Wir erreichen die in Suhr geborene Filmemacherin Petra Volpe per Skype in New York, wo sie seit längerer Zeit einen festen Wohnsitz hat. Ein wesentlicher Teil von Volpes Karriere hat sich 2017 auf US-Boden abgespielt: Ihr Schweizer Spielfilm «Die göttliche Ordnung» wurde von der Schweiz ins Oscar-Rennen geschickt. Einer von vielen Gründen, warum die Kulturredaktion der «Nordwestschweiz» Petra Volpe zum Kopf des Jahres gewählt hat.

Ihr überaus erfolgreiches Jahr endet allerdings mit einem kleinen Dämpfer: Obwohl Volpe und ihre Filmcrew zuletzt wochenlang in Hollywood um die Gunst der Oscar-Wähler gebuhlt haben, blieb der «Göttlichen Ordnung» der Sprung auf die Shortlist für den «besten fremdsprachigen Film» verwehrt.

Die göttliche Ordnung - offizieller Trailer

Die göttliche Ordnung - offizieller Trailer

Am Timing kann das nicht gelegen haben: Ein Film über das Frauenstimmrecht im Speziellen und über weibliche Emanzipation im Allgemeinen stiess in Los Angeles just auf ein Klima, das bestimmt war von den Wogen der Weinstein-Affäre und von der damit einhergehenden #Me-Too-Bewegung. Deswegen aber von einer göttlichen Fügung zu sprechen, das verbieten sich sowohl der Interviewer als auch die Interviewte: Es geht um die Dringlichkeit der Anliegen.

Viele neue Angebote

«‹It’s such a timely film› wurde uns in L.A. ständig gesagt», erzählt Volpe, «der richtige Film zur richtigen Zeit. Ich wurde oft zu diesen Themen befragt. Aber das Frustrierende ist, dass sich in Hollywood trotzdem nur wenig ändert.» Die aktuellen Golden-Globes-Nominierungen für die beste Regie seien das beste Beispiel, findet Volpe: Unzählige tolle Frauen seien am Start gewesen – Kathryn Bigelow mit dem Film «Detroit» oder Dee Rees mit «Mudbound» –, aber nominiert wurden wieder einmal ausschliesslich Männer. «Die Botschaft an uns Frauen scheint zu lauten: Know Your Place – ihr gehört nicht hierher. Das macht mich sauer und ist für mich ein Grund zum Kämpfen.»

Petra Volpe, die Tochter einer Aargauerin und eines italienischen Gastarbeiters, lässt gelegentlich englische Formulierungen in ihr Schweizerdeutsch einfliessen: Zum Beispiel sei sie keine Gun for Hire. Damit meint sie: keine Auftragsfilmerin, die sich wahllos einspannen lässt. Seit Volpe in den USA auf eine Agentur zählt, landen diverse Filmangebote auf ihrem Tisch. Sie schaut sich alles an, aber: «Es hat viel Müll darunter.»

2017 war für Volpe ein hektisches Jahr: Im Januar feierte «Die göttliche Ordnung» an den Solothurner Filmtagen Weltpremiere und gewann den «Prix de Soleure». Von dort war es ein zeitlicher Katzensprung zum Schweizer Filmpreis, wo Volpe für ihr Drehbuch sowie die beiden Darstellerinnen Marie Leuenberger und Rachel Braunschweig für ihre Leistungen ausgezeichnet wurden. Gleichzeitig avancierte der Film zum Publikumsrenner: Über 340 000 Besucherinnen und Besucher zählte «Die göttliche Ordnung» in den Schweizer Kinos – so viele wie kein anderer Schweizer Film 2017.

Zeit zum Atmen blieb Petra Volpe wenig: Bereits im April wurde «Die göttliche Ordnung» am New Yorker Tribeca Film Festival gezeigt. Dort gewann Volpe den Nora Ephron Award – benannt nach der 2012 verstorbenen Autorin von «When Harry Met Sally» – und den Publikumspreis. Unter dem Namen «The Divine Order» war Volpes Film jetzt auch auf der internationalen Ebene aufgegleist und wurde in viele Länder verkauft.

2017 wurde für Volpe zu einem Kampagnenjahr; zu einem Jahr des Befragtwerdens; einem Jahr des Promotens und des Lobbyings für diesen Film, den sie begleitet hat «wie ein Mami», wie sie lachend sagt, und den sie – noch immer in ihren eigenen Worten – jetzt «zum richtigen Zeitpunkt wieder loslässt». Natürlich war es auch ein Jahr des Ausbaus an ihrem amerikanischen Standbein. Aber war es auch schon ein Jahr für nächste Projekte?

Demnächst im Männergefängnis

«Ich verspüre ein grosses Bedürfnis, mich jetzt neuen Dingen zuzuwenden. Ich arbeite schon seit mehreren Jahren mit einer Co-Autorin an einem Projekt, das in einem US-Männergefängnis spielt. Hierzu besuchen wir schon im Januar wieder Insassen, um ihre Reaktionen auf das aktuelle Drehbuch festzuhalten. Daraus wird dann ein Spielfilm mit US-Darstellern – hoffentlich mein nächstes grosses Kinoprojekt.»

Nichts liegt Petra Volpe derweil ferner, als die Schweiz hinter sich zu lassen. «Ich entwickle auch ein Serienkonzept über das Leben von Bauern in der Schweiz – ein Drama, das ihre Probleme ernst nimmt.» Und es bestünden erste Drehbuchfassungen für eine TV-Serie über die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg. «Aber das ist dann natürlich vollkommen abhängig vom Ausgang der No-Billag-Initiative.»

Ein Anlass für die Filmemacherin, die uns in diesem Jahr lebhaft den Kampf ums Frauenstimmenrecht in Erinnerung gerufen hat, in die aktuelle politische Debatte einzugreifen: «Ich hoffe, meine Arbeit inspiriert die Menschen, an unsere Demokratie zu glauben, für Gleichberechtigung zu kämpfen, und abzustimmen. Lehnt bitte die No-Billag-Initiative ab. Es wäre verheerend, wenn wir aus kurzsichtigem Denken heraus eine zentrale kulturelle Institution zerstören und es dann bitter bereuen.»