Kunstaussicht auf den Untersee

The View ist anders. Zeigt Kunst an vier ungewöhnlichen Orten in Salenstein und Berlingen – teils unter der Erde. Gründer Dierk Maass blickt auf zehn Jahre zurück, am Samstag hat er die Jubiläumsausstellung eröffnet.

Dieter Langhart
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Sitzleder mit 76 Jahren? Nicht Dierk Maass. Ihn zieht es nach wie vor auf hohe Berge und mit der Kamera in weite und entlegene Landschaften. Seine Galerie in Salenstein liegt ihm ebenso am Herzen wie das Herz-Neuro-Zentrum Bodensee in Kreuzlingen. Da hatte er als Gründer und leitender Arzt seit 1993 Herzen operiert, da präsidiert er noch heute den Verwaltungsrat. «Das Herzzentrum ist eine Privatklinik mit einem öffentlichen Auftrag des Kantons Thurgau – das ergibt gute Synergien.»

Aber wie ist Dierk Maass zur Idee gekommen, eine Galerie zu eröffnen? «Ich arbeitete bis einen Tag vor meinem Fünfundsechzigsten, danach hatte ich endlich Zeit.» Er habe Zeit seines Lebens gern fotografiert, aber kaum Zeit dafür gefunden. Da fand er in Salenstein eine alte Schreinerei, konnte sie mieten. Er richtete sich darin ein Atelier ein, konnte seine Fotografien – oft im Breitleinwandformat – drucken und hängen.

Vier ganz besondere ­Ausstellungsorte

Dann stand die Idee im Raum: die Galerie auszuweiten. Dierk Maass redete mit dem Gemeindeammann. Der erwähnte den Zivilschutzbunker, der nie genutzt worden war. Er diente Maass fortan als Lager für seine Fotografien.

Dann kam ihm die Idee zu einem Ausstellungsraum. Er fand ihn in einem stillgelegten und vor sich hin rostenden Wasserspeicher mit Stuckaturen und in einem Bunker, drüben in Berlingen. «Das sind äusserst spannende Räume für Ausstellungen», sagt Dierk Maass. «Auch wenn ich nichts kaputtmachen und keinen Nagel einschlagen wollte, weil sogleich Wasser flösse.» Nun hatte er endlich Räume – besondere Räume –, um andere Künstler auszustellen, obwohl dies zu Beginn nicht geplant ­gewesen war. Und die Künstler, manche von Rang und Namen, waren fasziniert davon.

Dirk Maass vor einer seinen Fotografien aus Namibia. (Bild: Dieter Langhart

Dirk Maass vor einer seinen Fotografien aus Namibia. (Bild: Dieter Langhart

2010 war die erste Ausstellung in The View – Contemporary Art Space. Wie war das Echo? «An diesen Orten kommt kaum einer vorbei, darum bieten wir Führungen mit Shuttle-Bussen an.» Oft kommen Gruppen und auch Schulklassen, sagt Antoinette Airoldi, die Leiterin von The View. «Kinder sind unbelastet, reagieren ganz unmittelbar auf Kunst», sagt sie. «Wir bitten sie oft darum, ihre Eindrücke in zwei Sätzen aufzuschreiben.»

In den ersten Jahren richtete die Galerie jährlich im Sommer eine grosse Ausstellung aus, dann kamen drei, vier kleinere im ­Atelier hinzu. Rechnet sich The View? «Nein», sagt Maass. Auch wenn alle Werke zu kaufen sind und die Galerie weltweit auf Kunstmessen präsent ist. «Wir bieten eine gute Infrastruktur an, haben Angestellte, stellen in wichtigen Städten wie Venedig, Wien, Stuttgart, Frankfurt, Karlsruhe oder auch Miami aus.» Das Büro der Galerie ist allerdings kleiner und effizienter geworden, auch aus Kostengründen, obwohl Dierk Maass keinen Gewinn erzielt, wie er sagt: Neben Antoinette Airoldi und ihm arbeitet noch Julia Hübner für die Galerie. Er behält The View also bei. «Aufzugeben wäre schade, das täte mir leid, aber wir müssen die Kosten reduzieren.»

Nichtstun ist Dierk Maass ein Gräuel

Was fasziniert Maass am Reisen? «Touristische Gegenden reizen mich gar nicht, ich muss Unbekanntes, Neues erfahren.» Hat er Angst, zur Ruhe zu kommen? «Nur wenn ich muss.» Er bewegt sich viel, hält sich fit, Nichtstun ist ihm ein Gräuel. Auch in seinem Beruf hatte er stets die Herausforderung gesucht, die Routine gemieden. Wo findet er die Künstler für The View? Die ersten kannte er persönlich, dann zog er Kuratoren zu Rate, inzwischen melden sich Künstler und auch Galerien direkt bei The View. Hat er seine Nachfolge geregelt? «Nein», sagt Dierk Maass mit ­seinem stillen Lächeln.

The View, Fruthwilerstrasse 14, Salenstein, bis 29.9., the-view-ch.com

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