Klischees
Optischer Wandel in der Opernwelt: Was ist aus den dicken Primadonnen und Tenören geworden?

Regisseure bestimmen heute, wer auf der Bühne steht. Das hat Auswirkungen auf den Typus der Künstlerinnen und Künstler.

Christian Berzins
Drucken
Jane Eaglen sang etwa zehn Jahre lang an den grössten Häusern schwierige Wagner-Partien: Hier die Isolde im Jahr 1999 in New York.

Jane Eaglen sang etwa zehn Jahre lang an den grössten Häusern schwierige Wagner-Partien: Hier die Isolde im Jahr 1999 in New York.

Bild: Keystone

Im Sommer 2019 gab es bei den Salzburger Festspielen dicke Luft. Eine amerikanische Sängerin wollte in einer Kritik gelesen haben, dass sich ein Journalist über ihre Leibesfülle beklagt hatte. Das stimmte zwar nicht, aber der Aufschrei war gross, die Diskussion über Bodyshaming heftig.

Bianca Castafiore aus dem Comic

Bianca Castafiore aus dem Comic

Bild: Fair Use

Und das ausgerechnet in der Oper, wo das Klischee der üppigen Sängerinnen sich bis heute hält. Es wurde in schlechten Filmen und auch im Comic «Tim & Struppi» gefeiert: Bianca Castafiore verkörpert dort das ­Klischee der Operndiva perfekt.

Interessanterweise waren alle weltberühmten Castingshow-Stars, die auch nur ein wenig nach Oper klangen – Susan ­Boyle, Paul Potts oder Jonathan – eher rundlich. Das passte perfekt zum Image: Sieht aus wie eine Garage (Boyle über sich selbst) und singt wie ein Engel (gewisse Leute über Boyle).

Das Bild hat völlig gedreht (siehe Artikel hier), so sehr, dass der Luzerner Tenor Mauro Peter im «Tages-Anzeiger» klagte, dass die Oper nur verliere, wenn man mit der Popbranche oder dem Modelbusiness konkurriere. Aber der Trend dazu sei da. Sänger würden heute ganz anders fotografiert, und klar sei:

«Wenn man zwei gleich gute Sänger hat, dann nimmt man den, der fotogener ist.»

Und er klagte an: «Es interessiert mich nicht, wie oft ein Sänger oder eine Sängerin ins Fitness geht oder wie gut er oder sie mit Insta-Filtern umgehen kann. Bei uns steht etwas anderes im Zentrum: die Musik, die Stimme, die Geschichte, die wir erzählen.»

Die Primadonna mit den Elefantenbeinen

Beim Anmeldeformular fürs Internationale Opernstudio des Zürcher Opernhauses werde mittlerweile nicht nur nach der Stimmlage der Nachwuchssängerinnen und -sänger gefragt, sondern auch nach der Grösse und dem Gewicht.

«Primadonna mit Elefantenbeinen!» wurde allerdings schon der Jahrhundertfigur Maria Callas (1923–1976) nachgerufen. Sie wog einst über 90 Kilo. Doch dann sah sie Audrey Hepburn, nahm 28 Kilo ab und wurde zur Stil-Ikone.

Nicht alle Sängerinnen wollten das tun. Die grandiose, rundliche Sopranistin Eileen Farrell (1920–2002) sang in den 1960ern nur selten auf der Opernbühne, zog sich bald ganz zurück und lehrte nur mehr Gesang. Farrell betonte auch immer wieder, dass ihr die Familie wichtiger als die Karriere war. «Leider» muss man als egoistischer Stimmenfreund sagen, denn eine solche Stimme hört man alle 40 Jahre.

Die Stadttheater geben den Trend vor

Dicke Sänger aber blieben den Bühnen erhalten, ja, sie wurden ein Topos der Opernwelt, hielten sich bis etwa ins Jahr 2000. Luciano Pavarotti, Jessye Norman, Sharon Sweet, Ben Hepp­ner, Jane Eaglen, Alessandra Marc oder Deborah Voigt sangen alle an den Tophäusern.

Doch rasch war das vorbei. 2014 schrieb die englische Presse über eine füllige Interpretin des Oktavian (ein von einer Frau gesungener Jüngling im «Rosenkavalier»), was alle dachten: Sie ist zu dick für die knabenhafte Hosenrolle.

Es ist nicht so, dass nur die grossen Bühnen nach Typ casten. Die Veränderung kam von unten – von den Stadttheatern. Wenn die jungen Künstler dort schon nicht so sangen wie Anna Netrebko, sollten sie wenigstens so aussehen. Und da Regisseure bei den Besetzungen bis hinauf zu den Salzburger Festspielen mehr mitspielen als Dirigenten, ist auch dort kaum mehr eine füllige Sängerin zu sehen. Sehr oft leiten Regisseure gar die Opernhäuser.

Heute wird schon gemurrt, dass Anna Netrebko nicht mehr so dünn ist. Und prompt zeigt die Konkurrenz ihre körperlichen Vorteile auf Instagram. Die beste Sopranistin der Welt bleibt die Russin dennoch.

Aktuelle Nachrichten