Durchscheinend, sanft weisslich oder etwas unangenehm rosarötlich malt Georg Baselitz auf den neuesten Gemälden die Figuren oder Paare. Wie geisterhafte Schemen stürzen sie nach unten, manchmal gar des Kopfes beraubt. Gefährlich, angriffig wirken sie nicht mehr, eher mit sich und einer anderen Welt beschäftigt. «Weiterhin abwärts» heisst es dabei mehrdeutig im Titel. Betont mehrdeutig. Denn die Figuren (aber auch den Wald oder ein ganzes Zementwerk) kopfüber zu malen, ist seit 1969 eines der Markenzeichen, gar das Alleinstellungsmerkmal des Malers. Aber natürlich lässt sich das abwärts auch psychologisch deuten, ist der Künstler doch mit harten Attacken über Politik, Gesellschaft und Kunst aufgefallen und nicht gerade als Optimist aufgetreten. Wer ihm nun in Basel begegnete, erlebte einen charmanten, zufrieden wirkenden Herrn. Gerne lässt er sich – zu seinem 80. Geburtstag am 23. Januar – in der Fondation Beyeler und im Kunstmuseum Basel feiern.

Altersmilder Optimismus und Witz, wer hätte das dem Berserker zugetraut? Denn wilde Kraft, schmutzige Farben, zerrissene Figuren und roh mit der Motorsäge aus den Stämmen traktierte Skulpturen waren doch das Markenzeichen des Ungestümen, des partout Anderssein-Wollenden.

Ein Gang durch die Jahrzehnte

Zum Glück haben Kurator Martin Schwander die 81 Gemälde und Skulpturen in der Fondation Beyeler und Kuratorin Anita Haldimann die 179 Zeichnungen und Grafiken im Kunstmuseum Basel chronologisch geordnet. So lassen sich in diesem tausende Positionen umfassenden Werk aus 60 Jahren sowohl Sprünge wie Konstanz, Entwicklung wie Zirkelschlüsse erkennen.

Aufschlussreich sind die Zeichnungen des 17- bis 21-Jährigen: ein sanft aquarelliertes Reh, ein Kopf à la Rembrandt, Wolken à l Ensor. Da suchte ein Student seinen Weg. Und stürzte sich Hals über Kopf in eine pandämonische Schreckenswelt. Verworfene Schienen führen 1963 durch eine chaotische Zeichnungslandschaft, «Der nackte Mann» liegt mit übergross aufragendem Penis auf dem Tisch, ein Knabe onaniert. Die beiden schmutzig braun-grundigen «Skandalbilder» von 1963, die Baselitz in die Kunstgeschichte katapultierten, bilden den Auftakt. Doch man sollte sich davon nicht zu sehr ablenken lassen. Mindestens so interessant ist die Galerie der Füsse vis-à-vis. Hier erprobte der Maler an einem banalen, wenn auch blutig-gruseligen Sujet, was Farbe und Malerei hergeben. Mit wilden Hieben klatschte er Rot und Weiss und Gelb und ein bisschen Blau neben- und übereinander. Das ist die Basis. Auf ihr baute Baselitz seinen malerischen Kosmos auf: die zerrissenen Helden, die er mit Symbolen als beredte Botschafter bestückte und in den Frakturbildern dann wieder in Stücke haute. Eindringlich und eindrücklich.

Fünf vor zwölf

Dagegen muten die ersten Kopfüber-Porträts als brave Malerei an. Wie zum Ausgleich hat der Maler zur Motorsäge gegriffen: Seine erste grobschlächtige Figur 1979/80, für die Biennale Venedig, überzeugt noch heute. Zum Glück wagte er in den 70ern, direkt mit Fingern und Händen zu malen und wieder die Kunstgeschichte zu konsultieren. Die «Adler», die Beschäftigung mit den Expressionisten (denen er im «Brückechor» ein kongeniales Denkmal setzt) gehören mit den punkigen «Orangenessern» zu den stärksten Serien. Wer hier nicht nur die Fernwirkung beachtet, sondern sich die Pinselhiebe von nahe anschaut, wird an die malerische Erkundung bei den «Füssen» denken.

Das Beharren auf den immergleichen Motiven fasst das Werk trotz malerischen Kehrtwendungen als Ganzes zusammen. Erstaunlich ist trotzdem, wie nahe sich das erste und das letzte Bild der Ausstellung kommen: beides Porträts «W.D». Die Wut, das Zerstören-Wollen von 1959 hat in der Version von 2017 einer expressiven, aber durchaus schönen Farbigkeit Platz gemacht.

Seinen Platz in der Kunstgeschichte muss sich der 80-jährige Baselitz nicht mehr erkämpfen, den hat er. Was ihn nun zu beunruhigen scheint, ist die Endlichkeit des Lebens. Sein monumentales Alter Ego, die Holzskulptur «Meine neue Mütze» von 2003, hält hinter dem Rücken einen Totenschädel, und die Uhr zeigt fünf vor zwölf.

Georg Baselitz Fondation Beyeler und Kunstmuseum Basel, bis 29. April.