Neubad Luzern: Kontraste halten die Triotage lebendig

Zarter Pop, Minimal-Music und Noise-Experimente haben den ersten Abend der Triotage erhellt und verdüstert. Ein cooles Festival geht heute zu Ende.

Pirmin Bossart
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East Sister bei ihrem Auftritt am Donnerstag im Neubad. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 21. Februar 2019))

East Sister bei ihrem Auftritt am Donnerstag im Neubad. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 21. Februar 2019))

East Sister ist ein schöner Name. Er klingt verträumt und geheimnisvoll. Eine unbewohnte Insel namens East Sister liegt in der Andaman Sea zwischen Burma und Indien, eine weitere auf dem Erie See bei Ontario. Ein Trio namens East Sister hat am Donnerstagabend die Triotage im Neubad eröffnet. Ihre Musik war etwas brav. Aber sie machte Lust, von Inseln zu träumen.

Laura Schenk (Keyboards, Gesang) und Amadeus Fries (Schlagzeug) aus Luzern und die Genferin Lorraine Dinkel (Gitarre, Gesang) haben sich an der Musikhochschule Basel kennen gelernt. Bisher haben sie zwei EPs veröffentlicht. Der schmale Output zeugt von Reduktion und Sorgfalt, die auch ihre Musik prägen. East Sister blenden nicht mit Stromstössen und Performancegetöse. Sie sind eher Traumwandler. Die Songs sind zart gewoben. Schlicht werden sie interpretiert.

Atmosphärische Popstimmen

Stärker als an handelsüblichen Dream-Pop, der mehrheitlich nur langweilt, erinnern East Sister an eine englische Neunziger-Pop-Psychedelia-Band wie Broadcast oder an noch frühere Wave-Pop-Bands. Die Gitarre legt atmosphärische Texturen mit einzelnen melodischen Tupfern. Klanglich dominanter sind die Tasten- und Synthiebeiträge. Eine wichtige Rolle spielt der Schlagzeuger. Er schärft die Strukturen und verleiht dem Geschimmer einen Körper.

Doch die eigentliche Überraschung bei East Sister sind die Stimmen und wie sie eingesetzt werden. Ein zarter Harmoniegesang mit melancholischen Texturen. Zum einen hangeln sich die Stimmen melodisch nicht dem üblichen Popsingsang entlang, sondern finden eigene und entrückte Wege, sich ins Ohr zu prägen. Zum anderen überlagern sie sich, treffen sich im Unisono oder folgen sich versetzt. Es sind solche Schattierungen, die diesem atmosphärischen Pop die Akzente verleihen.

Das Festival im Neubad, das um Mitternacht noch im Kellerlokal an der Industrie 9 eine Fortsetzung findet, lebt von Kontrasten und Überraschungen. Das Menü ist abwechslungsreich programmiert und scheut sich nicht, stilistisch völlig diverse Ausdrucksweisen aufeinanderfolgen zu lassen. Nach dem träumerischen Abtauchen mit East Sister im Kellerklub folgte zwei Stockwerke höher ein glasklares Eintauchen mit dem Marimba-Trio und ihrer Minimal-Music im Pool.

Die Marimbafone waren in der Mitte des Pools im Dreieck aufgebaut, drei komplex konstruierte Perkussionskörper mit insgesamt 183 Holzplatten. Die weichen und dunklen Klänge der sanften Ungetüme mit ihrem Nachhall erzeugten sofort eine Atmosphäre. Dazu kam die Meisterschaft, mit welcher Mats Eser, Lorenz Haas und Jean-Lou Trebou mit ihren Schlägeln und Doppelschlägeln über die klingenden Holzplatten wirbelten.

Minimal-Music- Marimba-Texturen

Das Trio fokussierte sich auf Minimal-Music-Kompositionen von Mats Eser. Sie bestehen aus rhythmischen Patterns, die repetitiv angespielt und sukzessive mit minimalsten Verschiebungen verändert werden. Dadurch geraten die Patterns in einen Zyklus von rhythmischen Überlagerungen, die fortlaufend mit neuen Nuancen der Verschränkung ins Ohr perlen. Die Faszination besteht darin, wie hochpräzise die Spieler agieren (müssen), damit die mathematisch-getakteten Strukturen wie flüssig werden und sich jenseits blanker Virtuosität eine Freude des Zuhörens einstellt.

Klangstrom im Kellerklub

Für das letzte Trio des Abends wechselte das Publikum nochmals in den Kellerklub, wo wieder eine ganz andere Saite aufgezogen wurde: Das Set der Formation «Liebeslied» wurde nicht zu einem mitternächtlichen Minnegesang, sondern schön experimentierfreudig und brachial angerichtet. Mit Analogsynthesizer, Schlagzeug und Gitarre kreierten die in Berlin lebenden Noise-Nerds Jan Sutter (electronics), Nico von Wersch (g) und Michael Anklin (dr, electronics) einen Klangstrom mit monochromen Texturen, scharfen Partikeln, repetitiven Mustern, technoiden Basspulsen, diffusem Geflacker und einigen genialen Momenten. Er mäanderte dahin, ohne dass er je wirklich in den versprochenen Raum durchbrach oder transzendierte. Am Ende war es vielleicht doch ein etwas scharfer Schnitt, um sich nach dem präzise durchgetakteten Marimba-Lounge-Sound sofort wieder von diesem verspielt-improvisierten Sound-Gefrickel der krautigen Noise-Jünglinge reinziehen lassen zu können. Was soll’s. Es leben die Kontraste.

Die Triotage gehen heute Samstag, 23. Februar 2019, zu Ende:
Neubad: 20.30 Uhr Trio Süd (Marie-Cécile Reber/Patricia Bosshard/Valeria Zangge), 21.30 La Force (Montreal), 22.30 Uhr Loher/Troller/Sartorius.

Industrie 9: 24 Uhr La Truffa (Lionel Friedli/Louis Schild/Abstral Compost).

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