Coronavirus

Konzertbesucher bleiben bei Ticketcorner auf Karten sitzen: «Tickets können grundsätzlich nicht zurückgegeben werden»

Guns'N’Roses hätte im Juni im Stade de Suisse in Bern rocken sollen. Jetzt ist das Konzert auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Guns'N’Roses hätte im Juni im Stade de Suisse in Bern rocken sollen. Jetzt ist das Konzert auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Gekauft ist gekauft. Auch wenn Konzerte auf unbestimmt verschoben sind, gewährt der Tickethändler keine Rückerstattung. Das widerspricht gemäss Konsumentenschutz der geltenden Rechtslage.

Der Frust war gross, als der Bundesrat verkündete, dass mindestens bis Ende August alle Grossveranstaltungen mit über 1000 Zuschauern abgesagt sind. Schliesslich hatte man sich die Tickets Monate im Voraus gekauft – etwa für Guns'N’Roses im Juni in Bern, für Faith No More im Juli in Zürich-Oerlikon oder für Helge Schneider Ende Mai in Basel. Seither haben sich einige Leser bei dieser Zeitung gemeldet, weil auf den entsprechenden Portalen noch immer Tickets für die abgesagten Events angepriesen wurden. Mit einer gewissen Verzögerung haben die Tickethändler nun aber ihre Websites auf den aktuellen Stand gebracht und die gecancelten oder verschobenen Daten weitestgehend in ihre Agenden übernommen.

Was also mit den Tickets tun, wenn die Veranstaltung nicht wie geplant stattfindet? Bei Ticketcorner, einem der grössten Händler der Schweiz, findet man auf der Suche nach Informationen vor allem eines: noch mehr Frust. So liest man auf der Website diesen Satz: «Die von Ihnen gebuchten Tickets behalten Gültigkeit für das Verschiebedatum und/oder einen neuen Veranstaltungsort und können grundsätzlich nicht zurückgegeben werden.»

Der Kunde hat einen Rückerstattungsanspruch

Gekauft ist gekauft. Auch die folgenden Erläuterungen lassen keinen Zweifel daran, dass man es bei Ticketcorner mit dem «grundsätzlich nicht zurückgeben» ernst meint: Tickets bleiben gültig, selbst wenn noch kein Verschiebedatum gefunden wurde. Anders formuliert: Wer sein Ticket nicht behalten möchte, weil er am neuen Termin nicht kann (in manchen Fällen liegt dieser bis zu 1 Jahr nach dem ursprünglichen Termin), hat Pech gehabt. Ebenso jene, die nicht zuwarten wollen, bis ein neuer Termin kommuniziert wird. Für Cécile Thomi, Leiterin Recht bei der Stiftung für Konsumentenschutz, steht dieses Gebaren in klarem Widerspruch zur Rechtslage: «Nach unserer Meinung hat der Kunde einen grundsätzlichen Rückerstattungsanspruch, wenn die Veranstaltung nicht so stattfindet wie ursprünglich vorgesehen», sagt sie auf Anfrage. Das gelte sowohl bei abgesagten als auch bei verschobenen Veranstaltungen. Diese Ansicht sei mehrfach von Konsumentenrechtsexperten bestätigt worden.

Bei Ticketcorner wollte man trotz mehrfacher, über eine Zeitspanne von drei Wochen angebrachter Anfragen keine Stellung beziehen. Mit Verweis auf die Flut von Absagen und Verschiebungen wird man beim Kundendienst vertröstet: «Ihr Anliegen ist aktuell noch in Abklärung mit dem Veranstalter», heisst es hier – selbst wenn man sich als Journalist zu erkennen gibt und konkrete Fragen stellt. Diese Unklarheit steht im Kontrast zu den deutlichen Anweisungen, die auf der Website weiter kommuniziert werden.

Interessant ist hier auch ein Satz zur optionalen Versicherung, die beim Kauf eines Tickets abgeschlossen werden kann: «Haben Sie eine Ticketschutzversicherung abgeschlossen und sind Sie am neuen Datum aus bereits vorgängig bekannten und versicherten Gründen verhindert, erhalten Sie den Ticketpreis zurückbezahlt.» Es könne zwar sein, dass gewisse AGB des Ticketverkäufers oder des Veranstalters entsprechend formuliert seien, erklärt Cécile Thomi. Jedoch verbiete das Gesetz zu einseitige AGB zu Lasten des Konsumenten. Ein Gerichtsurteil könnte sich über die Frage aussprechen, ob bei einer Verschiebung allenfalls kein unbedingter Rückerstattungsanspruch bestehe. Vorstellbar wäre allenfalls, dass der Konsument dann «auf unkomplizierte Art und Weise erklären» müsse, dass er am neuen Datum verhindert ist, um die Ticketkosten zurückzuerhalten. Solange aber keine entsprechende Rechtsprechung besteht, gehe der Konsumentenschutz vom unbedingten Rückerstattungsanspruch aus. Das Angebot, den Ticketkauf gegen Aufpreis zu versichern, erachtet Thomi im Falle einer Verschiebung, die nicht vom Kunden ausgeht, als sinnlos: «Hier wird mit einer Ticketversicherung ein Anspruch versichert, der ohnehin bereits von Gesetzes wegen gegeben ist.»

Tickets lassen sich kaum weiterverkaufen

Doch Ticketcorner hält auf seiner Website auch Tipps bereit, wie sich der Kunde nun verhalten könne: Zum einen empfiehlt der Händler, zu prüfen, «ob eine Ihrer anderen Versicherungen (z.B. Reise- oder Hausratversicherung) den Ausfall deckt». Zum anderen verweist Ticketcorner auf die hauseigene Wiederverkaufsplattform www.fansale.ch, um die gekauften Billette privat los zu werden. Auch hierzu findet Thomi deutliche Worte: «Auch via Weiterverkaufsplattformen können grundlegende Rechtsansprüche nicht ausgehebelt werden.» Zudem biete das keine grosse Hilfe: «In der momentan unsicheren Situation lassen sich Tickets für Grossveranstaltungen kaum weiterverkaufen – unabhängig vom Verschiebungsdatum.»

Abschliessend führt Cécile Thomi an, dass die Coronakrise der Kultur- und Veranstaltungsbranche stark zusetze und daher auch von Kundenseite her «eine gewisse Flexibilität» gefragt sei. Das bedeute aber nicht, dass man auf grundlegende Rechtsansprüche verzichten müsse, wenn man zum Beispiel ein Verschiebungsdatum nicht annehmen könne oder wolle: «Wir raten den Kunden, bei solchen Ansprüchen hartnäckig zu bleiben und wiederholt nachzuhaken.»

Nachtrag: Gemäss Urs Wyss, Chief Sales Officer bei Ticketcorner seien «aktuell rund 1/4» der verkauften Tickets rückerstattet worden. Es gäbe dabei je nach Fall Varianten der Rückerstattung: vollständige Rückerstattung, während einem Zeitfenster, mit Abzug oder gegen Voucher. Auf der Homepage, bei Anfrage beim helpcenter sowie in Mails, die über Verschiebedaten informieren, liest man indes weiterhin den Satz: «Tickets können grundsätzlich nicht zurückgegeben werden.»

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