Literatur
Kathleen Collins schildert das Amerika der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er-Jahren

Sie war Filmemacherin, Dichterin – und kämpfte für das Wahlrecht der Schwarzen. Nun sind die lange unter Verschluss gehaltenen Storys der 1988 verstorbenen Afro-Amerikanerin Kathleen Collins auf Deutsch erschienen.

Peter Henning
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Kathleen Collins.

Kathleen Collins.

2015 Nina Lorez Collins and Milestone Films

Es ist die Geschichte einer grossen Verspätung, welche der jetzt im Zürcher Kampa Verlag erschienene Storyband «Nur ein Mal» der afro-amerikanischen Schriftstellerin und Filmemacherin Kathleen Collins indirekt miterzählt. Denn Collins’ Buch, das jahrzehntelang im Verborgenen einer Truhe schlummerte, ehe ihre Tochter Nina deren Inhalt sichtete und die darin vorgefundenen Storys 2016 veröffentlichte, spült eine grosse, lange Zeit Vergessene der amerikanischen Literatur ans Licht.

Mit der 1988 46-jährig Verstorbenen ist nun sowohl eine bedeutende Schriftstellerin als auch eine engagierte Filmemacherin und ehemalige Politaktivistin zu entdecken, die schon 1962 in Georgia für das Wahlrecht der Schwarzen kämpfte. Ihre endlich auch auf Deutsch vorliegenden Storys zählen zum Schönsten und Ergreifendsten, was die US-Literatur der letzten 50 Jahre hervorgebracht hat.

Kathleen Collins, 1942 in New Jersey geboren, war – künstlerisch betrachtet – ein Kind der Sechzigerjahre. Das illustriert anschaulich ihr endlich zugänglich gewordener Nachlass. Darin fanden sich neben den nun vorliegenden Storys und einer Handvoll Theaterstücke zudem ein halbes Dutzend Drehbücher und ihre aufschlussreichen Tagebuchnotizen, in denen noch einmal bildhaft jene Sechzigerjahre auferstehen, vor deren Hintergrund die Autorin auf den unterschiedlichsten künstlerischen Ebenen agierte. Sie tat es nämlich sowohl als Schriftstelle- rin als auch als Filmemacherin, deren seinerzeit entstandenes Hauptwerk «Losing Ground», das die Ehekrise einer Philosophie-Professorin beschreibt, 1983 unter dem Titel «Auf schwankendem Grund» im deutschen Fernsehen zu sehen war. Und es ist ein politisch aufgeheiztes Amerika, in das uns sowohl ihr Film als auch ihre Storys zurückversetzen. Denn es wird noch vier Jahre dauern, bis Lyndon B. Johnson 1964 durch den vom ihm initiierten «Civil Rights Act» die bestehende Rassentrennung abschaffen wird.

Aufgeheizte Zeit

So hat jener New Yorker Sommer des Jahres 1963, in den Collins Storys zurückblenden, etwas von einem überhitzten Laboratorium, in dem einander abweisend gegenüber stehende chemische Elemente jeden Moment eine riesige Explosion auszulösen scheinen. Mit der Ermordung Kennedys in Dallas, wenige Monate später, wird der Traum eines neuen, wieder jungen Amerika niedergestreckt werden. Und mittendrin: all die von ihrer Sehnsucht nach einer besseren, offeneren US-Gesellschaft auf die Strasse getriebenen Aktivistinnen, Kämpferinnen und Studenten, die man, ist man ihnen einmal begegnet, nie mehr vergisst. Denn Collins lässt sie ihre Anliegen jeweils in einer ganz eigenen Sprache artikulieren. Das changiert zwischen ruppigen Verzweiflungsreden sich notorisch ignoriert und ausgegrenzt fühlender Schwarzer und dem zärtlichen Wispern all jener, die in jenem heissen Sommer im Schatten ihrer Kämpfe der Liebe frönen. «Ich weiss nicht, wie du das aushältst!», sagt in dem Stück «Zerrissene Seele» einer stellvertretend für all jene, die sich – ganz gleich ob schwarz oder weiss – zur damaligen Bürgerrechtsszene zählten und für eine bessere Zukunft stritten. «Ich bin überall in diesem verdammten Land gewesen, und ich schwöre bei Gott, ich begreife nicht, wie du das aushältst! Hier ist es tausend Mal schlimmer als in Afrika. Die Apartheid frisst an unserer Würde, aber sie lässt uns wenigstens unsere Kultur. Wir haben noch unsere Wurzeln, unsere Traditionen.»

Und eben diese beschwört Kathleen Collins in ihren Geschichten. Entsprechend hat man bei deren Lektüre das Gefühl, als füge sich hier in seiner Mehrdimensionalität der Geist James Baldwins mit dem von Toni Morrison zu einem neuen literarischen Versatzstück der literarischen Black History Amerikas. Und wo dereinst Alice Walkers Roman «Die Farbe Lila» 1973 die Schwärmereien junger Schwarzer für eine Volkskultur, zu der sie keine Beziehung mehr haben, thematisierte, da bieten Wurzeln und Traditionen Collins Geschöpfen im Kampf für ihre Rechte sehr wohl noch Halt.

Rein literarisch betrachtet bestechen die hier versammelten, jahrzehntelang wie in einer Zeitkapsel unter Verschluss gehaltenen 16 Storys durch eine sprachliche Schönheit und Lebendigkeit, die staunen macht.

Entwaffnende Direktheit

«Mein Leben ist eine lange Improvisation», bekennt der namenlose Ich-Erzähler gleich zu Beginn des Stücks «Innen». Gleiches muss für Collins selbst gegolten haben, die als Dozentin für Filmgeschichte am New Yorker City College lehrte, wenn sie nicht am Schreibtisch sass und Storys schrieb, im Schneideraum Filmmaterial sichte- te oder für die Rechte der Schwarzen kämpfte. Denn lässt man das nicht eben lange, aber offenbar bis zuletzt höchst intensive Leben dieser afro-amerikanischen Dichterin Revue passieren, so tritt einem daraus eine Person entgegen, die ihre diversen Talente stets improvisatorisch in Kunst überführte.

Darin erinnern ihre Arbeiten an die ihre Landsmannes John Cassavetes, der sich mit seinem Film «Faces» 1968 ebenfalls höchst engagiert in die damalige Bürgerrechtsbewegung einmischte und für die Belange der Schwarzen eintrat. Denn ähnlich wie der Vater des amerikanischen Independent-Films, der bewusst auf freie Improvisationen setzte, statt strikten Drehbuchvorgaben zu folgen, um – wie er das nannte – «das Leben zu erzählen», leben auch Collins Storys von ihrer bisweilen geradezu entwaffnenden Direktheit und Spontaneität. Oft ist es die gesprochene ungeglättete Sprache, deren vibrierende ursprüngliche Lebendigkeit sie nutzt, um in ihren Texten über fragwürdig gewordene Konzepte wie Rasse, Geschlecht oder Herkunft nachzudenken. Das verleiht ihnen eine grosse Authentizität.

So ist es allem voran eine unbändige Sehnsucht nach Licht, Nähe, Gleichheit, Verständnis und dem gemeinsamen mutigen Überschreiten bestehender, innergesellschaftlicher Grenzen, die sich in Kathleen Collins endlich vorliegenden Storys immer neu vielstimmig artikuliert. Sie jetzt zu lesen ist, trotz der grossen zeitlichen Verzögerung, noch immer ein exquisites Vergnügen!

Kathleen Collins «Nur ein Mal». Storys. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Kampa Verlag, Zürich 2018. 188 Seiten.

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