Aargauer Wörterbuch

Karfange, oh mano: Zwei Sprachforscher sind vernarrt in fast vergessene Aargauer Alltagsschätze

Dieter Studer-Joho und Matthias Friedli in einem Büro des Schweizerdeutschen Wörterbuchs Idiotikon in Zürich.

Dieter Studer-Joho und Matthias Friedli in einem Büro des Schweizerdeutschen Wörterbuchs Idiotikon in Zürich.

Dieter Studer-Joho und Matthias Friedli digitalisieren ein Aargauer Wörterbuch und planen ein prall gefülltes Mundartjahr.

Karfange, oh mano, uflig, lidlon, hagute. Wie bitte? Ist keine Fantasy-Sprache, sondern Aargauer Mundart. Heisst soviel wie: Faulig, oh Mann!, munter, Dienstbotenlohn, schimpfen. Die beiden Aargauer Sprachforscher Matthias Friedli und Dieter Studer-Joho sind ganz vernarrt in diese sprachlichen, fast vergessenen Alltagsschätze.

Geht es nach ihnen, so wird 2020 ein Mundartjahr werden. Sie haben nämlich Grosses vor. Im Radio Argovia erklären sie Aargauer Mundartausdrücke und in der Aargauer Zeitung wird jeden Dienstag ein literarischer Mundarttext von Aargauer Schriftstellerinnen und Schriftstellern publiziert, die sich von einem Mundartwort aus dem Wörterbuch von Jakob Hunziker inspirieren lassen.

Im Januar geht’s los. Der Enthusiasmus der beiden ist sofort hörbar: «In meiner Stammbeiz in Muhen reden viele noch Hunziker. Und mich interessiert einfach, woher die Wörter kommen, die ich verwende», sagt Studer-Joho, der zwar in Zürich arbeitet, aber im Aargau lebt. Wissenschaftliche Neugier und alltäglicher Sprachgebrauch kommen hier zusammen: «Ich spreche auch an der Uni zu 80 Prozent Mundart.»

Die Arbeitsbasis von Matthias Friedli und Dieter Studer-Joho aber befindet sich in Zürich: Auf der Mauer 5, fünf Minuten vom Hauptbahnhof, oberhalb des Central. Hunziker2020 heisst ihr Projekt, die Digitalisierung des «Aargauer Wörterbuchs in der Lautform der Leerauer Mundart» von Jakob Hunziker aus dem Jahr 1877 ist in vollem Gang und die Aargauerinnen und Aargauer können ab sofort mitwirken, indem sie bestichworten oder das Wörterbuch online ergänzen.

127'500 Franken kostet das ganze Projekt. Finanziert wird es mit 63'500 Franken aus dem kantonalen Swisslos-Topf und weiteren Sponsorenbeiträgen der Neuen Aargauer Bank und der Göhner-Stiftung.

Idiotikon – dieser Name ist ein genialer PR-Coup

Auf der Mauer 5: Das Parkett knarrt, die Wände der hohen Büroräume in der alten Villa sieht man vor lauter Bücherregalen nicht. Hunderte Mundartbücher stehen griffbereit. Hier arbeitet der Aarauer Gymnasiallehrer Matthias Friedli im Teilpensum für das Schweizerdeutsche Wörterbuch.

Aber was für ein skurriler Name: Idiotikon! Klingt wie ein Lexikon der Idioten. «Aber dieser Name ist doch ein genialer PR-Coup!», sagt Friedlis Kollege Dieter Studer. Idiotikon: Einen so aussergewöhnlichen Namen vergesse man nie mehr. «Entstanden ist er im 18. Jahrhundert und geht auf das griechische idios zurück, was soviel wie eigen oder eigentümlich bedeutet», erklärt Friedli. Eine Handvoll Wissenschafterinnen und Wissenschafter widmen ihm ihr Berufsleben.

Sie sammeln für das Verzeichnis gleichen Namens die Varianten und Besonderheiten der schweizerdeutschen Mundarten.

Dieses noch nicht abgeschlossene Mammutwerk ist bereits über eine Onlineabfrage erschlossen. Dasselbe haben Matthias Friedli und Dieter Studer das ganze Jahr 2019 mit Hunzikers Wörterbuch unternommen – zusammen mit fleissigen Tasten-Gehilfen. Schliesslich galt es, 27'500 Einträge digital zu erschliessen. Die sind aber auf 330 Buchseiten kompakt und leicht lesbar. Ein populäres Buch also.

Dies im Gegensatz zum eher für Spezialisten ausgelegten Idiotikon, das vor allem für Historikerinnen und Sprachforscher zugeschnitten ist. Denn für das Verständnis früherer mundartlicher Texte ist das Idiotikon unverzichtbar. Auch wenn die Benutzung viel Geduld braucht: Alleine dem Wort tue, also tun, machen, widmet das Idiotikon mit allen Bedeutungen und Zusammensetzungen ganze 85 Buchseiten.

Jakob Hunziker war ein regionaler Kulturpessimist

Eng verbunden ist das Hunziker-Wörterbuch mit dem Idiotikon nicht erst seit kurzem. Jakob Hunziker war dem Aufruf des Idiotikon-Gründers Friedrich Staub gefolgt, eine regionale Sammlung mundartlicher Ausdrücke zu erstellen – ab 1866 im Auftrag der Aargauer Kantonallehrerkonferenz.

Er beschränkte sich auf die Leerauer Mundart. Weitere regionale Aargauer Wörterbücher sind nicht entstanden. Hunziker unterrichtete nach Studienjahren in München und Bonn während acht Jahren in Paris Deutsch und klassische Sprachen, wurde 1859 als Lehrer an die Aargauer Kantonsschule berufen, wo er von 1868-1874 auch Rektor war, und widmete sich nebenher der Regionalkultur.

Der weltmännische Gelehrte mit starker regionaler Verbundenheit – das beeindruckt die beiden heutigen Sprachforscher auch heute noch. Auch wenn Hunziker etwas gar kulturpessimistisch argumentierte: «Der alles nivellierende Einfluss moderner Verkehrsmittel, moderner Schule, moderner sozial-politischer Umgestaltung lässt die Mundarten verblassen und setzt sie auf die Aussterbeliste.»

Kaum hatte Jakob Hunziker 1877 sein Mundartwörterbuch abgeschlossen, machte er sich an die Erforschung der Schweizer Bauernhäuser. Die sieben Bände erschienen dann grösstenteils erst nach seinem Tod 1901. Hunzikers Nachlass befindet sich im Aargauer Staatsarchiv. «Leider erfährt man daraus sehr wenig über sein Leben und über sein Vorgehen beim Erarbeiten des Wörterbuchs», sagt Matthias Friedli.

Wie die Franzosen das Schimpfen in die Aargauer Mundart brachten

Ans Aussterben der Mundart glauben die heutigen Sprachforscher nicht. Die vielen Mundart-Sendungen im Radio, der Mundartrock und die Mundartliteratur zeugen von einem Boom der Mundart. So gibt es denn auch überraschende Kontinuität über die Jahrhunderte hinweg: Das bei Hunziker vermerkte, derb tönende huereglük (unverdientes Glück) hört man heute noch und das Wissen darum relativiert das Vorurteil, unsere Sprache verrohe.

Anderes wie etwa blawlächtig für bläulich scheint ausgestorben. Und wenn man sich von Matthias Friedli die Herkunft des Wortes hagute für schimpfen erklären lässt, versteht man sofort die Begeisterung des Sprachforschers für dieses Mundartwörterbuch: «Hagute ist zum französischen aigu, schrill, spitz zu stellen, wie in accent aigu. Vielleicht empfand man dieses é als so aggressiv, dass man dieses Mundartwort hagute für schimpfen und fluchen ableitete.»

Man mag dies als weiteren Beleg sehen, dass Einflüsse von aussen zu eigenen Wortschöpfungen führen können.

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