Tatort Erlenmatt Ost in Basel. Trottoir? Fehlanzeige. Hier wird gebaut, alles ist überstellt, Baugerüste sind hochgezogen. Also in den Hof. Hier wird bereits gewohnt, gelebt – doch den Zugang zum westlichen Teil versperren Baugitter. Also zurück, der Signalstrasse entlang, entlang des ehemaligen Silogebäudes, et voilà, das Atelierwohnhaus von Degelo Architekten.

Die Fassade wirkt wie eine geschlossene Wand, kein Wunder, bei dem Lärm von Strasse und Autobahn. Erst wer davorsteht, sieht die tief eingelassenen, grossen Fenster.
Ein Aha-Erlebnis bietet sich dann von der Hofseite: Die Sonne bringt die Holzbalustraden der durchlaufenden Balkone warm zum Leuchten, das Licht lässt die groben Holzträmel-Staketen plastisch und lebendig erscheinen. Mit dieser Visitenkarte hebt sich der Bau deutlich von seinen Nachbarn ab.

Aber ob hier tatsächlich am 1. März die Mieterinnen und Mieter einziehen können? Noch ist die Fassade nicht gemalt, Handwerker bevölkern das Haus. Immerhin, das Betontreppenhaus mit dem massiven Metallgeländer ist fertig. Aber wer eine der Atelierwohnungen betritt, findet nichts von alledem, worauf Vermieter besonders gerne hinweisen.

Helle, grosse Räume, aber keine Einbauten: Das gehört zum Prinzip.

Helle, grosse Räume, aber keine Einbauten: Das gehört zum Prinzip.

Keine aufwendigen Küchen und Nasszellen, kein Parkett, keine einzelnen Zimmer. Nur grosse, offene und helle Räume und irgendwo ein Metallgerüst an dem auf einer Seite ein WC und eine Dusche angehängt sind, auf der anderen Seite Anschlüsse auf Herd, Trog und Kühlschrank warten.

Easy Living

«Das ist fertig so», sagt Architekt Heinrich Degelo. «Die Bewohner bestimmen, wie und was sie daraus machen, das ist Teil des Konzepts.» Jede und jeder könne nicht nur bestimmen, wo sein Badezimmer steht, wie gross es ist, ob er zwei haben wolle, ob die einfache Grundküche oder mehr. «Auch ob und wo Wände hinkommen.»

Die Raumhöhe von 3 Meter 45 erlaube es gar, eine Schlafgalerie oder doppelstöckige Aufbewahrungen einzubauen. Es sei ein besonderes Haus, ein besonderes Konzept, bestätigt der erfahrene Architekt. «Eigentlich ist es mein Prototyp für günstiges Bauen und flexible Nutzungen, wie ich es mit ‹Homebase› schon länger angedacht habe.»

Dieses Wohnatelierhaus ist aus der Not, aber mit so ehrgeizigem wie besonderem Ziel entstanden. «Mich haben Künstler angefragt, wie es möglich wäre, günstig zu bauen», sagt Degelo. So sei die Genossenschaft «Coopérative d’Ateliers» entstanden, die Bauherrin des Gebäudes ist.

Architekt Heinrich Degelo fragt nach dem Grundbedürfnis des Wohnens.

Architekt Heinrich Degelo fragt nach dem Grundbedürfnis des Wohnens.

Billig zu bauen, sei nicht einfach: «Land- und Baukosten sind für alle hoch, gleich hoch.» Statt sich zu fragen, wo man sparen könne, habe er gefragt: «Was braucht es unbedingt? Nach dem Prinzip von Easy Jet, die sich auf ein Flugzeug und den Billettverkauf beschränken», sagt Degelo.

Analog ist das Grundbedürfnis des Wohnens für ihn «ein Haus mit klimatisierten Flächen». Wichtig sei für ihn und die Genossenschaft, dass das Haus trotzdem kein Ökoschreck sei. Am einfachsten erreiche man das, indem man die Heizung weglasse. Es sei ja unglaublich, wie viel CO2-Ausstoss die Schweiz mit ihren Heizungen verursache.

Ohne Heizung

Wie soll das funktionieren? Gebaut habe er noch nie ein Wohnhaus ohne Heizung, gibt er zu. Vorbilder gebe es kaum. Und führt dann die Stiftsbibliothek St. Gallen an, die ohne Heizung und Kühlung ein wunderbar stabiles Klima habe. «Dank dicker Mauern und gezieltem Lüften.»

Dieses Prinzip kommt auch in der Erlenmatt zum Tragen. Die Wände sind 80 Zentimeter dick, aus speziellen Backsteinen mit vielen isolierenden Luftkammern gemauert. Ohne zusätzliche, nicht nachhaltige Kunststoff-Isolation. Um das Klima stabil zu halten, gibt es ein automatisiertes, elektrisches Lüftungssystem: gegen die Strassenseite durch akustisch abgeschirmte Lüftungsflügel, gegen die Hofseite durch die raumhohen Balkontüren. «Das wird Feinjustierung brauchen, dazu begleitet die Hochschule Luzern das Projekt in den ersten drei Jahren», so der Architekt.

Günstig gebaut habe man auch dank vielen vorfabrizierten Elementen: von den Betondecken über die Betonträger bis zu den Treppen. Um den Bau zu finanzieren, hat jede Genossenschafterin rund 30 000 Franken eingeschossen, das Land hat die Coopérative d’Ateliers im Baurecht von der Stiftung Habitat bekommen.

Was heisst nun günstig für die Genossenschafter, für die Mieterinnen? «Das Ziel von 10 Franken pro Quadratmeter Monatsmiete haben wir erreicht», bekräftigt Heinrich Degelo. Die Einheiten kosten von 600 Franken für das Einer-Wohnatelier mit 60 Quadratmetern bis 1500 Franken für das 150- Quadratmeter-Atelier, in dem mindestens zwei Personen leben müssen.

Damit sind sie – trotz Neubau – nur etwa halb so teuer wie der übliche Mietpreis in Basel. Alle Wohnateliers sind vergeben, die Idee kam bei den Kunstschaffenden gut an.