Kunst
Wo Laternen und Feuerstellen zur Kunst werden

Warum zur Kunst gehen, wenn man sie auch auf sich zukommen lassen kann? Mit der «Hochrhein Triennale» tut sie das.

Anna Raymann
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Die Künstlerin Paloma Ayala baut einen Ofen für die Triennale, dazu serviert sie Performances und Workshops.

Die Künstlerin Paloma Ayala baut einen Ofen für die Triennale, dazu serviert sie Performances und Workshops.

Bild: Carolina Herrera Poblete

Auch ein Skulpturenweg will Geburtstag feiern. Am Hochrhein tut man dies mit einem binationalen Kunstfest auf deutscher Seite in Hohentengen und auf Schweizer – Aargauer – Seite in Kaiserstuhl. Seit rund 20 Jahren gibt es den Skulpturenweg «Übers Wasser – Übers Land», nun erhält er zum Jubiläum neue Begleitung. Nicht aber in Form neuer Skulpturen, die den Spaziergang verdichten, sondern mit einem Sommerprogramm vom 24. Juli bis zum 5. September mit Ausstellungen, Aktionen und Performances, mit Workshops und Diskussionsrunden.

Der Förderverein «Kulturbrücke» hat das Jubiläum zum Anlass genommen, mit den Kuratoren Franz Krähenbühl und Alain Jenzer eine Triennale zu lancieren. «Der bestehende Skulpturenweg wurde in einer anderen Zeit eröffnet. Die Praxis der Künstler und Künstlerinnen ist diverser geworden: Sie arbeiten performativer, partizipativer. Das soll sich in der «Hochrhein Triennale» widerspiegeln», sagt Alain Jenzer.

Kirchenglocken und Strassenlaternen spielen mit

Tatsächlich wird sich mancher Besucher fragen: Ist das Kunst? Einfache Skulpturen, gar schlicht gerahmte Bilder sucht man vergebens. Dafür gibt es das kleine Häuschen, in dem man während der Triennale kostenlos übernachten kann. Der Berliner Künstler Pfelder hat sein «Asylum» aus rezykliertem Holz gebaut. Steht es in Kaiserstuhl können dort alle übernachten, ausser Schweizerinnen. Steht es in Hohentengen, so steht es dort allen frei, nur nicht deutschen Bürgern.

Andernorts läutet die Kirchenglocken nach dem Takt von Künstlerin Sophie Innmann. Auf beiden Rheinseiten flirten die manipulierten Strassenlaternen von Esther Kempf flackernd miteinander.

Die beiden Kuratoren haben viel Erfahrung mit Kunst im öffentlichen Raum, die «Hochrhein Triennale» ist aber ihr erstes gemeinsames Projekt. «Franz Krähenbühl und ich verstehen die Hochrhein Triennale als Labor zur Verhandlung gesellschaftlicher Fragen», sagt Alain Jenzer.

«Es ist faszinierend, wie sich auf kleiner Fläche globale Themen und Fragen spiegeln. Entlang der Grenzsituation machten wir ‹Mobilität› als erstes Thema für die Triennale aus. Für eine kommende Ausgabe ergeben sich aus diesem lokalen Mikrokosmos heraus möglicherweise Fragen zum Umgang mit Energie und Ressourcen.»

Der Hochrhein ist eine Grenzregion, in der die Grenze kaum spürbar ist. Die Pendler bewegen sich von einer Seite zur anderen. Die Flugzeuge hoch oben erinnern daran, dass man sich zudem in der Einflugschneise befindet. Erst mit dem Lockdown geriet vieles davon ins Stocken.

Videoinstallation im Schaufenster

Die Interpretation des Mottos überliessen die Kuratoren den Kunstschaffenden. Nur der Ortsbezug war von Beginn an gesetzt. «Uns war es wichtig, dass die Bevölkerung nicht erst mit der Kunst in Kontakt kommt, wenn sie platziert ist. Wir haben also gezielt Kunstschaffende eingeladen, die ihre Arbeiten gerne explizit aus dem Ort heraus entwickeln, oft in regem Austausch oder in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung.»

Tatsächlich wartet man hier nicht auf das Publikum, sondern schickt die Kunst direkt in die Ortschaften. In zahlreichen Schaufenstern und Lagerräumen spielen verschiedene Videoarbeiten mal augenzwinkernd, mal ernsthaft auf das Motto an. Hörspaziergänge, in denen die Anwohner ihre Geschichten erzählen, führen durch die Region.

Beim Essen kommt man zusammen

Besonders eng mit der neuen Nachbarschaft hat die Aargauer Künstlerin Paloma Ayala zusammengearbeitet.

«Man kommt als Touristin an. Dann beginnt man zu arbeiten, unterhält sich mit den Leuten und beginnt, den Ort zu verstehen und legt damit die Brille als Touristin ab.» (Paloma Ayala)

Sie baut im Garten des «Blockhuus» in Hohentengen einen Community-Ofen, der über die Triennale zum Treffpunkt werden soll für die Bevölkerung.

Es gibt eine Soundinstallation und Workshops von befreundeten Künstlerinnen und natürlich soll gemeinsam gekocht werden. «Essen und die Wärme eines Ofens bringen die Leute zusammen.» Die Zutaten findet Ayala in der Region, Kartoffeln bekam sie vom Hof der Nachbarn, einiges fand sie auf Spaziergängen. Das Projekt heisst denn auch «Siluetas de Papa» − Umrisse der Kartoffel.

«In meiner künstlerischen Arbeit ist der Ort sehr wichtig. Wie reagiere ich auf meine Umgebung, die Umgebung aber auch auf mich? Wie positioniere ich mich also hier in Hohentengen direkt zur Grenze zur Schweiz?» sagt Paloma Ayala. Auch sie kommt ursprünglich aus einer Grenzregion, aufgewachsen ist sie in Mexico, unweit der Grenze zu Texas. Ihre Arbeit nimmt Rücksicht auf die Umgebung, in der Natur will sie möglichst wenig Spuren hinterlassen. Der Ofen lässt sich rückbauen, sobald seine Aufgabe an der Triennale getan ist − um getreu dem Motto weiterzuziehen.

Hochrhein Triennale: 24.7.–5.9. Kaiserstuhl und Hohentengen