Klassik
Alte Reithalle Aarau: Triumph über die Durchschnittlichkeit

Das erste Konzert des Argovia Philharmonic in der Alten Reithalle zeigt, dass der Aargau endlich über einen Saal verfügt, wo sein Orchester sein Potenzial zeigen kann.

Christian Berzins
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Stolzer Chefdirigent Rune Bergmann und das Argovia Philharmonic in der Alten Reithalle.

Stolzer Chefdirigent Rune Bergmann und das Argovia Philharmonic in der Alten Reithalle.

argovia philharmonic/Patrick Hürlimann

Seit 30 Jahren besuche ich Konzerte in Aarau. Immer wieder trat ich in diesen «Saalbau», der irgendwann KuK, Kultur- und Kongresshaus, hiess. Den Mittelvokal tauschte ich rasch mit einem «a» aus.

Einen Lichtblick gab es früh. Im November 2001 sagte mir Douglas Bostock, neuer Chefdirigent des Aargauer Symphonieorchesters, auf die Frage, ob es hier Probleme gäbe: «Schlechte Säle, ungeeignete Kirchen. Wir brauchen eine neue Bühne: Bis nächste Saison muss es in Aarau eine neue Bühne geben.»

Gut möglich, dass Orchester-Präsident Jürg Schärer darüber laut lachte. Am Freitagabend aber in der Alten Reithalle, dem nigelnagelneuen Aarauer Konzertsaal, zitierte er diese Interviewpassage in seiner wunderbaren Festrede.

Ich hätte Bostock damals 2001 umarmen können. Er sagte nämlich, was ich dachte, aber niemand im Aargau schreiben durfte. Wenn es mit diesem Orchester aufwärtsgehen sollte (der Titel des Interviews lautet «Entweder nach oben oder wieder weg»), müsste ein neuer Saal her. Er und ich träumten bald von der «Aare-Philharmonie» – und nichts geschah, obwohl der Aargau der drittstärkste Wirtschaftskanton der Schweiz blieb. Wir erstellen eine Liste der im Aargau wohnhaften Superreichen und träumten nun von der «Triumph-Hall».

Ohne Jürg Schärer gäbe es den Saal nicht

Jetzt ist die Zeitenwende da, der Saal fertig, gewachsen aus alten Mauern. Dass es so ist, ist nicht nur Jürg Schärer, sondern auch Christian Weidmann, dem ehemaligen Argovia-Philharmonic-Intendanten, zu verdanken.

Die Akustik in der Alten Reithalle ist grossartig.

Die Akustik in der Alten Reithalle ist grossartig.

argovia philharmonic/Patrick Hürlimann

In einem Pausengespräch im Januar 2015 im KuK plauderten wir darüber, dass auch das Argovia Philharmonic in die Reithalle einziehen könnte. Das war zu einem Zeitpunkt völlig überraschend, denn die Akte «Oxer» drohte zu verstauben. Zufällig war ich mit einer Lokalredaktorin im Konzert. «Ruf Weidmann morgen an!», bat ich sie beim Abschied mit Nachdruck.

Weidmann präzisierte für ihren, wie eine Bombe einschlagenden Artikel seine Aussage: «Es geht aber nur, wenn die Reithalle nicht verbaut, sondern bloss wintertauglich gemacht wird. Das heisst: Eine Heizung müsste rein, ein Boden ebenfalls, die Fenster müssten ­gemacht und das Dach schallisoliert werden. Wenn das Orchester ein Pianissimo spielt, darf man draussen keinen Töff starten hören.»

Am Freitag fand dort das erste Sinfoniekonzert statt – trotz Eiseskälte im Nacken begann ich zu träumen. Die Klangwucht ist nämlich unglaublich, diese Akustik packt, sie nimmt ein. Töne beginnen hier zu fliegen. Piani klingen, Pauken schlagen physisch auf den Körper, die Tutti sind erstaunlich klar und durchhörbar. Der Klang geht in den Saal, schwebt rundum.

Der erste Ton, kurz nach 19 Uhr, gespielt von einem Alphorn, war eine Katastrophe. Aber dann wuchs er zu einem so wohligwarmen Motiv an, dass es Johannes Brahms einst ins Finale seiner 1. Sinfonie eingebaut hatte. Dort erklang es am Freitag in aller Pracht im Finale der gleichen Sinfonie um 21.20 Uhr.

Daniel Schnyder hat ebendieses Alphorn-Motiv seinem neusten Werk vorangestellt. Es mag mit «Argovia, Symphonie Nr. 5, Pastorale» einen anmassenden Titel haben, aber es ist eine hinreissende Boutique-Fantasie. In 12 Minuten durchreist man mit viel Perkussion unterstützt Klang-Welten, die Aare hinab bis ans Meer.

Hautnah dabei.

Hautnah dabei.

argovia philharmonic/Patrick Hürlimann

Dann war der zweite Schnyder dran, Oliver. Der Aargauer Pianist zeigte mit Beethovens 1. Klavierkonzert, welch famoser Musikdenker er ist. Er wies mit Gelassenheit auf die Grösse dieser Musik, setzte ihr nichts auf, wusste, dass da Kühnes im Innern rumort. Schnyder zaubert mit Zurückhaltung – und entfacht einen prächtigen Farbenreichtum. Die Holzbläser kommentierten sein Spiel hochintelligent plaudernd, ja selten hat das Argovia Philharmonic einen Solisten so intensiv begleitet.

Nach der Welturaufführung das Orchesterfest

Rune Bergmann, Chefdirigent des Argovia Philharmonic, hatte bei der ersten Probe in der Reithalle gesagt, dass er das Potenzial des Orchesters nun das erste Mal gehört habe, bisher konnte er es nur sehen. Damals lächelte ich über den Satz, dachte: «Dir werden noch die Augen aufgehen.» Aber nun weiss ich, was er meinte. Beflügelt durch die Besonderheit der Stunde wuchs das Argovia Philharmonic über sich hinaus – oder aber es zeigte, was es kann.

Klassisch gestuhlt bietet die Alte Reithalle Platz für 550 Besucher und Besucherinnen.

Klassisch gestuhlt bietet die Alte Reithalle Platz für 550 Besucher und Besucherinnen.

argovia philharmonic/Patrick Hürlimann

Brahms 1. Sinfonie war ein Akt der Willensleistung. Die Kompaktheit der Streicher, die Kühnheit des Blechs und die Könnerschaft der Holzbläser stachen nicht nur im Detail, sondern eben in ihrer ganzen Mischung heraus. Und wie Konzertmeister Ulrich Poschner überlegen mit seinem Solo den 2. Satz beendete, war genauso hinreissend wie das zweite Aufleuchten des Alphorn-Motivs…

Jubel – und überall Vorfreude auf die nächsten Konzerte an diesem Ort. Früher war man froh, nicht so schnell wieder im KuK zu sein

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