Kino
Der kanadische Spielfilm «Kuessipan» wurde im Reservat mit Indigenen gedreht

«Kuessipan» nach dem Buch von Naomi Fontaine ist eine warmherzige Geschichte über das Erwachsenwerden in einer indigenen Gemeinde in Québec.

Regina Grüter
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Finden immer wieder zueinander: Mikuan (Sharon Fontaine-Ishpatao) und Shaniss (Yamie Grégoire).

Finden immer wieder zueinander: Mikuan (Sharon Fontaine-Ishpatao) und Shaniss (Yamie Grégoire).

«Das Zentrum meiner Welt liegt in einer Bucht. Einer sandigen Bucht, das halbe Jahr von Schnee bedeckt. Rechteckige Häuser, Sand an der Eingangstür. Die Türen sind nie abgeschlossen.»So beschreibt Mikuan das Innu-Reservat Uashat in der Provinz Québec; die Innu zählen zu den First Nations in Kanada. Ihre beste Freundin seit Kindertagen ist Shaniss. Die beiden haben sich geschworen, sich nie zu trennen.

Während Shaniss bereits Mutter ist, verliebt sich Mikuan im Schreibkurs in einen Weissen. Weggehen oder bleiben? Die Freundinnen sind verschiedener Meinung, was ihre Verantwortung gegenüber ihrem Volk angeht und wie sie ihr Leben leben sollen oder eben wollen. Wie in allen Filmen über das Erwachsenwerden geht es um Fragen der Identität und der Selbstfindung, darum, wo man die Grenze zieht zwischen Ich und Gemeinschaft. Oder «zwischen der Bewahrung des kulturellen Reichtums und defensiver Identitätspolitik».

Zugehörigkeit zu einem Ort und seinen Menschen

Es ist eine hochinteressante Frage, die die 42-jährige weisse, in einem Vorort von Quebec City aufgewachsene Regisseurin Myriam Verreault stellt. Die Hauptstadt der grösstenteils französischsprachigen kanadischen Provinz liegt acht Autostunden von Uashat entfernt; Sept-Îles, wo Mikuans Freund Francis lebt, gerade mal fünfzehn Minuten. Aber die Weissen und die Innu würden sich nicht kennen, sagt Verreault.

Mit «Kuessipan» erzählt sie eine Geschichte über Freundschaft, Familie und Zusammengehörigkeit aus der Innu-Gemeinschaft heraus und nicht über sie. Kanada hat erst gerade negative Schlagzeilen gemacht mit der erschütternden Entdeckung von Überresten von Kinderleichen auf dem Gelände eines früheren Ureinwohner-Internats.

Premierminister Justin Trudeau sprach von einer «schamvollen Erinnerung an den systemischen Rassismus, an Diskriminierung und Ungerechtigkeit». Auch der renommierte Quebecer Theaterregisseur Robert Lepage geriet 2018 in die Kritik, da in seinem Stück «Kanata» über Indigene keine indigenen Schauspielerinnen und Schauspieler zu finden waren.

Verreault hat es anders gemacht. Zusammen mit Naomi Fontaine, von ihr stammt das gleichnamige Buch, hat sie das Drehbuch verfasst. Erst einmal aber hat sie ganz viel Zeit in Uashat verbracht und die Darstellerinnen und Darsteller dort gesucht und gefunden.

«Kuessipan» nimmt vielleicht eine dramatische Wendung zu viel. Aber Myriam Verreault hat ihre eigenen künstlerischen Ambitionen zu Gunsten einer vertieften Figurenzeichnung und einer traditionelleren Erzählweise zurückgesteckt. So erreicht sie mehr Leute. Und das ist gut so. Die Regisseurin äussert sich folgendermassen dazu:

«Zudem sind die Menschen und Schauplätze so unbekannt, dass sie es sind, die die neue Dimension miteinbringen.»

Genau so sieht man das auch. Am wichtigsten scheint, wie das Schauspielensemble den Film sieht. Sharon Fontaine-Ishpatao in der Rolle der Mikuan, die selbst in Uashat geboren wurde, sagt lapidar: «‹Kuessipan› ist authentisch, genau wie seine Darstellenden.»

Étienne Galloy spielt ihren Freund Francis. Stellvertretend für alle Nicht-Innu hält er über seine eigene Reise mit «Kuessipan» und die des Kinopublikums fest: «Es ist eine der schönsten Reisen, die es gibt, weil man am Ende dieses Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Ort und seinen Menschen hat.»

«Kuessipan» (Kanada 2019), 117 Minuten, Regie: Myriam Verreault, ab 12. August im Kino.

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