Klassik
Leiden und Feiern in Bukarest: 24 Stunden an den Fersen des Schweizer Komponisten Dieter Ammann

Das Klavierkonzert von Dieter Ammann wurde am berühmten George Enescu Festival aufgeführt. Wir erlebten zusammen mit dem Komponisten Angst, Kritik, Triumph und Erlösung.

Christian Berzins
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Dieter Ammann (links), Dirigent Alexander Liebreich und Pianist Andreas Haefliger im Sala Radio in Bukarest.

Dieter Ammann (links), Dirigent Alexander Liebreich und Pianist Andreas Haefliger im Sala Radio in Bukarest.

Lenny Ammann

Kurz vor der Passkontrolle werde ich wie alle Menschen nervös, fülle im Stehen ein Covid-Quarantänen-Formular aus, frage mich, was wohl bei «C.N.P.» anzugeben sei, und schaue gebannt zum Schalter, von wo gerade zwei junge Leute zurückgeschickt werden.

Dieter Ammann aber schiebt dort vorne eine prall gefüllte Mappe mit Unterlagen unter dem Glas durch und sagt lächelnd: «Meine Frau Yolanda hat alles vorbereitet.» Und siehe da: Ich stehe auch fünf Minuten später noch im Gedränge, derweil der Komponist lässig über den Zoll spaziert, in Rumänien seine erste Zigarette raucht.

Es ist Freitagnachmittag, der Swiss-Flug ist eben in Bukarest angekommen, am «George Enescu Festival» wird am Samstag Ammanns Klavierkonzert aufgeführt. Die Weltpresse hat das Werk nach der Uraufführung bereits hochgelobt, auch SRF hat über die «Gran Toccata» eine eindrückliche Doku gedreht.

Youtube: SRF Kultur

Schön und gut. Aber ein solches Werk muss nicht nur Lob, sondern vor allem ein Leben erhalten, muss über Jahre wieder und wieder gespielt werden. Schritt 2, der Gang in die Welt, ist wichtiger als Schritt 1, die Geburt.

Ammanns Klavierkonzert wird diesen Weg schaffen, denn es ist eine Wucht: Ein Klavier spielender Derwisch tanzt darin durch den Orchesterwald. Die Herausforderung für den Solisten ist enorm, Uraufführungspianist Andreas Haefliger nennt es das schwierigste Klavierkonzert der Geschichte.

Am Lucerne Festival hätte es 2021 endlich zur Schweizer Erstaufführung kommen sollen. Hätte, hätte, Covid-Kette... Die Aufführung in Bukarest ist umso wichtiger, denn dieses Klassikfestival ist zu einem der grössten Europas geworden. Einen Monat lang treten hier die Besten auf: das Concertgebouw Orchester, London Philharmonic und Münchner Philharmoniker, Yuja Wang, Patricia Kopatchinskaja oder Maxim Vengerov – alle(s) da.

Nur Yolanda fehlt, die koordinierende Hand Ammanns. Wie wichtig sie für Ammann ist, wurde mir klar, als ich versuchte, gemeinsam mit dem ehemaligen Composer in Residence des Lucerne Festivals einzuchecken, sodass wir nebeneinandersitzen und mit der Arbeit hätten beginnen können.

Per Whatsapp schreibt Ammann: «Das muss Yolanda machen, und ich weiss nicht, wo sie ist…;)) Normalerweise sage ich Yolanda, wo ich hingehen muss, dann organisiert sie mir die Reise, und wenn sie mitkommt, watschle ich einfach ihr hinterher. Wichtig: Handy eingeschaltet lassen!»

Am ersten Abend wollten Ammann und ich ins Sinfoniekonzert: der Komponist und der Kritiker Schulter an Schulter – und mit konträren Meinungen. Doch mittlerweile ist er zum Essen verabredet. Am Samstag um 10.45 Uhr soll ich in sein Hotel kommen, dort warte ein Fahrer, der uns zum Sala Radio bringt, um 11 Uhr wird geprobt.

Der Bauch schmerzt und Instrumente fehlen

Erst um 11 Uhr kommt Ammann mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Lobby, kaum in den Radio-Katakomben überreicht man ihm zweierlei Medikamente. Sohn Lenny reicht das Wasser.

Im Saal lindert der schönste Lärm der Welt den Schmerz: das Orchester beim Einspielen. Und Ammann beginnt tatsächlich sanft zu strahlen. «Die spielen alle Ausschnitte aus meiner Musik, das ist ein gutes Zeichen!»

Dieter Ammann in Bukarest

Dieter Ammann in Bukarest

Christian Berzins

Die Zeichen waren nämlich nicht gut. Noch vor einem Monat bangte Ammann um die Aufführung, standen dem Transylvania Philharmonic Orchestra of Cluj-Napoca doch nicht alle nötigen Perkussionsinstrumente zur Verfügung. «Bei mir sind die gewählten Klangfarben substanziell, nicht die Effekte», klagte er. «Jetzt sei mal nicht so», denke ich, auch Mozart machte dauernd Kompromisse. Doch die Lage spitzte sich zu.

Am Mittwoch telefonierte Ammann mit dem Dirigenten, der ihm von der mehr schlechten als rechten ersten Probe in Cluj erzählte. Ammann sagte ihm, er solle dem Intendanten ausrichten, dass mindestens in Bukarest alles der Partitur gemäss vorhanden sein müsse. Es klappt fast: Abgesehen vom etwas klein besetzten Orchester, fehlt nur noch der Gong. Mit dem Synthesizer wird er ersetzt.

Bei der Probe in Bukarest.

bez

Doch kaum schlägt Haefliger den ersten Ton an, ist die gute Stimmung futsch: «Das Haltepedal des Flügels funktioniert nicht!», bedauert Ammann. Ein Auswechseln des Flügels ist unmöglich, schon sieben Jahre plage sich der Klavierstimmer mit dem Problem herum, erfahren wir später. Trotzdem versinkt Ammann in den tausend Stimmen – und sagt zum Schluss freudig überrascht: «Das wird richtig gut!»

Er bedankt sich beim Orchester, erklärt kurz die Idee des Werks und gibt dann noch den Rat mit, man könne durchaus leiser spielen. Der Dirigent spricht derweil von einer Baustellenbegradigung. Wie auch immer: Gewisse Musiker bleiben sitzen, üben weiter, Ammann zieht den Hut: «Wahnsinn, das sind tolle Musiker!», und fügt dann mit schweizerischer Bescheidenheit an: «Jetzt habe ich schon etwas Freude.»

Plaudern, Diskutieren, Blödeln und Entspannen zwischen Probe und Konzert im Kaffee.

Plaudern, Diskutieren, Blödeln und Entspannen zwischen Probe und Konzert im Kaffee.

bez

Es ist 12.30, um 13.30 Uhr ist Konzertbeginn. Ums Eck gibt’s Cappuccino, für Ammanns Bauch eine Cola, gegen seine Verspannung eine Massage aus Pianistenhänden. Wie immer dreht bei ihm alles im Kopf und kommt ungefiltert aufs Tablett: Von der kommenden Abstimmungsparole, über zwei vorbeispazierende Rumäninnen geht der Diskurs zur linken Hand von Andreas Haefliger.

Ich mahne um 13.18 Uhr zum Aufbruch, da wir um 13.30 Uhr im Saal sitzen müssten, und witzle, er, der Pianist, müsse sowieso noch zum Coiffeur. «Er ist ein Künstler!», lacht Ammann, und bereits reden die zwei über die Rubati in der Kadenz. Arm in Arm spazieren sie dem Konzertsaal entgegen, gerade so, als ginge es zum Penaltyschiessen. Beim Abschied sagt Ammann: «Andreas, Du bist ein Titan!» «Dieter, Du auch», möchte man anfügen.

Als Ginge es zum Penaltyschiessen: Komponist und Pianist kurz vor dem Konzert.

Als Ginge es zum Penaltyschiessen: Komponist und Pianist kurz vor dem Konzert.

bez

Die gute Nachricht zum Konzertbeginn: Das Pedal funktioniert und Andreas Haefliger stürzt sich mit vulkanischem Furor in das Werk. Die zwei schlechten Nachrichten: Die 900 Plätze sind bloss zu zehn Prozent belegt und der Seitenwender hat offenbar keinen Kaffee bekommen. Mitten im aufregendsten Wettstreit von Orchester und Klavier schreit Haefliger: «Nooo!» Der Kerl neben ihm hat tatsächlich überblättert. Ammann zuckt zusammen, Haefliger hämmert die nächsten 30 Takte adrenalindurchströmt in die Tasten.

Aus dem Jubel wird stehende Ovation

Nach 15 Minuten sind 31 Minuten um – Schlussakkord. Ammann will schon befreit aufspringen, applaudiert, bis man ihn auf die Bühne bitte, er schlängelt sich durch die Reihen zum Podium, umarmt Pianist und Dirigent und dankt der Konzertmeisterin. Der Jubel steigert sich zur stehenden Ovation.

Komponist aufs Podium! Andreas Haefliger bittet Dieter Ammann auf die Bühne.

Komponist aufs Podium! Andreas Haefliger bittet Dieter Ammann auf die Bühne.

Robert Ghement / EPA

Ammann bräuchte jetzt die Zigarette danach. Doch vorerst stehen da Menschen, die ihm gratulieren wollen. Der Vater eines rumänischen Kompositionsschülers schenkt ihm den Rosé-Wein eines berühmten lokalen Weingutes, derweil vor Andreas Haefligers Künstlerzimmer sechs Damen warten.

Mit der Limousine geht es kurz ins Hotel, dann durch den Samstagnachmittagstau zu einem Podium, wo junge Kompositionsschüler grosse Augen machen und die Ohren spitzen. Wir kommen zu spät, aber gerade noch rechtzeitig für Ammanns Auftritt. Der Tscheche Jiří Kadeřábek, Ammann und der Rumäne Dan Dediu diskutieren über ihre Kunst und die fehlende Motivation im Coronajahr. Ammann schockt die Anwesenden, dass er 2020 gerade mal 20 Takte komponiert hat.

Es ist heiss im 5. Stock des Konservatoriums, Ammann ist müde. Aber kaum ist die Diskussion aus, beginnen die persönlichen Gespräche. Als wir um 18.30 Uhr den Saal verlassen, geht’s direkt zum Restaurant. Haefliger sitzt bereits im Bistro, einen Gin vor sich. Alsbald kommt Dirigent Alexander Liebreich lächelnd, aber innerlich immer noch bewegt, wie er gesteht.

Gänseleber, Austern, rumänischer Wein und Rindskotelett

Das Amuse Bouche wird aufgetragen, da gibt es Austern, hier Gänseleberpastete. Zum Hauptgang wollen alle Rindskotelett essen. Es wird so viel serviert, dass 12 Leute satt werden würden – und doch ist gegen 23 Uhr fast alles weg. Der Allerwelt-Chardonnay ist rasch leer, rumänische Weine, die so schön wie Märchengestalten klingen, lösen ihn stolz ab.

Ob Negru de Dragasani oder Feteasca Neagra – immer wieder ist das Klavierkonzert das Thema. Und hundert andere Dinge auch: Igor Levit, eine Aufführung von Ammanns Klavierkonzert in Nordkorea, Pinot Noir, Ammanns neues Bratschenkonzert, George Enescu, Heimweh und ein neuer Konzertsaal am Vierwaldstättersee. Es ist einer jener späten Sommerabende, die man nie vergessen will und deren melancholisches Ende man so lange wie möglich herauszögert.

Auf dem Hotelvorplatz erinnert sich jemand an den geschenkten Rosé. Ammanns Sohn Lenny eilt ins Zimmer, giesst ihn alsbald in Plastikbecher. Es ist wie die allerletzte Zugabe eines Konzertes, ein Festhalten des Moments vor der Stille. Am Morgen ist das Ohr leer. Die nächste Aufführung der «Gran Toccata» aber wird ein neues Abenteuer.

CD: Ammann, Ravel, Bartok: Susanna Mälkki, Helsinki Philharmonic, Andreas Haefliger, Bis 2020
Ammann live: Tonhalle Zürich, 3.12. (gespielt wird das Orchesterwerk «Turn»)

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