Die Götter müssen verrückt sein. Warum sonst begünstigen sie den machtbesessenen Kaiser Nero und seine Geliebte Poppea, während diese rechts und links Unschuldige und Halbunschuldige niedermähen wie frisches Gras? Vielleicht sind die Götter (gesungen vom entzückenden Trio aus Jake Arditti, Florie Valiquette und Hamida Kristoffersen) gar nicht verrückt. Sondern sie kennen sich bloss nicht mehr aus in einer Welt, deren einzige Währung aus Knarren, Klunkern und Körbchengrössen besteht.

Zumindest Letzteres ist auch die Domäne von Poppea (Julie Fuchs). Und die weiss sie geschickt einzusetzen. Schliesslich geht es darum, Kaiserin von Rom zu werden. Da ist so ’n bisschen Körpereinsatz das Mindeste, was frau dafür leisten kann (MeToo wird erst 2000 Jahre später zum Thema werden). Doch selbst als Geliebte von Kaiser Nero ist es zum Kaiserinnenthron ein steiniger Weg. Denn dummerweise ist Nero bereits verheiratet, noch dümmererweise ist Poppea ebenfalls liiert und allerdümmsterweise ist da auch noch der Philosoph Seneca, der Nero mit seiner Fragerei nach der Moral auf der Pelle liegt. Aber keine Bange, bald schon darf Seneca seine Moralvorstellungen im Jenseits kundtun.

Bieito hat Blut geleckt

Was Komponist Claudio Monteverdi vor 375 Jahren auf die Opernbühne malte, ist ein irres Karussell der Eitelkeiten, gespickt mit Sex, Gold und Blut. Viel Blut. Und wo auf einer Opernbühne viel Blut im Spiel ist, da ist auch Calixto Bieito nicht weit. Der Skandalregisseur hat sich einen Namen gemacht mit so klugen wie krassen Inszenierungen, bei denen Körpersäfte aller Art sich kunstvoll mischten. Dass der Spanier dabei das Budget an Theaterblut um ein Vielfaches sprengte, verzieh man ihm gerne. Denn bei Bieito wurde Oper im wortwörtlichen Sinn «brutal schön».

Mittlerweile ist der Regisseur 55 und hat seine Jahre als junger Wilder hinter sich. Aber aussergewöhnliche Ideen – die hat er immer noch. Also inszeniert er «L’Incoronazione di Poppea» auf einem runden Catwalk vor der Bühne (Bühnenbild: Rebecca Ringst). Hallo Eitelkeiten! Hallo Selfie-Zeitalter! Diesmal ist Bieitos Ästhetik very Baz Luhrmann («Romeo + Juliet»). Da flimmerts und schimmerts, was die Scheinwerfer hergeben. Da werden die Geschlechter durcheinandergewirbelt. Und da treffen sich George Michaels «Too Funky» und Hip-Hop’sche Political Incorrectness zur opulenten Party.

Denn dass das Leben eine Party ist, ist allen um Nero klar: «Das Gesetz ist für die Dienenden», stellt der Kaiser trocken fest. Die Herrschenden amüsieren sich derweil. Und was wäre eine Party ohne Rausch und Nervenkitzel? Da kann es schon mal passieren, dass Nero im Liebesrausch gleich noch den knackigen Soldaten mit sonorer Stimme (Thobela Ntshanyana) vernascht.

Der Ausrutscher ist schnell eliminiert – mitsamt dem Vernaschten –, während über eine Vielzahl an Leinwänden Clips mit Close-ups flimmern. Noch nie hat man Opernsänger so hautnah gesehen. Und noch nie so hautnah gehört. Singen sie doch für einmal mitten im Saal – der Effekt ist XXL: Schönes wird dadurch noch schöner. Und – Ironie des Schicksals – ausgerechnet die Verlierer der Geschichte werden dabei zu strahlenden Siegern: Stéphanie d’Oustrac mag als Neros Gattin Ottavia handlungstechnisch die Betrogene sein. In den Ohren des Publikums ist sie unumstrittene Königin des Abends, mit einer Stimme, die in jeder Lage förmlich leuchtet und selbst im Piano mit Farbenreichtum betört. Auch Nahuel di Pierro dankt als Seneca vorzeitig ab, bleibt jedoch mit seinem grandios sonoren Bass dem Publikum noch lange im Ohr. Wenn Nero ihm nicht zuhören mag, ist er der Einzige im Saal.

Erotisch verhaucht

Bloss, warum wurde ausgerechnet die Rolle des Nero mit einem Countertenor besetzt, der zwar die stimmliche Ekstase, nicht aber Feinheit und Wärme beherrscht? Vielleicht, weil David Hansens überspannte Interpretation zum völlig haltlosen Herrscher passt? Sein Gegenüber Poppea hat da eindeutig mehr Nuancen vorzuweisen. Sopranistin Julie Fuchs gelingt ihr Zürcher Debüt mit viel Klangschönheit, welche sie oft und gerne in den Dienst des Theaters stellt. Etwa wenn sie ihren Sopran erotisch verhaucht oder erregt überschlagen lässt. Auch Dirigent Ottavio Dantone und das Barockorchester La Scintilla haben in Sachen Theatralität einiges zu bieten. Und während sie aus dem Orchester-Rund ohne jede Geziertheit drei Stunden Monteverdi swingen, flimmern über die Leinwände opulente Bilder voller Schrecken und Schönheit: Da werden Pulsadern geöffnet (von Seneca), Augen gerollt (von Nero), Diamanten gelutscht (von Poppea) und Gold gekotzt (von Drusilla). Das ist Oper at it’s best.

L’Incoronazione di Poppea 27.6., 30.6., 3.7., 5.7., 8.7. und 12.7. Opernhaus Zürich