Kultur

Kubanische Tanzshow «Ballet Revolución» kommt in die Schweiz: Der Sprung in die Freiheit

Der 25-jährige, kubanische Tänzer Yordi Pérez Cardoso tanzt mit seiner Tanzpartnerin in den Strassen von ­Cienfuegos.

Der 25-jährige, kubanische Tänzer Yordi Pérez Cardoso tanzt mit seiner Tanzpartnerin in den Strassen von ­Cienfuegos.

Seit 2011 wird die spektakuläre Show weltweit gefeiert, 850000 Zuschauer haben sie schon gesehen. Nur um die USA muss die Truppe ein Bogen machen - wegen des Embargos. Den 25-jährigen Yordi Pérez Cardoso, Tänzer von «Ballet Revolución» kümmert das nur bedingt. Wir waren bei den Proben dabei.

Havanna zeigt sich in der Adventszeit von seiner besten Seite. Die kubanische Hauptstadt hat sich für ihren 500. Geburtstag herausgeputzt und es wird immer noch fleissig renoviert. Seit unserem letzten Besuch vor vier Jahren sind neue, sogenannte Paladares, Privatlokale, schicke Bars, trendige Clubs und originelle Esslokale entstanden. Und vor allem: Die kommunistische Insel ist endlich im Internet-Zeitalter angekommen. Immerhin 3G!

Doch der Schein trügt: Das Embargo von US-Präsident Trump verfehlt seine Wirkung nicht. Da und dort sind vor Läden wieder Menschenschlangen zu sehen und Kubabesucher müssen manchmal sogar auf ihren Mojito, das kubanische Nationalgetränk verzichten. Keine Minzblätter! Kuba steuert auf eine neue Mangelwirtschaft zu.

Den 25-jährigen Yordi Pérez Cardoso, Tänzer von «Ballet Revolución» kümmert das nur bedingt. Seit 2011 wird die spektakuläre Show weltweit gefeiert und 850000 Zuschauer haben sie schon gesehen. Nur um die USA muss sie nach wie vor einen Bogen machen. Der kubanische Tanz ist mit seiner einzigartigen Ausrichtung dennoch einer der besten Exportartikel des Landes. «Danza Folklorica», also Tänze wie Rumba, Mambo, Son, Yambú, Columbia, Guaguancó, sowie religiöse Santeria-Tänze stehen hier gleichberechtigt neben dem klassischen und dem Modern Dance. «Kubanische Tänzer bewegen sich anders als alle anderen Tänzer auf der Welt», erklärt uns Choreograf Roclan González Chávez, «der afro-kubanische Tanzstil gibt ihnen eine grosse Lockerheit in den Schultern und Hüften».

In Havanna probt die Tanztruppe für ihre neue Tour mit zum Teil neuen Leuten. «Wir überarbeiten und aktualisieren die Show. Wir integrieren neue Schritte und Trends», sagt der Choreograf. Die Tänzer sind hoch konzentriert, trotzdem wirkt alles spielerisch leicht. Im Probelokal herrscht eine euphorische Stimmung. Yordi Pérez Cardoso ist schon vor vier Jahren mit seinem athletischen Stil und seiner extremen Körperkontrolle aufgefallen. Heute ist er Routinier und einer der tragenden Kräfte in der Tanztruppe.

Mit Disziplin und Drill an die Weltspitze

Wir begleiten Yordi ins malerische Städtchen Cienfuegos, gut 200 Kilometer von Havanna gelegen. Hier, in der «Escuela del Arte Beny Moré» hat er das tänzerische Handwerk erlernt. Als Yordi im Alter von 11 Jahren zu uns kam, war er sehr dünn», erzählt seine damalige Sportlehrerin. Er habe hart an sich gearbeitet, viel Sport getrieben - bis zu 600 Rumpfbeugen täglich. Dadurch habe er sich «unglaublich entwickelt». «Yordi ist für uns ein Vorbild an Ehrgeiz, Disziplin und Willenskraft», sagt sie stolz. Disziplin wird hier ohnehin gross geschrieben. Neben Modern Dance und klassischem Tanz werden in dieser kubanischen Schule auch jene Rhythmen und Tänze gelehrt, die sich in den letzten 500 Jahren aus den spanischen und afrikanischen Einflüssen entwickelten. Und das in einem Drill und einer Unerbittlichkeit, die den sowjetischen Schulen nachempfunden waren. Auf diese Weise entstand der unverkennbare kubanische Tanzstil. Es ist eine Tanzausbildung der Weltklasse für künftige Weltklasse-Tänzer.

Geboren und aufgewachsen ist Yordi Pérez Cardoso in Ciudad Nuclear, einer Wohnsiedlung ausserhalb von Cienfuegos, die für das erste kubanische Atomkraftwerk vorgesehen war. 1992, nach dem Untergang der Sowjetunion, beerdigte Fidel Castro das Projekt aus Kostengründen. Doch Yordis Familie, Mama, Papa und die jüngere Schwester sind in der kleinen Wohnung geblieben.

«Auch ich wollte eigentlich nie weg», sagt Yordi. Schliesslich musste der damals 18-Jährige von seiner Familie sogar gedrängt werden, um seine Chance in Havanna zu packen.

Mit seiner Familie und dem Ort ist er bis heute stark verbunden und wohnt, wenn immer möglich, bei seiner Familie. Wenn er in Kuba ist. Doch in seiner Heimat ist Yordi immer weniger. «Ballet Revolución» ist ein kubanischer Exportartikel explizit für ein westliches Publikum konzipiert. Die Tänzerinnen und Tänzer haben deshalb auch keinerlei Reisebeschränkungen. Künstler, Musikerinnen und Tänzer sind in Kuba nach wie vor privilegiert und Yordi bewegt sich frei in zwei Welten. In seiner kubanischen Heimat und in Europa. Dort, wo seine Frau und sein dreimonatiger Sohn leben und auf ihn warten.

«Ballet Revolución» 21. – 26. Januar 2020 Halle 622 Zürich.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

Meistgesehen

Artboard 1