Künstlerinnen und Künstler nehmen sich ernst. Als ihre eigenen Auftraggeber, ihr erstes Gegenüber, als Ausgangspunkt von Welterkundung oder Selbstversuch haben sie zunächst sich selbst, ihren Blick – und dann die Wahl: ob ihr Schaffen vom eigenen Körper absieht oder ob es ihn als Material benutzt. Wie, ist dann die Kunst. Denn wenn den einen im radikal subjektiven Handeln, im experimentellen Blick oder im Protokollieren ihrer Gegenwart eine Öffnung gelingt, kann der Bezug aufs eigene Bild auch in die Enge führen. Die Ausstellung «Ich nicht Ich» im Kunsthaus Zofingen wagt die Gratwanderung und greift das Selbstbildnis der Kunst von heute auf.

Versammelt sind Werke von acht Kunstschaffenden. Von Anuk (Miladinović) bis Victorine (Müller) sind sie auf dem Plakat alphabetisch nach Vornamen gelistet – also so, wie sie sich aus der Nähe zu erkennen gäben und nicht im nationalen und internationalen Ranking. Beim Presserundgang ist nicht nur deutlich geworden, wie unterschiedlich sie das eigene Bild nutzen, sondern auch, wie sie aus der uferlosen Auswahl an direkten und indirekten künstlerischen Selbstbildnissen auf die Shortlist der Kuratorin Claudia Waldner gelangten: Allen Selbstdarstellungen sei das Wissen um die Endlichkeit eingeschrieben.

Im inneren Monolog beschwört Tom Karrer eine Verunsicherung und Lethargie herauf, die ihn einmal im wohnlichen Ambiente, ein anderes Mal in der vorsichtigen Umschau auf dem Videobild verharren lässt. Karoline Schreiber nimmt in ihrer Malerei den Totenkopf gleich selbst in die Hand, während Pat Noser sich über ein Jahr lang täglich die Skizze ihres Gesichts abgerungen hat und uns zu Zeugen der Veränderung macht. Indirekt stellt Steven Schoch dem narzisstischen Selbst eine Falle: Ein Stuhl droht an gespannten Federn direkt auf sein Spiegelbild zu prallen.

Polaroid-Ansichten

Auch wenn sich die Gruppenausstellung nicht explizit auf feminine Autorschaften konzentriert – auf drei starke Frauen hätte die künstlerische Leiterin des Kunsthauses nicht verzichten wollen. Hannah Villiger, vor zwanzig Jahren viel zu früh verstorben, hat ihrem Körper mit der Polaroidkamera Ansichten abgerungen, welche die Vorstellung eines deutbaren, geschlossenen Ganzen nachhaltig auf den Kopf stellten. Manon, Künstlerin und Kunstfigur in einem, zeigt sich als Herrin ihres eigenen Bilds und macht im Kreis, den sie um sich gezogen hat, gleichzeitig einen Schutzraum und eine Zielscheibe auf. Und Meret Oppenheims Porträt als Röntgenbild ruft eine Frau in Erinnerung, der es gelang, sich traumwandlerisch über Konventionen hinwegzusetzen und Anliegen des Feminismus wie beiläufig an sich selber auszutragen.

Geblendete Büsten

Es ist kein geradliniger Weg von diesen Werken in die Gegenwart und in die digitale Selbstbespitzelung. Raumgreifend eignet sich Frantiček Klossner die Frage an, was die immer auf Armlänge greifbare Bild- und Sprachaufzeichnung mit uns Subjekten anstellt. Das ist nicht ganz neu in seinem Schaffen, aber für Zofingen eigens inszeniert. Büsten aus der Antikensammlung der Universität Bern sind geblendet von der Projektion sprechender Gesichter. «Ich habe versucht, dich zu erreichen», ist da etwa zu hören, oder: «Ich google mich selbst.» Sehr viel haben die ehrwürdigen Gäste also nicht zu sagen, umso evidenter ist ihr Selbstbezug. Wer nur sich im Auge hat, die Kamera zum Spiegel verkehrt und Licht kosmetisch umdeutet, dem geben auch Hermes, Aphrodite oder Artemis keine Weitsicht mehr.

Ich nicht Ich Kunsthaus Zofingen, bis 2. April. Forum mit Künstlerinnen der Ausstellung am Mittwoch, 1. März 20 Uhr.