Traum, ein Restaurant zu haben. Jetzt haben wir eins. Uns war wichtig, dass das Lokal kein typischer Promi-Schuppen wird, sondern eine richtige, familiäre Trattoria, in der wir unsere italienischen Wurzeln pflegen und zelebrieren. Dad hat also dieses Kochbuch zusammengestellt, ich habe das Vorwort geschrieben. Es heisst «Joanne Trattoria Cookbook: Classic Recipes and Scenes From an Italian American Restaurant». Das sind alles Rezepte unserer Familie sowie der Köche, die in unserem Lokal arbeiten.

Lady Gaga: Joanne, Universal. Erhältlich ab 21.10.

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