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«Der Mauretanier»: Das ist die wahre Geschichte des Guantanamohäftlings Mohamedou Ould Slahi

Die Verfilmung des jahrelangen Leidenswegs des angeblichen 9/11-Drahtziehers und Guantanamohäftlings geht unter die Haut. Warum ein Mann ein Stigma trotz Unschuld nicht los wird.

Daniel Fuchs
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Soll seinen Anwältinnen schildern, was ihm widerfuhr: Tahir Rahim als Mohamedou Ould Slahi in «The Mauritanian».

Soll seinen Anwältinnen schildern, was ihm widerfuhr: Tahir Rahim als Mohamedou Ould Slahi in «The Mauritanian».

Bild: Impuls Pictures

Bald sind es 20 Jahre her, seit die USA Terrorverdächtige in Guantanamo gefangen hält. Fast 15 davon verbrachte Mohamedou Ould Slahi dort, ohne Anklage. Die ersten Gefangenen kamen nach den Terrorattentaten 2001 in den USA im Gefangenenlager neben dem gleichnamigen US-Luftwaffenstützpunkt in Kuba an.

Für amerikanische Ermittler gilt Slahi als einer der Drahtzieher von 9/11. Die unter Druck und zum Teil unter Folter erzwungenen Geständnisse taugten jedoch nie für ein Verfahren vor Gericht. Mohamedou Ould Slahi ist unschuldig, 2016 wurde er freigelassen und in seine Heimat Mauretanien abgeschoben. Das Stigma «Terrorist» aber hängt bis heute an ihm. Viele Staaten verweigern ihm auf Druck der Amerikaner bis heute Reisevisa.

Der Spielfilm «The Mauritanian» von Kevin Macdonald («The Last King of Scotland») zeichnet Slahis unglaubliche aber wahre Geschichte nach.

Wer kriegt schon einen Anruf von einem Telefon bin Ladens?

Slahi, der ein Stipendium für ein Studium in Elektrotechnik in Deutschland erhalten hatte, reiste in den 1980ern als Student mehrmals nach Afghanistan und kämpfte mit den Mujaheddin an der Seite der USA gegen die Sowjets. Namentlich seine Kontakte zu einer Gruppe, aus der später Osama bin Ladens Al-Kaida entstand, wurden Slahi zum Verhängnis. Ein abgehörter Anruf seines Cousins von einem auf Osama bin Laden lautenden Telefon sowie eine Übernachtung eines der 9/11-Attentäters in Slahis Wohnung in Duisburg nährten den Verdacht.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 waren die amerikanischen Terroristenjäger überzeugt, Slahi war involviert. In den USA drohte ihm die Giftspritze. Und Nancy Hollander war die Anwältin, die ihren in Wahrheit unschuldigen Klienten mit unermüdlichem Einsatz davor bewahrte. So die Story, die es als Buchvorlage gibt. Die schriftlichen Schilderungen, die Slahi in Isolationshaft verfasste und seinen Anwältinnen schicken durfte, dienten als Basis dafür. Es ist der perfekte Stoff für einen Film.

Zermürbende Verhöre, verstörende Folter

Diese Woche läuft er bei uns im Kino an, nachdem er Anfang Monat die Sommer-Publikumsedition der diesjährigen Berlinale eröffnet hat. Jodie Foster spielt die Anwältin Nancy Hollander, die sie dafür um Erlaubnis bat. Der Franzose Tahir Rahim, nach Auftritten in «Un prophète» von Jacques Audiard und vor kurzem in der erfolgreichen Netflix-Miniserie «The Serpent» als Hippie-Touristenmörder in aller Munde, verkörpert den Guantanamohäftling Slahi. Beiden Schauspielern sind die Figuren wie auf den Leib geschrieben. Das beweisen die Aufnahmen der echten Protagonisten im Abspann des Films.

Trailer zu «The Mauritanian».

Quelle: Youtube

Die Geschichte ist streng chronologisch erzählt. Wenn Slahi in den Briefen an seine Anwältinnen seinen Leidensweg schildert, kommen Aufnahmen im 3:4-Format zum Einsatz. Wie er in seinem mauretanischen Heimatdorf während eines Besuchs von der örtlichen Polizei abgeholt wird, weil die Amerikaner mit ihm sprechen wollen und er im Rückspiegel des Autos seine Mutter ein allerletztes Mal sieht. Später die Szenen, wie er vom US-Geheimdienst verschleppt und via Gefängnisse in Jordanien und Afghanistan schliesslich in Guantanamo ankommt.

Dort die Verhöre, zuerst gesittet, ehe er in den Händen der Militärs und Folterknechte landet. Einmal schleppen sie ihn in Ketten und mit einem Sack über dem Kopf auf einem Motorboot hinaus in die karibische See. Und simulieren, dass sie ihn ertränken.

Natürlich etwas vorhersehbar, aber ein durchwegs emotionaler Ritt

Die Ermittlungen der Amerikaner, eine Farce? Der federführender Staatsanwalt der Army blickt hinter die summarisch zusammengefassten Verhörprotokolle und legt sein Amt nieder, weil er realisiert, dass Geständnisse nur unter Folter zustande kamen; Hollander, die den Schilderungen ihres Klienten glaubt; und Slahi selbst, der im Gegensatz zu anderen Guantanamohäftlingen nie die Hoffnung verliert: Das ist ein ganz schöner emotionaler Ritt und lässt einem nicht los. Auch wenn er nach bekannten Strickmuster konzipiert und wegen des realen Hintergrunds natürlich etwas gar vorhersehbar ist.

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