Kolumne
«Glamour, mon amour»: Wie ich Sissi suchte und Ischgl fand

Unsere Autorin Simone Meier träumte vom Kaffeehaus, Sissi-Strudel und Franzl-Likör. In Ischgl fand sie all das nicht – dafür eine Portion Einsicht und Pragmatismus.

Simone Meier
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Ein Kellner der Après-Ski-Bar wurde als Erster im Ort positiv auf Corona getestet. Seitdem ist das Restaurant weltbekannt.

Ein Kellner der Après-Ski-Bar wurde als Erster im Ort positiv auf Corona getestet. Seitdem ist das Restaurant weltbekannt.

Bild: Keystone

Ich war mit einer sehr kleinen Reisegruppe in Österreich. Und weil das Wetter am ersten Tag unseres Ausflugs nicht wanderwürdig war, schlug ich einen Ausflug nach Ischgl vor. «Da hat Sissi den Franzl kennen gelernt», sagte ich und befand mich innerlich bereits in einem idyllischen Kaffeehaus, das Sissi-Strudel und Franzl-Likör servierte.

Meine kleine Reisegruppe schaute mich sehr skeptisch an und entgegnete: «Nun, Ischgl war in seiner jüngeren Geschichte ja vor allem als Einfallstor für Corona bekannt, das Virus kam doch aus dieser Bar namens Kitzloch und so, aber wir sind gespannt, du wirst uns die Hinterlassenschaften von Sissi und Franzl schon zeigen.»

Auf dem Weg nach Ischgl googelte ich wie verrückt auf meinem Handy die Begriffe «Ischgl», «Sissi» und «Sisi», wie die Kaiserin lang vor den «Sissi»-Filmen hiess. Das erste Suchresultat lautete: «Auf Sissis Spuren in Bad Ischl.» Das nächste: «Bad Ischl wird für Sisi zur Stadt ihrer Herzensangelegenheiten und extremsten Gefühlswelten.» Gut. Ischl in Oberösterreich also. Nicht Ischgl in Tirol.

Nachdem ich bereits in der letzten Kolumne gestanden hatte, dass ich als Kind jahrelang glaubte, Lausanne liege in Frankreich, ist dies also ein erneutes Zeugnis meines dysfunktionalen Gespürs für alles Geografische. Meine letzte Kolumne bekümmerte meine Eltern übrigens sehr, als Tochter einer Lehrerin und eines Lehrers, fanden sie, hätte ich meine Schweiz auch als Kind besser kennen sollen. Das stimmt.

Doch zurück nach Ischgl. Wir sahen das «Kitzloch» und das «Fuchsloch» und ein Stadl ums andere und das Ortsmotto «Relax if you can». Es regnete. Eine schwere Depression schlich durch die Strassen und fixierte uns mit müden trüben Augen. Wir befanden uns mitten im Albtraum der Alpenlandschaftsverschandelung. Holzhütten und Betonbunker waren ineinander verkeilt, es gab nichts, was man gerne angeschaut hätte.

Aber darum ging es auch nicht, ich weiss, Ischgl ist nichts als der Talboden eines Skigebiets, das, so versicherten uns die Einheimischen, atemberaubend sein soll. Ischgl selbst ist einzig zum Schlafen, Essen und – Pardon – Saufen da und wirkt, als hätte ein Kinderengel seine ekligsten Spielzeugklötze alle auf den gleichen Haufen geschmissen. Zugeben müssen wir allerdings, dass uns eins der wenigen zwischensaisonal geöffneten Cafés vorzüglichen Kuchen servierte.

Unser Covidzertifikat wurde in Österreich übrigens auch auf jeder Aussenterrasse und im Hotel zuverlässig und eisern kontrolliert, und uns begegnete niemand, der dagegen mit Kuhglocken oder Aberglauben demonstriert hätte. Ohne Zertifikat, das war allen klar, gibt’s weder Gastronomie noch Hotellerie und erst recht keine Wintersaison. Es herrschten da Einigkeit, Einsicht und ein Pragmatismus, von dem wir gerne ein paar Liter in Flaschen abgefüllt mit nach Hause genommen hätten.

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