Das Kunst-Erbe des Waffenproduzenten Bührle ist eine grosse Chance für Schweiz

Kriegsprofiteur-Debatte
Das Kunst-Erbe des Waffenproduzenten Bührle ist eine grosse Chance für Schweiz

Bild: J.-P. Kuhn/SIK-ISEA

Heute ist er ein Feindbild, zu Lebzeiten war Emil Georg Bührle ein Günstling von Politik und Wirtschaft. Ein brisantes neues Buch ermög­licht die Diskussion um die Liaison von Kriegsgeschäften und Kunst in aller Offenheit.

Daniele Muscionico
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Wenn im Oktober Georg Emil Bührles sagenhafter Kunstschatz, der jetzt in einem Provisorium an der Stadtgrenze von Zürich sein Dasein fristet, den Erweiterungsbau des Kunsthauses bezieht, müsste Erleichterung herrschen. Müsste, unsere Offenheit vorausgesetzt: Der Fall Bührle nämlich ist kein Einzelfall, sondern ein Prinzip. Das Prinzip des Opportunismus, der dieses Land prägt. Dies zu erkennen, ist eine Chance. Doch erwartet wird ein neuer Hexenprozess gegen einen Einzelnen, Bührle, das Feindbild.

Die Fakten sind bekannt. Georg Emil Bührle (geboren 1890 in Pforzheim, gestorben 1956 in Zürich), Nazisympathisant, Waffenproduzent, hat beim Aufbau seiner Kunstsammlung die Lage verfolgter und flüchtender Juden schamlos für sich genutzt.

Emil Georg BuehrlePorträt aufgenommen 1942 in Zürich.

Emil Georg Buehrle
Porträt aufgenommen 1942 in Zürich.

Keystone / PHOTOPRESS-ARCHIV

Doch der Herbst 2021 wird, man wettet, ein heisser Herbst. Bührles Bilder sind der neue Touristenma­gnet, Heulen und Zähneklappern! In Wahrheit aber ist der Auszug der Bilder aus einem Privatmuseum und der Einzug in den spektakulärsten Museumsneubau, den sich eine Schweizer Stadt und ein Kanton in der jüngsten Vergangenheit leisteten, ein Bekenntnis.

Die Eingemeindung der inkriminierten Schätze durch die öffentliche Hand heisst auch: Man wird, so die Pläne, die Geschichte hinter den Bildern in einem Dokumentationszen­trum offenlegen. Die Diskussion um Gewissensschuld und Verpflichtung kann im Herbst beginnen.

Offenheit bis in die hinterletzte Aktennotiz

Handhabe dazu bietet das Opus magnum, das soeben beim Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft erschienen ist: Lukas Gloor, Kurator der Sammlung Bührle, hat federführend einen Gesamtkatalog erstellt, der das Geschäftsgebaren Bührles bis zu den Quellen zeigt.

Lukas GloorKurator der Sammlung Bührle

Lukas Gloor
Kurator der Sammlung Bührle

Bild: Key

In einer erstmals illustrierten Liste sind im Katalog zudem sämtliche restituierten und die zurückgekauften Werke der Sammlung in der Zeit von 1942 bis 1951 ersichtlich. Genannt werden zu jedem Bild Verkaufsquelle, Kaufdatum und Kaufpreis.

So informiert, erlebt man Überraschendes: Das in einem Prozess 1948 als Raubkunst gewertete Ölgemälde von Alfred Sisley «Sommer bei ­Bougival» (1876) hatte Bührle am 3.2.1942 von seinem Händler Theodor Fischer in Luzern zum Preis von 28 000 Franken erworben. Nach der Restituierung kaufte er es 1950 dem rechtmässigen Besitzer wieder ab – und zahlte dafür den Kaufpreis, 28000 Franken. War Bührle gar nicht der Schnäppchenjäger, als den seine Kritiker ihn sehen? Für Lukas Gloor entlastet das Beispiel den Sammler (zumindest) von diesem Punkt.

Gloors Arbeit ist vorbildlich, das attestieren ihm selbst Kunstkritiker und Provenienzforscher aus Deutschland, deren Standards als die strengsten gelten. Kurator Gloor beteuert denn auch: «Das Thema Raubkunst im engeren Sinn ist aufgearbeitet. Was die Fluchtkunst betrifft, haben wir nach gegenwärtigem Wissensstand alle problematischen Fälle geklärt.»

Von Emil Bührle erworben: Vincent van Gogh, Blühende Kastanienzweige, 1890, Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm.

Von Emil Bührle erworben: Vincent van Gogh, Blühende Kastanienzweige, 1890, Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm.

Sammlung Emil Bührle

Waffen, Geld und Kunst. Der typische Dreisatz mit Schweizer Stallgeruch. Man kann ihn nicht oft genug wiederholen, um es nicht zu vergessen: Die Stadt Zürich, und nicht nur sie, das Land insgesamt hat von Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen Kapitalverbrechen und kapitaler Kunst enorm profitiert.

Namentlich in der Kunstmetropole Zürich ist das Ergebnis in Stein gehauen: Man hat sich 1958 den Erweiterungsbau für Wechselausstellungen des Kunsthauses von Emil Bührle bezahlen lassen – und ehrt mit dem schönen, lichtvollen Bührlesaal den Spender bis heute.

Denn es ist ja nicht nur die Figur Bührle, Mitglied der Sammlungskommission, die skandalös agierte. Es ist das System Bührle, ein Netzwerk von Pro-Deutschen während des Kriegs, wirtschaftsliberalen und antikommunistischen Zirkeln in der Nachkriegszeit, die einen Bührle erst möglich machten. Einen einzelnen Unternehmer zu verurteilen, fällt allerdings leichter, als die Verantwortung zahlloser Profiteure und Schweizer Persönlichkeiten anzuprangern.

Der Fall Bührle ist der Fall eines opportunistischen Landes

Mit Bankier und ZKB-Präsident Franz Meyer-Stünzi (1889–1962) etwa, ein Spross der alten Limmatprominenz und Zeit seines Lebens für den Trägerverein des Kunsthauses aktiv, teilte der Waffenproduzent nicht nur pro-deutsche Affinitäten, wie der Forschungsbericht Leimgruber der Universität Zürich bestätigt hat. Bührle und Meyer-Stünzi, beides Kunstsammler, schlossen eine «Allianz», um das Zürcher Museum zu stärken. Durch gegenseitige Unterstützung sollte es prosperieren und das erste Haus im Land werden.

Von einem ähnlichen Freundschaftsantrag Bührles wollte das benachbarte Schauspielhaus, Hafen und Fluchtort emigrierter Schauspieler, indessen nichts wissen. Sein Angebot eines Neubaus lehnte man dort höflich ab.

Am Kunsthaus hatte man keine Skrupel. Warum auch? Die Zürcher Honoratioren des rechtsbürgerlichen Lagers im Grossen und Ganzen und selbst General Guisan schätzten mit der Kunstsammlung von Bührle auch dessen unternehmerische Leistungen in aller Welt. Davon profitiert haben der Wirtschaftsstandort und der Bankenplatz Schweiz.

Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke, von Lukas Gloor u. a., Hirmer-Verlag, München, 2021.

Die Sammlung Emil Bührle. Geschichte, Gesamtkatalog und 70 Meisterwerke, von Lukas Gloor u. a., Hirmer-Verlag, München, 2021.

Bild: zvg

Zeugnisse der Liaison zwischen offizieller Politik und dem Unternehmer Bührle finden sich zur Genüge im Bundesarchiv in Bern. Und wer General Guisan, damals ein alter, aber immer noch begeisterungsfähiger Mensch, handwarm erinnern will, vergnüge sich an einer Fotografie, die ihn am 11.12.1953 zu Besuch in Bührles Werkzeugmaschinenfabrik Oer­likon, der grössten Waffenfabrik der Schweiz, zeigt. Der Greis sitzend, der strahlende Entrepreneur stehend, als sei er dessen Schirm und Schutz.

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