Kino
«Babylon» von Damien Chazelle bietet pure Ekstase, liefert aber zugleich den Kater mit

Margot Robbie und Brad Pitt führen ein rauschhaftes Drama über das Ende der Stummfilmzeit an. Doch die eigentliche Entdeckung ist Diego Calva. Mit seinem Blick in die Vergangenheit des Kinos steht «Babylon» aktuell nicht alleine da.

Tobias Sedlmaier
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Die orgiastischen Parties der wilden 20er Jahre

Die orgiastischen Parties der wilden 20er Jahre

Bild: Paramount

Wenn im Kino exzessiver Wahnsinn illustriert werden soll, werden gerne mal Dinge über einen Berg gehievt, die sich möglichst schlecht dafür eignen: Werner Herzog machte es 1982 in «Fitzcarraldo» mit einem vierzig Meter langen Flussdampfer vor. Nun beginnt Damien Chazelle sein mehr als dreistündiges Hollywood-Epos «Babylon» programmatisch mit einer Sequenz, in der ein Elefant auf einem Anhänger über kalifornische Hügel zum Anwesen eines Filmmoguls gekarrt wird. Auf dem Weg entleert er erst einmal genüsslich seinen Darm. Wir schreiben das Jahr 1926, die «roaring twenties» sind auf dem Höhepunkt angekommen. Umso tiefer gähnt der Abgrund.

Der Elefant ist das dekadente Accessoire einer Party, die keiner weiteren Zerstreuung mehr bedürfte. Orgiastisch tanzen und jagen die Massen zwischen Masken und Luftschlangen durch die Hallen, angefeuert von Jazztrompetern und säckeweise Kokain. Immerhin kann das Tier noch für Ablenkung sorgen, als eine Frau wegen Überdosis weggeschafft werden muss. Dass sie am nächsten Morgen nicht am Set arbeiten kann, ist das Glück der geheimnisvollen Frau im roten Kleid, der Schauspielaspirantin Nellie LaRoy (Margot Robbie), die sich auf die Sause eingeschlichen hat und nun einspringen darf. Und auch für Manny Torres (Diego Calva), den Helfer, der den Elefanten besorgt hat, markiert diese Nacht den Anfang eines Aufstiegs: Er wird Assistent des Stummfilmstars Jack Conrad (Brad Pitt).

Lauter oberflächliche Typen

Es sind nicht nur, aber vor allem diese drei fiktiven Figuren, die wild durch die Handlung von «Babylon» gewirbelt werden. Mal kreuzen sich ihre Wege, mal verlieren sie sich aus den Augen. Menschlich besonders nahe kommt man ihnen trotz einzelner starker Momente nicht. Sie sind oberflächliche Typen, fabriziert von der Traumfabrik, der nichts heiliger ist als die grosse Show und die glitzernde Oberfläche. «Ein Star wird man nicht, ein Star ist man, oder eben nicht», weiss Nelly, die leicht ordinäre Schönheit aus Jersey. Sie widersteht allen Versuchen des verliebten Manny, sie wie Pygmalion zu einer feinen Dame von Welt zu formen, ohne Fluchen, ohne Glücksspiel, ohne Drogen. Seit «La La Land» ahnen wir, dass Damien Chazelle kein Faible für glücklich endende Liebschaften hat.

Diego Calva, den man hierzulande wohl am ehesten aus der Netflix-Serie «Narcos: Mexico» kennt, ist als Manny die Entdeckung und das Gravitätszentrum dieses Filmes, der sich so sehr im eigenen Chaos verliert. Der mexikanische Migrant hat ebenso viel Charme wie pragmatischen Durchblick. Ein Mann, in dessen Hände man noch die unmöglichsten Aufgaben vertrauensvoll legen kann, etwa spontan eine Kamera aufzutreiben, ehe das Sonnenlicht hinterm Horizont verschwindet. Der dritte in diesem losen Bund ist Conrad, ein selbstironischer, einsamer Ritter ohne Leidenschaft, der hauptsächlich aus antrainierter Coolness besteht. Also die Rolle, die Brad Pitt seit mehreren Jahren am besten verkörpert.

Wenn es ein verbindendes stilistisches Element in «Babylon» gibt, ist es der permanente Exzess, die Sucht, grösser zu sein als das Leben. Alles geschieht schnell und gleichzeitig, an den Sets werden mehrere Streifen parallel abgedreht, ständig wird durcheinandergebrüllt, telefoniert, gebechert, umgefallen, wieder aufgestanden. Die Ruhe ist den Toten vorbehalten. Wir erleben einen Rausch, der einer Stummfilm-Rasanz huldigt, die sich in dieser Form einige historische Freiheiten nimmt. Fast, als hätten «The Great Gatsby» und «Once Upon a Time... in Hollywood» sich in einer champagnergetränkten Orgie vereinigt. Das Ergebnis ist ein Wechselbad der Gefühle: Der Film kann ziemlich Spass bereiten, aber auch Kopfweh.

Denn «Babylon» ist beides in einem: Ekstase und Kater, Liebeserklärung an das Kino und, tatsächlich, auch ein Fäkalwurf auf den goldenen Zauberhut der Filmindustrie. Besonders zur Hälfte wird die hochgeputschte Geschichte quälend, wenn schliesslich 1927 der Stummfilm durch den Tonfilm abgelöst wird und Chazelle die zahlreichen Schwierigkeiten bei der Umsetzung – die korrekte Positionierung, das Sprechen, die Hitze am Set – durch dutzend wiederholte Takes durchexerziert. Überwältigung also auf der einen, Zumutung auf der anderen Seite. Letzteres fand vor allem das Publikum in den USA und zeigte dem jüngsten Oscar-Preisträger für Regie die eiskalte Schulter; weniger als ein Viertel des Budgets von 80 Millionen Dollar spielte der Film ein.

Die eigenen Mechanismen sezieren

Gleich drei Werke von renommierten Regisseuren, die sich mit der Filmproduktion selbst beschäftigen, laufen in diesem Winter an. Neben «Babylon» sind dies Steven Spielbergs «The Fabelmans», der als einer der Favoriten für die Oscarverleihung gehandelt wird und hierzulande am 9. März startet und «Empire of Light» von Sam Mendes (Kinostart 2.3.). Über die beiden letzteren darf und soll an dieser Stelle noch nichts verraten werden. Doch es ist kaum blosser Zufall, dass Hollywood ausgerechnet in schwierigen Zeiten die eigenen Mechanismen seziert. Die Nabelschau auf das eigene Schaffen ist nicht zuletzt ein Kunstgriff der Krisenbewältigung, der schon früher bedeutende Werke hervorbrachte.

Während etwa «Sunset Boulevard» von Billy Wilder 1950 die Schattenseiten einer ungebrochenen Sehnsucht nach der Vergangenheit zeigt, überhöht zwei Jahre später «Singing in The Rain», der bei Chazelle prominent zitiert wird, den Wert einer technisch perfekten Illusion. Beide thematisieren das Ende der Stummfilmära, signalisieren jedoch gleichsam, dass die Entwicklung des Kinos noch lange nicht vorbei ist. Es scheint, als würde sich Mark Twains Sentenz bewahrheiten: «Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie reimt sich.» Aus zahlreichen Gründen steht das Kino heute vor einer unsicheren Zukunft. Ein Film wie «Babylon» gibt, gewollt wie ungewollt, das deutlichste Zeugnis dafür ab.

«Babylon»: Im Kino.