Kommentar
Adolf Muschgs Auschwitz-Vergleich ist eine grundsätzliche Kritik an Selbstgefälligkeit – und eine Schweizkritik

Wie kommt einer der Grossintellektuellen der Schweiz zu einem Satz wie «Diese Canceling Cultur ist eine Form von Auschwitz»? So schockierend Adolf Muschgs Satz in der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» auch sein mag: Sie ist vor allem eine Warnung vor zu viel Selbstgerechtigkeit und ist aus dem Wirken des Autors erklärbar.

Hansruedi Kugler
Hansruedi Kugler
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Adolf Muschg - «Sternstunde Philosophie».

Adolf Muschg - «Sternstunde Philosophie».

Screenshot / Aargauer Zeitung

Über Adolf Muschgs Satz «Diese Canceling Culture, die wir heute haben ... das ist im Grunde eine Form von Auschwitz» in der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» sind viele erschrocken. Die Empörung darüber wird auch nach Muschgs gestrigen Erklärungen gegenüber unserer Zeitung nicht wesentlich abnehmen. Wenig ändert wohl auch seine Präzisierung, er habe ja keinen Vergleich gezogen, sondern eine ihn beunruhigende Frage gestellt: Nämlich, wohin das Ausschliessen von Menschen aus dem humanen Diskurs führe. Diese radikale Stigmatisierung von Anderen finde er bedrohlich – gerade im Blick auf das Abstempeln von Juden nicht nur im Dritten Reich. Deshalb entschuldige er sich auch nicht für das Reizwort Auschwitz.

Das Leiden an der ignoranten Schweizer Nachkriegsgeschichte

So schockierend seine Aussage auch scheint, und so unverhältnismässig sie für die vermeintliche Cancel Culture innerhalb des von ihm erwähnten feministischen und rassistischen Diskurs sein mögen: Adolf Muschgs Gedanke hat eine innere Logik und lässt sich zurückführen auf seine beissende Kritik an der «Selbstgefälligkeit» der offiziellen Nachkriegsschweiz. Als der damalige Schweizer Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz 1996 an die Schweizkritiker den spöttischen Satz richtete «Manchmal, wenn ich einigen zuhöre, frage ich mich, ob Auschwitz in der Schweiz liegt», reagierte Muschg mit mehreren zornigen Artikeln, die er dann im Büchlein «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt» zusammengefasst hat.

Was, wenn Hitler die Schweiz erobert hätte?

Muschg provozierte damals mit seinem Gedankenexperiment die Frage, was geschehen wäre, hätte Hitler die Schweiz überfallen und erobert. Kollaboration oder Widerstand? Oder konkret und drastisch formuliert: Wären Schweizer Juden in Auschwitz ermordet worden? Hätten Schweizer als Helfer in Auschwitz mitgemacht? Gewiss, eine Furcht einflössende Fantasie. Andere Länder um uns herum hatten diese Erfahrung machen müssen. Dass die Schweiz nach dem Weltkrieg gerne eine weisse Weste vor sich hertrug, kritisierte Muschg - wie viele andere auch.

Die Schweiz halte sich fern und sei selbstgefällig

Dass die Schweiz mit Nazideutschland Gold und Waffen handelte, sei zwar aus der Not heraus verständlich. Aber dass die Schweiz nachträglich die Mitschuld am Bestehen des Naziregimes verneint habe - und damit auch das Ermöglichen des Holocaust, finde er beschämend. «Wir haben an der Tötung eines Volkes mitgewirkt und daran verdient», schrieb Muschg 1996 in einem Artikel in der «Zeit», und goss diese Haltung in den Begriff der «Teilnahmsferne». Seine Vergleiche aber waren damals so heikel wie die jetzigen. In der Nichtteilnahme der Schweiz an der EU ortete er eine solche «Teilnahmsferne», eine überhebliche Haltung, von der aus man mit dem Finger auf die Widersprüche und Konflikte der anderen zeigen könne, die einem aber nichts angehen würden.

Niemand solle sich einreden, er würde nie zum Täter, Mittäter oder Mitläufer

Deshalb ist Muschgs Provokation mit dem Auschwitz-Vergleich damals wie heute als eine politische Kritik an einer selbstgefälligen Position des vermeintlich Unschuldigen zu verstehen. Dies durchaus in einem umfassenden Sinne: «Das Grauen von Auschwitz liegt nicht darin, dass es am unvorstellbaren Ende jeder Zivilisation liegt, sondern in der vorstellbar gewordenen Mitte einer jeden.» Muschgs Anliegen kann man also so verstehen: Niemand soll sich einreden, er würde nie zum Täter, Mittäter oder Mitläufer werden. Und die Selbstachtung gebiete es, dies auch einzugestehen. Man braucht sich übrigens ja nur wieder einmal an Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» zu erinnern, um in Muschgs Argument einen berechtigten Stachel zu erkennen.

Cancel Culture - sie existiert real eben eher in Diktaturen

Nur ist es wohl das Schicksal differenziert und dialektisch argumentierender Intellektueller, dass sie gelegentlich in ihren Äusserungen als nur in ihrem abgeschlossenen Diskurs drehend wahrgenommen werden. Dass sie also unverständlich werden und sich missverstanden fühlen. Denn wer von Cancel Culture redet, und dabei feministische Diskurse kritisiert, in denen es natürlich auch selbstgerechte Stimmen gibt, sollte sich vielleicht besser die realen Beispiele von Cancel Culture vornehmen. Davon gibt es nämlich legitime und scheussliche Beispiele. So erhält wohl zurecht kein Holocaustleugner eine Einladung einer Schweizer Universität, weil sie damit einen Verschwörungsdiskurs von Neonazis legitimieren würden. In der Türkei aber landet im Gefängnis, wer den Tod von Hunderttausenden Armeniern als Völkermord bezeichnet, in China wird die regierungskritische, nun oscargekrönte chinesische Regisseurin Chloé Zhao totgeschwiegen.