Musical
Kult-Musical «Chicago»: Schwarz, böse, nackt und sehr, sehr sexy

Erstmals wird in Zürich das Kult-Musical «Chicago» in der englischsprachigen Originalversion gezeigt.

Elisabeth Feller
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«Chicago» hat in 41 Jahren kein bisschen Staub angesetzt.

«Chicago» hat in 41 Jahren kein bisschen Staub angesetzt.

Catherine Ashmore

«Im Musical wird der Mensch für seine destruktiven Fähigkeiten nicht verdammt und die Erde nicht zum ausschliesslichen Ort des Schreckens», stellt der Theaterwissenschafter und Musicalkenner Wolfgang Jansen in seinem Buch «Cats & Co.» fest. Bestimmt denkt er dabei auch an «Chicago». In diesem Musical schildern Fred Ebb und John Kander (Musik, Buch, Songtexte) das Amerika der 1920er-Jahre in düsteren Farben: als schamloses, verlorenes, geldgieriges und korruptes Land.

Gestützt auf einen wahren Fall rollen die Autoren die Geschichte der Vaudeville-Tänzerin Roxie Hart auf, die ihren Liebhaber erschossen hat. Im Gefängnis lernt Roxie die Berufskollegin und Doppelmörderin Velma Kelly kennen. Um dem Tod durch den Strang zu entgehen, engagieren die beiden Ladys den windigen Anwalt Billy Flynn. Später wird Roxie mithilfe der Boulevardjournalistin Mary Sunshine in den Medien als «Jazz-Mörderin» immer populärer, was Velma auf die Palme bringt. Und das so sehr, dass sich die Frauen einen musikalischen Showdown liefern, der vor allem einfährt, weil die beiden in ihrem finalen Song zur Überzeugung gelangen: «Jede von uns kann nur sich selbst vertrauen.»

Um an Wolfgang Jansens Worte anzuknüpfen: Verdammt wegen ihrer destruktiven Fähigkeiten werden Roxie und Velma im Musical «Chicago» nicht. Und die Erde, vielmehr das Gefängnis, ist nicht ein Ort des Schreckens, sondern der brillanten Tanznummern (Choreografie: Bob Fosse) – mit oder ohne Federboas – und der hinreissenden Rhythmen im jazzigen Klang der Zwanziger. Beispielhaft dafür steht der Kult gewordene Eröffnungssong «All That Jazz». Kurzum: In «Chicago» wird eine böse, abgründige, mit feinen Zynismen gespickte Geschichte zu einem Spektakel geformt, das Auge und Ohr betört. Grossen Gefühlen, wie wir sie vom Musical-Genre kennen, begegnen wir hier jedoch nirgends – es herrscht eisige Kälte, die sich im Bühnenbild und in den Kostümen farblich spiegelt: «Chicago» hüllt sich ganz in Schwarz-Weiss.

Kriminalistische Erfolgsstory

Dieses Musical ist eine düstere Angelegenheit, aber es macht den Mord bei aller Denkarbeit vor allem unterhaltsam. Deshalb fallen ihm bis heute immer wieder neue Musicalbesucher anheim. Blenden wir kurz zurück ins Jahr 1975 an den New Yorker Broadway. Dort findet am 3. Juni die Uraufführung statt. Das Publikum ist über das ungewohnte Thema und die mitunter schneidend scharfe, keinen Hauch von Gefälligkeit offenbarende Musik irritiert und fasziniert: «Chicago» wird mit weltweit über 30 Millionen Zuschauern zu einem der grössten Musical-Hits.

Nach 936 Vorstellungen fällt am 27. August 1977 am Broadway der letzte Vorhang.Jahre später wird 1996 in New York eine Revival-Produktion aus der Taufe gehoben, die am 14. November ihr 20-Jahr-Jubiläum feiern kann.

Ungebrochene Faszination

In Edinburgh wird das englischsprachige Original gezeigt, das schon bald erstmals in Zürich zu sehen sein wird. Die immer wieder neu in Szene gesetzte Originalversion ist nach wie vor ein Magnet. Auch in Edinburgh? Wir wollten es wissen. Die stolze schottische Stadt gibt sich mit Grau-in-Grau-Tönen und bei kühlen Temperaturen abweisend. Dafür ist die Atmosphäre im 3000 Plätze zählenden, sehr gut besetzten, rot-goldenen Playhouse Edinburgh warm.

Die Rushhour hätte den Besuch der Vorstellung fast verunmöglicht, doch eine Minute vor Beginn sitzen wir auf unseren Plätzen, etwas atemlos, aber gespannt. Dann wird es dunkel – Musik! «Start the car I know a whoopee spot. Where the gin is cold but the piano’s hot! It’s just a noisy hall where there’s a nightly brawl. And all That Jazz», singt die britische Velma Kelly 2016 in Edinburgh – und wirkt genauso sündig und verrucht wie 1975 ihre amerikanische Kollegin an der Erstaufführung in New York. «Das ist es immer noch», jubeln wir innerlich und rufen uns sogleich einen Artikel aus der «Welt» in Erinnerung: «Das Musical ‹Chicago› ist schwarz, böse, messerscharf, gewitzt, nackt und sehr sexy.»

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