Autobiografie
Jörg Schneider: Vom Schneeglöggli zum Zürcher «Mafioso»

Jörg Schneider plaudert im Buch «Äxgüsi» aus seinem beruflichen und privaten Leben und lässt den Leser nahe an sich heran.

Rosmarie Mehlin
Merken
Drucken
Teilen
Jörg Schneider schaut in seiner Autobiografie ohne Groll auf sein Leben zurück.

Jörg Schneider schaut in seiner Autobiografie ohne Groll auf sein Leben zurück.

Chris Iseli

«Potz Holzöpfel und Zipfelchappe – für über drei Millionen verkaufte Tonträger ist man gerne der Kasperli der Nation», gesteht Jörg Schneider in seinem dieser Tage erschienenen Buch «Äxgüsi!» Mit dem Titel entschuldigt er sich keineswegs dafür, dass er aus seinem Leben plaudert. Nein, so hiess das Cabaret, das Jörg Schneider vor gut und gerne 60 Jahren gegründet hatte, denn «hauptberuflich war ich ja Seminarist».

Am Lehrerseminar Unterstrass war er gelandet, weil der Vater mit den Schauspieler-Ambitionen seines Sohnes nicht einverstanden war. Der aber hatte schon im Kindergarten mit Leidenschaft ein Schneeglöggli gespielt, etwas später im Trockenraum des elterlichen Einfamilienhauses in Zürich Altstetten das «Kindertheater Jörg Schneider» eingerichtet und selbstverfasste Stücke aufgeführt.

Als Eleve in der Ballettschule des Stadttheaters stand er im Märchen «Max und Moritz» als Hund Spitz auf der Bühne. «Nun, ich muss so gut gebellt und mit dem Schwanz gewedelt haben, dass ich dem Regisseur der Operette aufgefallen bin. Er besetzte mit mir im ‹Fidelen Bauer› die Rolle des Heinerle.»

Das war 1946, und im selben Jahr stand Schneider in der Puccini-Oper «Gianni Schicchi» erneut auf der Stadttheater-Bühne – zusammen mit Weltstar Lisa Della Casa: «Ich spielte ihren Sohn, den kleinen Gherardino.»

Grosse Liebe und Tragödien

Der Werdegang vom Möchtegern- zum Berufsschauspieler Jörg Schneider steckt für den Leser voller Überraschungen. Da erfährt man etwa, dass er Gesang studiert hat. Aber «ich habe das klassische Singen bald einmal aufgegeben. Mittelmässige Tenöre gibt es genug.» Zwischen spürbarem – und notabene berechtigtem – Stolz auf Geleistetes fehlen auch Erinnerungen an Misserfolge, Enttäuschungen und kleine, selbstironisch zu Papier gebrachte Unzulänglichkeiten nicht.

Zeitlich sind sie nicht genau einzuordnen, da der Autor – wie er selbst gesteht – sich mit Jahreszahlen schwertut.

Auch wenn nicht klar ist, wann er in Heidelberg, wann in Düsseldorf und in Berlin auf der Bühne gestanden hat, so sind diese Erinnerungen doch Trouvaillen, lernt man bei diesen Blicken über den Zürcher Theater-Tellerrand hinaus wenig bekannte Seiten des Schauspielers kennen.

Auch privat lässt Schneider seine Leser nahe an sich heran. Recht intim schreibt über seine erste Liebe Lotti und plaudert ausgiebig über die grosse Liebe zu seiner Frau Romy sowie ihren gemeinsamen Sohn Urs.

Ebenso beachtlich wie berührend ist die Offenheit, mit der er in einem Kapitel die Alkoholkrankheit und den Tod von Urs schildert. «Natürlich versuche ich, meinem Publikum auch privat so zu begegnen, wie es mich kennt, aufgestellt und heiter. Es wäre gelogen, wenn ich das ‹Bad in der Menge› nicht geniessen würde. Aber es gibt Momente, wo es mir schwerfällt, die erwartete Fröhlichkeit aufzubringen. Momente, in denen ich dankbar wäre, nicht angesprochen zu werden.»

Auch sein Krebs ist Thema

Eindrücklich ist auch die «Denkpause» mitten in «Äxgüsi»: Vor einem halben Jahr liegt Schneider mit der Diagnose Krebs im Krankenbett und denkt – zwischen Zweifeln und Zorn – darüber nach, was er in seinem Leben erreicht hat. In diesem Kapitel kommt er uns Lesern ganz nah, ist nicht Schauspieler, nur einfach Mensch.

Natürlich überwiegen die Erinnerungen an ein langes und intensives Schauspielerleben. Dessen Erfolg nahm in den 70er-Jahren seinen Anfang, also während der Hochblüte der Zürcher «Unterhaltungs-Mafia», wie die Macher damals hinter kaum vorgehaltener Hand in der Stadt tituliert wurden.

«Heute weiss man, dass das einzige Verbrechen der Zürcher Mafia die Tatsache war, viele erfolgreiche Produktionen auf die Bühne gebracht zu haben. Und das immer nach der Devise: Never change a winning team.»

Die «Mafiosi» hinter den Kulissen waren Hans Gmür als «unbestrittener Pate», Karl Suter, Werner Wollenberger, Hans Moeckel und Edi Baur. «In der zweiten Reihe standen Ruedi Walter, Margrit Rainer, Ines Torelli und ich. Als Sympathisanten und gelegentliche Mitläufer wurden Stephanie Glaser, Inigo Gallo, Paul Bühlmann und Edi Huber verdächtigt.»

Das Buch ist besonders auch eine liebenswerte Hommage von Schneider an diese seine Kolleginnen und Kollegen; es setzt ihnen ein makelloses Denkmal.

Im Kapitel «Die Wahrheit über Eynar Grabowsky» hingegen geht Schneider mit dem ebenso rührigen wie geschäftlich chaotischen Direktor des Bernhardtheaters und Tournee-Unternehmer so schonungslos um, wie Westernhelden mit Banditen umzugehen pflegen.

«Äxgüsi» ist ebenso eine Autobiografie, wie es ein Stück Zürcher Theatergeschichte verewigt. Wer diese Geschichte über viele Jahre verfolgt und miterlebt hat, liest das Buch mit Wonne und hat dabei gar so manch nostalgisches Aha-Erlebnis. Inwieweit «Äxgüsi» auch einer jüngeren Generation, bei deren Unkenntnis von gar so manchen der darin erwähnten Personen, die Hochblüte des Zürcher Boulevard-Theaters näher zu bringen vermag, wird sich weisen.