Die Wege von einem Kunstort zum anderen in Baden sind kurz, die drei Ausstellungen mit aktueller Schweizer Kunst im Kunstraum, Trudelhaus und in der Galerie 94 allerdings so unterschiedlich wie Altstadt, Bahnhof-Quartier und Merker-Areal. Sie versetzen einen nochmals in je eigene Welten – und sind gutes Futter für Auge und Hirn.

Dunkelkammer Trudelhaus

Am krassesten empfindet man als Besucherin den Bruch mit der Realität in der Galerie im Trudelhaus. Man taucht vom sonnenbeschienenen Kirchplatz ein ins Halbdunkel. Die Wände sind dunkel gestrichen, einzig aus den Zwischenräumen hinter den Metallsäulen, die abgelöst von den Mauern die Böden tragen, ringeln sich grellweisse LED-Bahnen über alle drei Stockwerke und machen die eigenwillige Architektur zum Hauptdarsteller.

Michael Günzburger und Sara Burger haben sich zum Ziel gesetzt, dem Bau, dem Material Gips und der Flüchtigkeit bildnerisch auf den Grund zu gehen. Ihre theatralische Inszenierung lässt die Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk anklingen, die einzelnen Werke sind gleichzeitig Protagonisten wie Stimmungsträger im Dienst des Ganzen.

Michael Günzburger baut aus Gips Relieflandschaften.

Michael Günzburger baut aus Gips Relieflandschaften.

Geisterhaft muten die digitalen Collagen, Überblendungen von Handszenen aus der Kunstgeschichte mit ihren eigenen Händen, von Sarah Burger an. Kaum mehr enträtselbar sind ihre dunkeln Prints. Was wie planetarische Welten aussieht, ist das Resultat von Tüfteleien der Künstlerin, wie sich Seifenblasen zu Bildern verarbeiten lassen.

Punkto Experimentierlust steht ihr Michael Günzburger nicht nach – wie käme er sonst auf die Idee, grosse Gipsplatten zu giessen und sie durch die Druckerpresse zu quälen. Näherliegend ist seine Idee der wuchtigen, wilden Landschaften ähnelnden Gipsreliefs.

Sara Burger vereint in ihren digitalen Collagen Hände aus der Kunstgeschichte mit ihren eigenen.

Sara Burger vereint in ihren digitalen Collagen Hände aus der Kunstgeschichte mit ihren eigenen.

Helle Schönheit in der Galerie 94

Der Wechsel ins Merker-Areal, in die Galerie 94 bringt uns ans Licht. Ruth Maria Obrist hat im grossen Saal über der Spedition eine dichte Werkschau gehängt. Wie ein magisches Band zieht ihr «Ölteppich» aus Bitumen mit eingestanzten Kriegsschiff-Silhouetten unsere Blicke in den Raum mit älteren Arbeiten: mattschimmernde Würfel, halbtransparente Objekte, Malereien, die an den amerikanischen Expressionismus erinnern oder ein Wandobjekt aus Messingplatten, in das unregelmässig-regelmässig Löcher gestanzt sind.

«Die Löcher entsprechen Primzahlen», erklärt Ruth Maria Obrist. «Ich mag diese verqueren Zahlen, generell Mathematik.» Gleichzeitig lobt sie Wärme des Messings wie auch die Raffinesse ihres Lieblingsmaterials Weissleim. Dieser profane Leim ergibt wundersam perlmuttern leuchtende Oberflächen. «Es ist wunderbar, wie beim Trocknen untere Schichten wieder sichtbar werden oder die Nägel, mit denen ich die Würfel zusammengefügt habe als rostrote Farbpunkte erscheinen.»

Schichten, stapeln, auftropfen ist ihr Prinzip, Experimentierlust ihre Triebfeder. Ob Kleberli in Paris, gelber Karton in Prag oder Teer als Erinnerung an verschmutzte Füsse am Strand: Stets gelingt es ihr, den Materialien vielfältige Erscheinungsformen abzugewinnen. Ihr neuestes Malmittel ist Mercuchrom. Das warme Orange habe sie nach der dunklen Teer-Phase gelockt. Dass es sich auf Leim-Oberflächen zu lebendiger Schönheit entfaltet, ergibt einen schönen Widerspruch zu seinem eigentlichen Zweck als Desinfektionsmittel.

Psycho-Dramen im Kunstraum

Nicht körperlichen, sondern seelischen Wunden und Abnormitäten gilt Istvan Baloghs Interesse. Auf Zierteller an der Wand präsentiert er Bilder einer hysterischen Patientin, und Sigmund Freud ehrt er mit einer Serie «Vatermörder»: weissen Hemdenkragen also, die einen die Luft abschnüren.

Istvan Balogh lässt eine Schildkröte in «Entschleunigung» ein Museum besuchen.

Istvan Balogh lässt eine Schildkröte in «Entschleunigung» ein Museum besuchen.

In Videos serviert er Geschichten, die man konfabulierend selber weiterspinnen kann: über seinen manisch sammelnden Onkel oder eine Konservatorin, die sich blind durch die Sammlung antiker Gipse tastet. Besonders ulkig wirkt sein Video «Entschleunigung», in dem eine Schildkröte durch das Kunstmuseum Basel tappt und die Besucherinnen und Besucher mehr zu irritieren scheint als die geisterhaften Gemälde von Johann Heinrich Füssli.

Michael Günzburger/Sarah Burger: «Kaltschale» Galerie im Trudelhaus Baden, bis 7. Juli.

Istvan Balogh: «Konfabulation» Kunstraum Baden, bis 7. Juli.

Ruth Maria Obrist: Mondo Ridotto Galerie 94, bis 30. Juni.